Ritual und Zwang
Gewohnheiten geben Halt. Doch der Übergang vom beruhigenden Ritual zum neurotischen Zwang ist fließend. Dafür, welche Art von Gewohnheiten wir ausbilden, spielt die Gesellschaft eine entscheidende Rolle.
Gewohnheiten zu ändern, fällt schwer. Manchmal scheint es sogar gänzlich unmöglich zu sein, von einer Gewohnheit abzulassen, sie gegen eine neue einzutauschen. So tief sitzt uns diese oder jene Gewohnheit in den Knochen, so unauflöslich gehört sie zum Ich, dass es einer Selbstverletzung gleichkäme, auf sie zu verzichten.
Hört sich übertrieben an? Nun, nicht umsonst charakterisieren wir Menschen maßgeblich über jene Tätigkeiten, die sie wiederholt, routiniert, ja nahezu automatisiert ausüben und die den Alltag erleichtern, weil sie der Last der Entscheidung enthoben sind. Stellen Sie sich nur einmal vor, Sie hätten überhaupt keine Alltagsroutinen. Sie müssten sich jeden Morgen aufs Neue fragen, was Sie eigentlich frühstücken, Müsli oder Brot, Süß oder Sauer, ob Sie Tee oder Kaffee trinken oder nur eine Zigarette rauchen. Das Problem finge schon damit an, dass Sie vermutlich nicht für alle spontanen Gelüste gerüstet sind und Sie schon beim Einkaufen Ihre Gewohnheiten (und gegebenenfalls auch die von Mitbewohnern) berücksichtigen müssen. Und so geht es weiter: Ob Sie vor der Arbeit die Zeitung lesen oder nicht, ob Sie Ihr Bett machen, ob Sie Ihr Mobiltelefon einstecken, bevor Sie das Haus verlassen, wie Sie sich fortbewegen, mit dem Auto, dem Rad, dem öffentlichen Nahverkehr, was Sie regelmäßig zur Entspannung betreiben – Yoga, Joggen, Lesen, Computerspiele, Alkohol trinken –, all das handeln Sie nicht jeden Tag aufs Neue wieder mit sich aus. Sie sind ein Mensch, der X und Y tut und Z sein lässt. Einer, der eher aktiv ist oder eher gemütlich, und was von beidem zutrifft, hängt maßgeblich an – Gewohnheiten.
Wenn Handlungen heilig werden
Wie sehr lieb gewonnene Verhaltensweisen mit dem Ich verwoben sind, zeigt sich überdeutlich immer dann, wenn ein Mensch davon abgehalten wird, sie auszuüben. Wer es gewohnt ist, zum Abendessen ein kaltes Bier zu trinken, wird schnell ungehalten, wenn keines im Kühlschrank ist. Wer es gewohnt ist, sich abends im Fitnessstudio abzureagieren, bekommt schlechte Laune, wenn mal etwas dazwischenkommt; zu sehr gehört das Hantelstemmen zur eigenen Identität, zu wichtig ist der Stepper fürs Wohlbefinden. Und wer es gewohnt ist, abends mit Netflix auf der Couch zu chillen, kriegt den Koller, wenn das Netz nicht funktioniert, flucht vor sich hin. Kurzum: Gerade weil die Gewohnheit Halt gibt und das Leben erleichtert, hängt das Ich an ihr; und zwar bisweilen so sehr, dass sie ins Zwanghafte driftet. Die schädliche Kehrseite der Gewohnheit zeigt sich am deutlichsten in den unterschiedlichen Süchten, dem Rauchen und dem Trinken etwa. Aber auch Essstörungen oder Phänomene wie die Sportsucht sind eindrückliche Beispiele dafür, wie aus einer Gewohnheit schleichend eine Krankheit werden kann. Bestand die Gewohnheit vielleicht zunächst darin, ungesundes Essen zu meiden und regelmäßig Sport zu treiben, ist der nächste Schritt, vor fettiger oder süßer Nahrung eine regelrechte Angst auszubilden und sich auch durch eine Erkältung nicht vom Schwimmen abhalten zu lassen. Und irgendwann ist er dann da, der Zwang, der unter Umständen lebensbedrohlich werden kann. Doch auch jenseits dieser Extremformen liegt in der Gewohnheit ein zwanghaftes Potenzial – nämlich immer dann, wenn sie zu einem nachgerade heiligen Ritual wird.
