Marokko - Von der Schwierigkeit, Atheist zu sein

Paul Blondè veröffentlicht am 08 September 2020 12 min

Im Anschluss an den Arabischen Frühling strömten 2011 Zehntausende marokkanische Demonstranten auf die Straßen, um mehr Demokratie zu fordern. Unter ihnen zahlreiche Atheisten, die das Recht einklagten, die eigene Religion wählen zu können oder ungläubig zu sein. Doch trotz der Hoffnungen von damals bleibt Marokko, im Mai vom deutschen Bundestag als sicheres Herkunftsland eingestuft, grundlegend durch den Islam strukturiert. Wie schaffen es die dortigen Atheisten, in dieser Welt des Glaubens nicht zu glauben?

Ob du glaubst oder nicht glaubst, ob du deinen Glauben praktizierst oder nicht, in Marokko bist du Muslim, Punkt. Dein Leben lang.“ Kader, freischaffender Fotograf Anfang dreißig, ist Araber und Marokkaner. Was ihn aus der Sicht des Gesetzes, der Verfassung und der Gesellschaft seines Landes zu einem Muslim macht.

2011, einige Monate nach der Kundgebungswelle der Protestbewegung 20. Februar, setzte König Mohammed VI. ein Verfassungsreferendum in Gang. Die herrschende islamistische Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD) drohte damit, ihm ihre Stimme zu verweigern, sollte die Meinungsfreiheit garantiert werden – was ihrer Argumentation zufolge „ein Angriff auf die islamische Identität des Landes“ sei. So heißt es in der im Juli 2011 revidierten Verfassung nun: „Der Islam ist die Staatsreligion, die allen die freie Ausübung ihres Glaubens garantiert.“ „Dieses Gesetz ist sehr vage“, erklärt die Aktivistin Ibtissame „Betty“ Lachgar, Mitgründerin der Alternativbewegung für intellektuelle Freiheiten (MALI). „Faktisch soll jeder Marokkaner Muslim sein – mit Ausnahme der Juden, die einen besonderen Status haben. Bekennt man sich zu einer anderen Religion, sieht man sich mit einem Verfassungsartikel konfrontiert, der ein Jahr Gefängnis für Proselytismus verhängt, weil man den Glauben eines Muslims erschüttert habe.“

Noch heute kann in Marokko das Essen oder Trinken in der Öffentlichkeit während des Ramadan mit sechs Monaten Haft geahndet werden. Die Moudawana, die marokkanische Gesetzgebung zum Personenstand (die dem Familienrecht entspricht), fußt auf der Scharia. An der Schule ist die Lehre des sunnitisch-malikitischen Islam obligatorisch.

Marokko jedoch, besorgt um sein Bild im Ausland, beteuert regelmäßig, dass es beispielhaft für einen moderaten, offenen und toleranten Islam sei, und sich dadurch auch vor einem radikalen Islam, insbesondere dem Wahhabismus, schütze. Der Vergleich mit dieser rigiden politisch-religiösen Lehre, der Staatsdoktrin Saudi-Arabiens, taucht unweigerlich in jedem Gespräch mit Marokkanern über dieses Thema auf, so beunruhigt sind sie über den saudischen Einf luss. Die marokkanische Gesellschaft ist freilich nicht gleichzusetzen mit der saudischen, wo ein Abfall vom Glauben mit dem Tod durch Enthauptung mit dem Schwert bestraft werden kann. Dennoch zeigen die Aussagen von marokkanischen Atheisten wie Kader, dass es im Scherifenreich äußerst schwierig ist, im Alltag mit einer nichtreligiösen Weltanschauung zu leben. Wie aber kommt es überhaupt dazu, dass Menschen inmitten einer gläubigen Welt nicht glauben? Wie entsteht der Zweifel? Und wie positioniert man sich in einer solchen Gesellschaft als Atheist?

 

Die Saat des Zweifels

Diese Fragen regen dazu an, ein Buch wieder zu lesen, das der französische Historiker Lucien Febvre 1942 veröffentlichte: „Das Problem des Unglaubens im 16. Jahrhundert. Die Religion des Rabelais“. In dem Schriftsteller François Rabelais hat man zuweilen den Herold der Atheisten des 16. Jahrhunderts sehen wollen. Mit einer sorgfältigen Analyse von Rabelais’ Verhältnis zur Religion zeigt Febvre, dass es für die Humanisten unmöglich war, sich wirklich als Atheisten zu denken. „Denn all das geschieht, ohne dass man darüber nachdenkt. Ohne dass auch nur von irgendjemandem die Frage gestellt wird, ob sich die Dinge anders verhalten können oder müssen. Sie sind nun einmal so.“ Natürlich kann man das heutige Marokko nicht wirklich mit dem Frankreich des 16. Jahrhundert vergleichen. Doch in diesem Punkt – dem „unterschwelligen und allumfassenden Einfluss der Religion auf die Menschen“ – gibt es eine Verbindung.

