Zeitgeist

Paul B. Preciado: "Ich misstraue der Trennung von Philosophie und Kunst"

Philipp Felsch veröffentlicht am 3 min

Paul B. Preciado hat das Rahmenprogramm der documenta 14 kuratiert. Er erläutert, warum der Umzug nach Athen an den politischen Grundimpuls der Ausstellung anknüpft.

Herr Preciado, warum war es wichtig, mit der documenta 14 nach Athen zu gehen?

Die 1955 von Arnold Bode organisierte documenta 1 hatte das Ziel, die Öffentlichkeit eines vom Krieg verwüsteten Kontinents neu zu gestalten. Hinter der documenta 14 steht dasselbe Gefühl von Dringlichkeit. Wir befinden uns zwar in keiner Nachkriegssituation, aber dafür mitten in einem wirtschaftlichen und politischen Krieg, in dem unsere öffentliche Kultur durch neoliberale Privatisierung und institutionelle Formen von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit bedroht ist. Vergessen wir nicht, dass die Subprime-Krise von 2007 die größte politisch-moralische Restrukturierung des globalen Kapitalismus seit den 1930ern nach sich zog. Zusammen mit Portugal, Spanien und Italien wurde Griechenland zum Symbol für die Ausbeutung durch die neue ökonomische Hegemonie: Austerität, Einschränkung demokratischer Rechte, Kriminalisierung von Armut, Abwehr von Migration, Pathologisierung von Dissidenz. In diesem Kontext begannen wir die Arbeit für die documenta in Athen. Es ging nicht darum, für Kassel „von Athen zu lernen“, sondern darum, unsere Vorstellungen von der sogenannten Griechenlandkrise zu hinterfragen.

Die europäischen Demokratien sind in der Krise. Kann die Kunst eine neue Form von Politik erfinden?

Wir reden viel über die Finanz- und die Flüchtlingskrise, aber tatsächlich haben wir es mit einer Krise der Demokratie zu tun. Für die Vorbereitung der Ausstellung war es wichtig, während des Referendums über die Sparmaßnahmen am 5. Mai 2015 in Athen zu sein. Als die griechische Regierung sich weigerte, die Ablehnung der Sparmaßnahmen durch die Bürger zu akzeptieren, wirkte das Parlament wie eine Institution, die das Volk nicht länger repräsentieren konnte. Zur gleichen Zeit waren der Syntagma-Platz und die Straßen von Athen aber von den Körpern und Stimmen Tausender Athener und Griechen – und Tausender Migranten und Flüchtlinge, die täglich am Piräus-Hafen ankommen – erfüllt. Das Parlament war auf der Straße. Diese Erfahrung hat die Entstehung der documenta 14 massiv beeinflusst. Der Name des öffentlichen Rahmenprogramms „Das Parlament der Körper“ geht auf sie zurück. Mir war klar, dass wir einen neuen Gesellschaftsvertrag schreiben müssten, ein neues Parlament brauchten. Ein Parlament der lebenden Körper, menschlich und tierisch, jenseits der Nationalstaaten, jenseits von Klasse, Ethnie, Gender, Geschlecht, sexuellen und religiösen Differenzen.

Kritiker haben den Besuch der Kunstwelt in Athen als „Krisentourismus“ bezeichnet. Was sagen Sie dazu?

Diese Ausstellung ist nicht für Touristen gedacht, sondern als kritisches Langzeitprojekt, an dem Hunderte von Künstlern, Aktivisten, Autoren, Schriftstellern und Philosophen beteiligt sind. Von der documenta 14 als Krisentourismus zu sprechen, ist herablassend gegenüber den Griechen und ignoriert die Inhalte des Projekts. Ich frage mich, ob diese Kritiker auch nur einen Blick in unser Magazin „South as a State of Mind“ geworfen haben, in dem viele dekoloniale und transfeministische Positionen zu Wort kommen und in dem viele Autoren und Künstler die Rede von „nationaler Zugehörigkeit“ und „ursprünglicher Identität“ hinterfragen. Ich frage mich, ob diese Kritiker überhaupt Interesse an den Arbeiten der über 160 Künstler haben, die sich konkret mit Vertreibung, Enteignung und der Artikulation von Stimmen auseinandersetzen, die historisch unterdrückt worden sind. Das „Parlament der Körper“ startete übrigens schon acht Monate vor der offiziellen Ausstellungseröffnung, dort nahmen keine „Touristen“, sondern nur Athener teil.

