Reportage

Totentanz in Iguala

Michel Eltchaninoff veröffentlicht am 21 min

Die Entführung von 43 mexikanischen Lehramtsstudenten einer Landhochschule in Ayotzinapa Ende 2014 hat die ganze Welt bewegt. Die Hintergründe der Tat liegen immer noch im Dunkeln. Unser Autor ist zum Ort des Geschehens gereist, um Antworten zu finden: Wie hängen die dortige Gewalt und die Geschichte Mexikos zusammen? Wie konnte aus dem einst revolutionären Geist des Landes ein Staat erwachsen, in dem der Hobbes’sche Naturzustand, ein Krieg aller gegen alle, herrscht? Und was ist in jener Schreckensnacht wirklich geschehen? Bericht aus einer albtraumhaften politischen Realität.

„Volveré y seré millones.“ Che Guevara, mit irrem, leerem Blick, beinahe schon tot, scheint diese Worte zu sagen. Die schwarzen Schatten seines Gesichts heben sich von dem türkisfarbenen Untergrund eines riesigen, von Rissen durchzogenen Wandgemäldes ab. „Ich werde zurückkommen, millionenfach.“ Doch im Augenblick ist hier niemand außer ein paar streunenden Hunden. Es ist gerade erst acht Uhr morgens, und die Landhochschule von Ayotzinapa ist menschenleer. Verloren in den Bergen von Guerrero liegt dieses Ensemble aus Beton, in einer ärmlichen Region zwischen dem Mafiahafen von Acapulco und der mexikanischen Hauptstadt – eine Gegend, die kein Touristenführer empfiehlt. Unterhalb einer einsamen Straße kommt man zunächst an alten Gebäuden vorbei, die mit Proklamationen zum Thema Volksbildung beklebt sind. Die Landhochschulen wurden in den zwanziger Jahren gegründet, einer Zeit, in der das Erdöl verstaatlicht und ausländische Unternehmen enteignet wurden. Damals ließ sich die mexikanische Revolution von der Sowjetunion inspirieren. Es ging darum, die des Lesens und Schreibens unkundigen Bauernkinder auszubilden, damit sie in ihre Dörfer zurückkehren und dort Lehrer werden könnten. Beim Weiterlaufen entdeckt man einen ländlichen Campus, der sich ganz klassisch aus Schlafsälen, einem riesigen Schulhof, Verwaltungsgebäuden und Unterrichtsräumen zusammensetzt. Der Verfall ist sichtbar, Entmutigung spürbar. Trotzdem sind lauter hehre Ideale an die Wände geschrieben. Ayotzinapa folgt treu der mexikanischen Tradition der politischen Wandmalerei und stellt seine Geschichte und seine Träume in Farbe zur Schau. Lenin ist überall – Trotzki, immerhin auf Befehl Stalins in Mexiko umgebracht, nirgendwo. Die Gestik der rebellischen Jugend, eingerahmt von Figuren der mexikanischen Revolution (man erkennt sie an ihren Schnurrbärten und ihren Sombreros), entfaltet sich in allen Stilen: episch, naiv, ultrarealistisch, psychedelisch, folkloristisch. Doch es ist immer dieselbe Geschichte – die Studenten enden im Kugelhagel der Polizei. Die Mütter weinen, werden aber keinesfalls verschont. In Deckung hinter den bewaffneten Männern streichen die Bürgerlichen dicke Dollarbündel ein. Das ist die Geschichte Mexikos aus der Sicht der revolutionären Studenten.

 