Die marokkanischen Atheisten, die wir getroffen haben, sind zwischen 20 und 40 Jahre alt und waren als Kinder gottesfürchtig wie alle anderen. Hicham, 35, erinnert sich: „Als ich klein war, bin ich immer in die Moschee gegangen. Ich war ein braver Schüler, der seinen Eltern Koranverse aufsagte.“ Genau wie bei Simo, 26, der in einer salafistischen Familie aufwuchs: „Eigentlich fand ich ihn cool, den Islam! Ich habe in einer Koranschule Islamunterricht erhalten. In der öffentlichen Schule gab ich meinen Mitschülern Religionsstunden und erklärte ihnen, wie man betet.“ Mit Febvre formuliert stellt sich nun die Frage: „Um aber das allgemeine Joch abzuschütteln, muss man Gründe haben, gute Gründe (…), aber welcher Art?“

Bei Nadia, einer frisch diplomierten Bauingenieurin, war es die Konfrontation mit dem Tod, durch die ein Sandkorn ins Getriebe ihres Denksystems geriet. Die 27-Jährige zündet sich eine Zigarette nach der anderen an, während sie erzählt: „Beim Tod meines Vaters war ich 13 Jahre alt. Die Leute versicherten mir, dass er im Paradies sei und ich ihn dort wiedertreffen würde, wenn ich hier alles täte, was zu tun sei. Doch ich verstand sie nicht. Irgendetwas stimmte nicht. ,Warum der Tod? Was ist das für ein Gott? Warum hat er das beschlossen?‘ Meine Familie und meine Freunde stoppten mich sofort: ,Du hast kein Recht, die heilige und vollkommene Religion infrage zu stellen, das ist verboten, ist haram.‘“ Diese Welt, in der die Frage nach Hölle oder Paradies alles bestimmt, hat Asma zum ersten Mal in Zweifel gezogen, als sie mit elf Jahren ihre Homosexualität entdeckte. „Ich fragte mich, wieso die Homosexualität bestraft wird, wenn Gott selbst mich doch als Lesbe erschaffen hat. Das war widersprüchlich. Doch ich wusste, dass ich riskierte, in die Hölle zu kommen, daher zog ich es vor, all diese Fragen in den hintersten Winkel meines Bewusstseins zu verbannen.“ Es sind die persönlichen Erfahrungen, die in Nadia und Asma eine quasirevolutionäre Frage heraufbeschwören: Ist diese Gerechtigkeit gerecht?

Laut Febvre verfügten Rabelais und seine humanistischen Zeitgenossen im 16. Jahrhundert nicht über das „geistige Rüstzeug“ zum Atheismus, wie es uns heute zur Verfügung steht. Die Philosophie war nichts als „ein Gewimmel von Theorien und Vorstellungen“. Das Fehlen philosophischer Konzepte und wissenschaftlicher Beweisführungen verwehrte es Rabelais, so Febvre, einen „Sinn für das Unmögliche“ zu haben. Doch die Welt hat sich seit dem 16. Jahrhundert gewandelt. Im Unterschied zu Rabelais waren für Kader, Hicham, Simo, Nadia und Asma YouTube und Wikipedia nur einen Klick entfernt. Sie entdeckten dort Philosophie, Wissenschaft und Pop. „Als ich mit 15 aufs Gymnasium gekommen bin, habe ich meinen ersten Philosophieunterricht gehasst“, erinnert sich Hicham. „Ich bin zu meinem Lehrer gegangen und habe ihn angefahren: ,Warum stellt die Philosophie all diese nutzlosen Fragen, wenn uns doch unsere Religion schon alle Antworten gibt?‘ Es war die dumme Frage eines selbstsicheren Jugendlichen. Er antwortete mir: ,Nein, es gibt immer Fragen, weil wir Menschen sind, und Menschen wandeln sich.‘ Dieser Satz ist mir im Gedächtnis geblieben.“ Für Ayoub, einen 20-jährigen Studenten der Politikwissenschaften, war der Auslöser eine Islamstunde am Gymnasium. „Der Lehrer hatte uns erklärt, dass alle Nichtmuslime in die Hölle kämen, auch die Wissenschaftler, die ihr Werk in den Dienst der Menschheit gestellt hatten. Und ich fand das super ungerecht. Ich, der untätig herumhängt, komme ins Paradies, einfach weil ich Muslim bin. Und jemand, der wirklich sein Leben lang geschuftet hat, der Millionen Menschenleben gerettet hat, wird trotzdem bestraft, weil er nicht einer bestimmten Religion gefolgt ist?“ Mit seinem zaghaften ersten Versuch, die Religion zu hinterfragen, greift dieser marokkanische Jugendliche, ohne es zu wissen, auf die Argumente eines grundlegenden, mehr als drei Jahrhunderte zuvor verfassten Textes des Atheismus zurück: de Sades „Gespräch zwischen einem Priester und einem Sterbenden“. In diesem Text von 1782 setzt Sade einen Priester in Szene, der ein letztes Mal versucht, einen Sterbenden von der Richtigkeit der Religion zu überzeugen. Die Gegenüberstellung erlaubt es dem Sterbenden alias de Sade, einmal mehr das katholische Denken gründlich zu dekonstruieren