In seiner Schrift Zwangshandlungen und Religionsübungen (1907) geht Sigmund Freud dieser Ambivalenz der Gewohnheit, ihrer oszillierenden Grenze zum Zwang nach. So beschreibt er Verhaltensweisen, die über eine pragmatische Alltagserleichterung hinausreichen und eher der Logik eines Abwehrzaubers dienen. Vereinfacht gesagt: Nur wenn ich diese oder jene Handlung genau so ausführe, passiert nichts Schlimmes. Grund für den Zwang sind, psychoanalytisch gesehen, verdrängte Triebregungen, die durch strenge Gewohnheiten – „Zeremonielle“ – in Schach gehalten werden sollen; ganz ähnlich wie auch nur ein korrekt ausgeführtes religiöses Zeremoniell die erwünschte Wirkung erzielt. „Man kann die Ausübung eines Zeremoniells beschreiben, indem man es gleichsam durch eine Reihe ungeschriebener Gesetze beschreibt, also z. B. für das Bettzeremoniell: der Sessel muss in solcher, bestimmter Stellung vom Bette stehen, auf ihm die Kleider in gewisser Ordnung gefaltet liegen; die Bettdecke muss am Fußende eingesteckt sein, das Betttuch glatt gestrichen … dann erst darf man einschlafen. In leichten Fällen sieht das Zeremoniell so der Übertreibung einer gewohnten und berechtigten Ordnung gleich. Aber die besondere Gewissenhaftigkeit der Ausführung und die Angst bei der Unterlassung kennzeichnen das Zeremoniell als ‚heilige Handlung‘. Störungen derselben werden meist schlecht vertragen; die Öffentlichkeit, die Gegenwart anderer Personen ist während der Vollziehung fast immer ausgeschlossen.“
Die Gesellschaft bestimmt mit
Wo hört das Ritual auf und wo fängt der Zwang an? Bis zu welchem Punkt ist eine gewisse Ordnungsliebe noch eine gute Gewohnheit, ab wann eine Neurose? „Zu Zwangshandlungen im weiteren Sinne können alle beliebigen Tätigkeiten werden, wenn sie durch kleine Tätigkeiten rhythmiert werden“, so Freud. „Eine scharfe Abgrenzung des ‚Zeremoniells‘ von den ‚Zwangshandlungen‘ wird man zu finden nicht erwarten.“ Allerdings wäre es – übrigens auch aus Freuds Sicht – ein Fehler, würde man leidvolle Gewohnheiten allein dem Individuum anlasten. Die Gesellschaft mit ihren Anforderungen hat einen konstitutiven Anteil an dieser Dynamik. Auch politische Entscheidungen können hier ausschlaggebend sein.
So ist erwiesen, dass Zwangsstörungen unter Jugendlichen infolge der Coronakrise und der damit verbundenen politischen Maßnahmen (Schulschließungen, Verbot von Sozialkontakten etc.) dramatisch zugenommen haben. Leiden Mädchen seither vermehrt an Essstörungen, sind Jungen zunehmend mediensüchtig geworden. Woraus folgt: Zwangsstörungen können gerade dadurch entstehen, dass stabilisierende, identitätsstiftende Gewohnheiten plötzlich wegbrechen. Der pandemiebedingte Wegfall an Alltagsroutinen hat eine existenzielle Haltlosigkeit erzeugt; ein Vakuum, das die Ausbildung von Verhaltensweisen begünstigt, die keine Abweichung zulassen und sich gegen das eigene Ich richten.
Bin ich meine Gewohnheit? Eine Frage, die weit über gute Neujahrsvorsätze hinausreicht. Sie betrifft die Grundfesten unserer Identität – und unserer Gesellschaft. •