„43“ – Symbol der Entrüstung

Man muss sich in diese Zone im Herzen der Drogenherstellung und des Drogentransports begeben, aus der 80 Prozent des mexikanischen Opiums kommen, um die Bedeutung eines Dramas, das die ganze Welt entsetzt hat, besser zu verstehen. Ende September 2014 werden etwa 50 Studenten der Landhochschule von Ayotzinapa in der Stadt Iguala angegriffen, beschossen und dann entführt. Einige werden getötet, einer von ihnen gefoltert, 43 verschwinden spurlos. Man verhaftet rasch 22 örtliche Polizisten, die an dem Angriff und der Entführung beteiligt gewesen sein sollen. Der Bürgermeister José Luis Abarca Velázquez (Partei der Demokratischen Revolution, PRD, gemäßigte Linke), dessen Verbindungen zu einem Syndikat von Drogenhändlern, den Guerreros Unidos, bekannt sind (mehrere Brüder seiner Gattin zählten zu deren Anführern), taucht unter. Zwei Monate später wird er mit seiner Frau verhaftet. Der Generalstaatsanwalt erklärt am Ende der Ermittlung, dass die Studenten von der örtlichen Polizei an die narcos, die Drogenbosse, übergeben wurden, die sie ermordet haben sollen, bevor sie ihre Leichen auf einer Müllkippe in der Nähe von Iguala verbrannten und ihre Asche in einen Fluss streuten. Man findet verkohlte Leichenreste in einer Nachbargemeinde. Doch bis heute hat man nicht mehr als zwei Studenten identifizieren können. Ende Januar 2015 beteuert indessen der Justizminister, dass man die „Gewissheit“ habe, dass die 43 Studenten tot seien. 2015 kommt es zu einem gewaltigen Eklat. Ein unabhängiger Bericht der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte meldet Zweifel an den Ermittlungsergebnissen an. Ihm zufolge hätte die Einäscherung 60 Stunden in Anspruch genommen (nicht 14, wie die offizielle Version besagt), zudem 30 Tonnen Holz, 13 Tonnen Reifen, 13 Tonnen Diesel. Nun gibt es aber keine Spuren eines solchen Flammenmeeres auf der mutmaßlichen Einäscherungsstätte. Der Bericht verweist ebenfalls auf das Ausbleiben jeder Reaktion seitens der Soldaten aus der Kaserne von Iguala und fragt sich, warum die mexikanische Regierung deren Befragung nicht erlaubte. Während diese Zeilen verfasst werden, weiß man noch immer nicht genau, warum die Studenten entführt wurden, ob sie tot oder lebendig sind und wer der Auftraggeber ist. Selbst für ein Land, das an Kollektivmorde, unmenschliche Folterungen und das Verschwinden von Menschen (22 000 seit dem Jahr 2006) durchaus gewöhnt ist, stellt das ein echtes Trauma dar. Seit Monaten wird in Mexiko demonstriert. Der telegene Präsident Enrique Peña Nieto, der auch für sein Antigewaltprogramm gewählt wurde, ist ernsthaft geschwächt. Die gesamte politische Klasse verliert endgültig jegliche Glaubwürdigkeit. Seither ziert die Zahl „43“ als Zeichen der Empörung die Mauern des ganzen Landes. Kein Tag vergeht ohne neue Enthüllungen über Ermittlungspannen. Doch die Regierung zieht den Kopf ein und hält den Skandalen stand. Im Grunde ändert sich nichts. Warum? Was kennzeichnet die politische Realität Mexikos?

 

Rückkehr der „unsichtbaren Diktatur“

Die Antwort ist komplex und schmerzhaft. Zunächst einmal sind die Gefühle der Bevölkerung gegenüber den Opfern zwiespältig. Gewiss haben alle Eltern des Landes Betroffenheit empfunden. Dennoch – ein Teil der Gesellschaft lehnt diese Studenten insgeheim ab, weil sie Revolutionäre sind, radikale Aktivisten, die stören und verärgern. Niemand spricht es offen unter eigenem Namen aus, doch hier und da klingt ein ätzendes „sie haben es ja nicht anders gewollt“ durch. Bei gründlicherer Betrachtung ist es die Natur des mexikanischen politischen Systems, die hier infrage steht. Das Land hat 1911 eine Revolution erlebt. Nach einem blutigen Bürgerkrieg zwischen Religiösen und Atheisten etablierte sich ein sozialistisches – dann immer liberaleres – Modell, das einem lebenden Oxymoron zum Dasein verhalf: der „Partei der institutionalisierten Revolution“ (PRI), die das Land bis zum Jahr 2000 regierte und seit 2012 wieder im Geschäft ist. Durch Verteilung von Posten hat dieses System das hervorgebracht, was der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa als „perfekte, weil unsichtbare Diktatur“ bezeichnet hat, wenn auch durchaus Zeiten von Protest, Instabilität und Wandel zutage treten konnten: die Guerillas und die Studentenbewegungen der sechziger Jahre, der „demokratische Übergang“ der achtziger Jahre, die doppelte Amtszeit der Partei der nationalen Aktion (PAN, liberale Rechte) von 2000 bis 2012. Felipe Calderón, der zweite Präsident aus den Reihen der PAN, beginnt 2006 den Krieg gegen die Drogenkartelle. Da hierbei das traditionelle System der Kartelle durcheinandergebracht wird, provoziert diese Entscheidung einen spektakulären Anstieg der Gewalt unter den Gangs. Das terrorisierte Volk lässt folglich 2012 wieder die PRI an die Macht kommen. Doch die Gewalt geht kaum zurück.