„Es ist unmöglich“, äußert der Priester in aller Bestimmtheit, „dass sich Euer Geist nicht manchmal in dem Gedanken gefallen hat, die Dichte der Finsternis des uns erwartenden Schicksals zu durchdringen; und welches System hätte den Geist mehr befriedigen können als die Annahmen einer Vielzahl von Qualen für den Bösen und eine Ewigkeit von Belohnungen für den Rechtschaffenen?“ Worauf der Sterbende entgegnet: „Warum willst du, dass ich für Tugenden belohnt werde, die nicht mein Verdienst sind, oder dass ich bestraft werde für Verbrechen, über die ich nicht Herr war?“

Bei dem Atheisten de Sade ist es die Logik, die ihm die Konfrontation mit der Welt der Gläubigen erlaubt. Für die jungen Marokkaner und Marokkanerinnen war eher ihr Alter entscheidend. Sie alle befanden sich, als sie anfingen zu zweifeln, in einer heiklen Lebensphase, die von Identitätskrisen und irritierenden Erfahrungen geprägt ist.

 

Jenseits von Paradies und Hölle

Als Asma sich mit 15 Jahren in ein anderes Mädchen verliebt, stellt sie sich Fragen über die Ursache ihrer Gefühle. „Ich bin heimlich ins Internet gegangen, um mich über Homosexualität zu informieren, und habe zugleich meine Koranlektüre vertieft“, erzählt sie mit zugeschnürter Kehle. „Nach den religiösen Interpretationen war der Teufel in mich gefahren, um mich seine ,finsteren homosexuellen Gedanken‘ erleben zu lassen. Allerdings standen diese Interpretationen im Widerspruch zu meinen übrigen Recherchen.“ Als sie schließlich die Big-Bang-Theorie entdeckt, bricht ihre Welt zusammen. „Ich begann, an allem grundlegend zu zweifeln. Ich fühlte mich leer. Die einzige Erlösung, der ich entgegensah, war der Selbstmord“, gesteht sie, vor sich hin starrend. „Der Gedanke, all die Jahre an etwas geglaubt zu haben, das für mich auf einen Schlag nicht mehr existierte, war sehr schwer zu ertragen.“ Weder Paradies noch Hölle gab es für Ayoub und Asma – für sie gab es nur noch das Nichts. Indem sie ihre Glaubensgewissheiten verloren, verloren sie einen großen Teil ihrer selbst.

Wenn man die Ordnung der Welt infrage stellt, ist die Angst ein logisches Gefühl, meint Febvre, der sich auf die Qualen des Zweifels von Rousseaus savoyischem Vikar beruft: „Der Zweifel in den Dingen, deren Kenntnis uns am Herzen liegt, macht dem menschlichen Geist über Gebühr zu schaffen. Er kann das nicht lang ertragen und entscheidet sich unwillkürlich in der einen oder anderen Weise – und täuscht sich lieber, als nichts zu glauben.“ Kurz darauf würdigt Febvre die Verdienste der „Vorläufer“ des Zweifels, jenen Gelehrten des 16. Jahrhunderts –, die, wie er schreibt, „tastend und ständig an die Mauern finsterer Kerker stoßend suchten, was sie ohne das Licht, das allein die Wissenschaft ausstrahlt, nicht finden konnten“. Selbst wenn dieser Zweifel es ihnen nicht erlaubte, die Existenz Gottes „wissenschaftlich“ infrage zu stellen, so öffnete er ihnen in den Worten des Historikers gleichwohl bereits eine Tür: „Mit dem aber, was ihre Väter und Großväter zufriedengestellt hatte, konnten sie sich in ihrer wachsenden Unruhe nicht mehr begnügen. So brachen sie gedanklich aus dem Kerker aus.“