Welche Möglichkeiten bietet die Kunst, die Sie in der Philosophie vermissen?

Mich interessieren zeitgenössische Ausstellungsräume, in denen politische Imagination und kollektives Begehren neue Verbindungen eingehen. Von Jacques Derrida habe ich gelernt, Philosophie weder als Ideologie noch als Wissenschaft, sondern als Kunst zu verstehen. Genau wie Derrida misstraue ich den traditionellen Unterscheidungen zwischen Theorie und Praxis, Kunst und Politik, Schreiben und Performance. Die Ausstellung und das Rahmenprogramm verstehen sich als Orte, an denen Sinn kollektiv produziert und öffentlich geteilt wird. Sie sind Räume des Erforschens, der Debatte und der Konfrontation, nicht des Konsenses und der Indoktrination. Und genau das ist es, was für mich die Praxis der zeitgenössischen Philosophie ausmacht.

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Nietzsche, Wittgenstein, Camus – es war die Philosophie, die Imre Kertész den Weg zur Literatur wies. Der ungarische Nobelpreisträger blickte in seinem, wie er selbst vermutete, „letzten Interview“ zurück auf ein Leben, das sich weder durch Konzentrationslager noch die kommunistische Zensur zum Schweigen verdammen ließ.

„Wissen Sie, ich habe viel über Ihre Fragen nachgedacht“, sagte Imre Kertész gleich zu Beginn, als er uns in seiner Wohnung in Buda, einem Stadtteil von Budapest, empfing. „Mir liegt daran, mit Ihnen ein schönes Interview zu führen, weil es vermutlich mein letztes sein wird.“ Dieser testamentarische Satz könnte makaber wirken, aber im Gegenteil: Seiner kurzatmigen Stimme zum Trotz leuchtet es in seinen Augen lebhaft und verschmitzt. Seit gut einem Jahrzehnt kämpft Kertész mit der Parkinsonkrankheit, Ursache zahlloser Schmerzen und Schwierigkeiten, von denen seine veröffentlichten Tagebücher berichten. Diese Krankheit zwang ihn, 2012 offiziell das Schreiben aufzugeben, und lässt ihm täglich nur wenige kurze Momente der Ruhe.

Es ist schwer, nicht gerührt zu sein bei der Begegnung mit diesem so geprüften und zugleich so zäh durchhaltenden Menschen, der unentwegt über die Paradoxa des Daseins als „Überlebender“ nachgesonnen hat. Imre Kertész wurde 1929 geboren. 1944 wurde er nach Auschwitz deportiert, dann nach Buchenwald gebracht, wo er 1945 die Befreiung des Lagers erlebte. Den wesentlichen Teil seines Lebens hat er daraufhin unter dem kommunistischen Regime in Ungarn verbracht. Kertész begann Mitte der fünfziger Jahre zu schreiben. Zugleich toleriert vom Regime und sorgsam ferngehalten von der Öffentlichkeit, veröffentlichte er in äußerst überschaubaren Auflagen und kühl aufgenommen von der offiziellen Kritik Meisterwerke wie „Roman eines Schicksallosen“ oder „Der Spurensucher“. Erst mit dem Zusammenbruch des Ostblocks wurden seine Werke in aller Welt übersetzt und fanden internationale Anerkennung, gekrönt vom Literaturnobelpreis im Jahr 2002.
Wenn es eine weniger bekannte Dimension seiner Existenz gibt, dann ist es das Verhältnis des Schriftstellers zur Philosophie. Aus Leidenschaft, doch auch, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, übersetzte Imre Kertész zahlreiche deutsche Philosophen vom Deutschen ins Ungarische, unter ihnen Friedrich Nietzsche und Ludwig Wittgenstein. Die Lektüre dieser Autoren sowie die von Albert Camus und Jean-Paul Sartre hat unentwegt sein Werk genährt. Vor allem aus dem Wunsch heraus, sich über seine – intensive und beständige – Beziehung zur Philosophie zu äußern, stimmte Kertész unserer Interviewanfrage zu.

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