Mit welchen Werkzeugen sind die Jugendlichen also diesem geistigen Kerker entkommen? Ganz einfach durch die Wissenschaft, lässt sich mit de Sade zwei Jahrhunderte nach Rabelais sagen. So gibt der Sterbende dem Priester unmissverständlich zu verstehen, dass er zwar im Kerker liege, sein Geist aber frei bleibe. „Bilde dich in den Naturwissenschaften, und du wirst die Natur besser verstehen; kläre deine Vernunft, wirf deine Vorurteile ab, und du wirst deinen Gott nicht mehr nötig haben.“ Genau mit diesen Waffen schärfen Ayoub und Simo ihre Reflexion, um sich vom herrschenden Denken zu befreien. „Ich musste wirklich eine Alternative finden“, erklärt Ayoub. „Und in meiner Lektüre habe ich sie gefunden. Ich begann, Hitchens, Dawkins und Darwin zu lesen. Und da habe ich wirklich begonnen, die Existenz eines Gottes zurückzuweisen.“ Ähnlich erzählt Simo: „Ich war ratlos. Dann entdeckte ich eines Tages auf YouTube Charles Darwin und mit ihm die Freiheit. Ein Denker, ein Wissenschaftler, der nicht von Religion spricht, sondern von Evolution. Auf einmal existierte nicht mehr einzig und allein der Islam, sondern eine Vielzahl von Glaubensformen! In jenem Augenblick befand ich mich noch immer in einer Depression, doch es war, als sähe ich jetzt ein Fenster, um die Welt mit neuen Augen zu erblicken.“

 

Sei still und faste!

Selbst zu akzeptieren, dass man nicht mehr glaubt inmitten einer gläubigen Welt, ist eine Sache. Eine andere ist es, jeden Tag mit dieser Differenz zu leben. Die Mehrheit jener, die es noch nicht geschafft haben, aus dem Nest der Familie fortzufliegen, beschreiben den Alltag als unerträglich beklemmend, insbesondere in den Stunden des Gebets, an den religiösen Feiertagen und vor allem im langen Fastenmonat Ramadan.
„McDonald’s ist eines der wenigen Restaurants, die uns bedienen, und auch das nur, wenn sie nett sind“, erzählt Ayoub. „Manchmal weigert man sich auch im La Véranda, dem Café im Institut Français, mir einen Espresso zu bringen. Dann setze ich mich hin, zünde mir eine Zigarette an und bewege mich nicht von der Stelle, bis ich meinen Kaffee bekommen habe.“ Dieses Vorgehen kann gefährlich sein, und die Lokale sind auf der Hut. „Ein Paar ist im McDonald’s in Rabat beim Essen während des Ramadan gefilmt worden. Das Video wurde ins Netz gestellt, und es gab Ärger.“ Ayoub hat wenig Hoffnung: „In Marokko gibt es keinen Platz für Atheisten“, seufzt er. „Wenn man nicht wie ein muslimischer Durchschnittsmarokkaner lebt, läuft man ständig Gefahr, attackiert zu werden.“ Wenn er sein Studium beendet hat, will er das Land verlassen.

Ein alltäglicher Zustand, den Ibtissame „Betty“ Lachgar nicht mehr ertrug. Also gründete sie eines Nachts im Jahr 2009 gemeinsam mit Zineb el Rhazoui (heute Journalistin bei Charlie Hebdo) die Alternativbewegung für individuelle Freiheiten (MALI), die auch für die Gewissensfreiheit eintritt. Ihre erste „Guerilla“-Aktion, ein Picknick während des Ramadan, erhitzte die Gemüter in Marokko. „Auch wenn unsere Aktion unterbunden wurde, noch bevor sie überhaupt begann, hatte sie das Verdienst, die Debatte loszutreten“, erklärt Betty. „Die Gewissensfreiheit ist der Grundpfeiler aller Freiheiten, deshalb ist dieser Kampf so wesentlich. Und wenige Leute wagen es, sie zu verteidigen und offen zu sprechen. Von Atheismus zu sprechen, ist hier ein Tabu, und es ist riskant, sehr riskant. Auf der Straße werde ich deswegen von Unbekannten attackiert, und regelmäßig erhalte ich Morddrohungen. Doch das Härteste ist der Alltag von denen, die ihre Freunde verlieren oder von ihrer eigenen Familie oder ihren Kollegen verstoßen werden. Deshalb gehen wenige so weit, offen zu erklären, dass sie Atheisten sind. Manche fasten sogar, um in ihrer Umgebung keinen Zweifel zu säen!“

Kader wusste bereits, dass seine Eltern es nicht verstehen würden, dass er seinen Platz außerhalb des Islam sehen könnte. Obwohl er bereits mit 16 Jahren sein homosexuelles Coming-out gegenüber seinen Eltern hatte, behielt er also seinen Atheismus für sich und zog es vor, während des Ramadan heimlich zu essen. Bis ihn eines Tages sein kleiner Bruder beim Vater anschwärzte. „Er war wütend; er heulte und brüllte wie ein Irrer. Für meine Familie war Atheist zu sein noch schlimmer als homosexuell zu sein. Homosexualität ist im Islam nur eine Sünde unter anderen, während der Atheismus das inkarnierte Böse ist!“, spöttelt der junge Mann. „Und für meinen Vater bleibt es völlig unbegreif lich; wenn ich ihn um Rat frage, sagt er mir weiterhin, ich solle beten, und zitiert mir Verse aus dem Koran.“ Kader leidet unter dieser ständigen Schuldzuweisung, die seiner Meinung nach an Schizophrenie grenzt. „Aus seiner Sicht bin ich nur ein großes Kind, das man lediglich auf den rechten Weg zurückbringen muss. Er sagt oft zu mir: ,Möge Gott dich leiten.‘ Als sei der Islam in meiner DNA. Das ist belastend im Alltag.“

 

Das andere Glück

Wenn er auch keinen Kompromiss mit seinem Vater finden konnte, freut sich Kader doch über die Entwicklung, die seine Mutter und seine Brüder durchlaufen haben, die verständnisvoll geworden sind. „Wenn ich in diesem Jahr während des Ramadan morgens aufgestanden bin, hat mir mein Bruder das Frühstück aufgewärmt, das er vor Sonnenaufgang gegessen hatte. Ich war super überrascht. Wow! Mein Bruder! Ich hätte nie gedacht, dass er dazu imstande wäre.“ Das friedlichere Familienklima hilft Kader sicherlich, seine Situation als Atheist mit mehr Gelassenheit zu nehmen. „Mein Alltag besteht darin, immerzu Versteck zu spielen und dabei den Unsinn der Leute zu ertragen. Mit der Zeit bekommt man heraus, wie man’s macht.“ Allerdings sind Brüder wie die von Kader unter der Sonne des Scherifenreichs rar gesät. Und die Atheisten werden weiterhin als verirrte Schafe angesehen. „Ein Atheist gilt als verrückt, man meint, er habe weder Glauben noch Moral, weder Prinzipien noch Gesetze“, bedauert Hicham. „Für die große Mehrheit der Leute bist du, wenn du nicht glaubst, zu allem fähig, zu Vergewaltigung und Mord.“ Die Gesellschaft reagiert auf den Atheismus wie der Priester bei de Sade, der im ersten Satz des Textes dem Sterbenden jegliche Moral abspricht: „Bereut Ihr nun nicht, mein Kind, die zahlreichen Ausschweifungen, zu denen Euch die menschliche Schwäche und Eitelkeit geführt haben?“ Vergeblicher Versuch. Ganz am Ende des Dialogs wird der Sterbende ihm erwidern, dass er, der überzeugte Atheist, freier bleibt als ein Gläubiger: „Gib den Gedanken an eine andere Welt auf; es gibt keine; aber verzichte dagegen nicht auf die Freude, in dieser Welt glücklich zu sein und andere glücklich zu machen.“

Übersetzt von
Till Bardoux

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Es ist schwer, nicht gerührt zu sein bei der Begegnung mit diesem so geprüften und zugleich so zäh durchhaltenden Menschen, der unentwegt über die Paradoxa des Daseins als „Überlebender“ nachgesonnen hat. Imre Kertész wurde 1929 geboren. 1944 wurde er nach Auschwitz deportiert, dann nach Buchenwald gebracht, wo er 1945 die Befreiung des Lagers erlebte. Den wesentlichen Teil seines Lebens hat er daraufhin unter dem kommunistischen Regime in Ungarn verbracht. Kertész begann Mitte der fünfziger Jahre zu schreiben. Zugleich toleriert vom Regime und sorgsam ferngehalten von der Öffentlichkeit, veröffentlichte er in äußerst überschaubaren Auflagen und kühl aufgenommen von der offiziellen Kritik Meisterwerke wie „Roman eines Schicksallosen“ oder „Der Spurensucher“. Erst mit dem Zusammenbruch des Ostblocks wurden seine Werke in aller Welt übersetzt und fanden internationale Anerkennung, gekrönt vom Literaturnobelpreis im Jahr 2002.
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