Mexiko hat also unter drei verschiedenen Regimes gelebt. Zunächst gibt es eine Art Rousseauismus des allgemeinen revolutionären Willens im 20. Jahrhundert, der von der dazugehörigen, unumstritten und demagogisch herrschenden Partei dominiert wird, die zugleich Klientelpolitik betreibt und das Land befriedet. Die PRI gibt vor, Sammelbecken sowohl der Arbeiter als auch der Bauern und des Mittelstands zu sein. Sie projiziert ein beruhigendes, legitimistisches, in der Vergangenheit verankertes Bild. Der soziale Pakt erlaubt es, alle Dissidenten oder politischen Gegner zu vereinnahmen. Hier werden die Dichter vom Staat subventioniert. Die Menschenrechtsaktivisten werden ermuntert, für die Regierung zu arbeiten. Es fehlt diesem Modell also eine wesentliche Zutat des Rousseau’schen Gesellschaftsvertrags: die Tugend! Dann trat die PRI ihren Platz an die PAN ab, die versuchte, mit ihrem Antidrogenkrieg ein System zu etablieren, das von Thomas Hobbes inspiriert ist: einen starken Staat, der das ganze Land kontrolliert und keinen Protest zulässt, eine Macht, die Oppositionsbewegungen mit Staatsgewalt eliminiert und Furcht einflößt. Dabei ist es zu einer solchen Explosion der Gewalt gekommen, dass der Versuch der PAN als gescheitert gelten muss. Der Krieg aller gegen alle nährte sich von der Offensive des Staates.

2012 kam die PRI zurück, die alles vereinnahmende Partei. Seither ist Mexiko ins schlimmste aller Szenarien abgetaucht – ein Naturzustand, an dem nichts friedlich ist (die Kartelle bekriegen sich noch immer und ermorden Bürger und Migranten), und ein populistischer Staat, der jede Anwandlung von Opposition zerschlägt oder vereinnahmt. Eine liberale Lösung, die von Locke inspiriert wäre, ist momentan unmöglich, denn der Zugang zum Markt ist von einigen mafiösen Politakteuren in Beschlag genommen. Letztlich frisst dieser aus der Bahn geratene Rousseauismus seine eigenen Kinder. Die Entführung der Studenten ist das beste Symbol dafür, denn diese jungen Radikalen sind selbst die Früchte der mexikanischen Revolution in ihrer marxistischen Variante. Die institutionalisierte mexikanische Revolution hat ihre radikalen Ränder aber hart in die Schranken verwiesen. Den anderen, jenen, die in der Hoffnung auf sozialen Aufschwung wählen gehen, bietet man Limonade und Telenovelas im Überfluss an.

 

Die letzten Leninisten

Die Sonne heizt die Erde auf und lockt die Studenten schließlich aus ihren Zimmern. Einer von ihnen spielt leise Gitarre in der Nähe eines ausgedehnten Schulhofs, der in ein Mahnmal für die verschwundenen Kameraden umgewandelt wurde. Mehrere riesige Plakate tragen die Gesichter und Namen der entführten Studenten. Slogans sind zu lesen, Worte des Schmerzes ebenso: „¡NOS FALTAN!“ („Sie fehlen uns“), „Wir wollen sie lebend zurück“, „Kein Vergeben, kein Vergessen“. 43 orange Plastikstühle sind aufgestellt, ein jeder trägt ein Foto des Studenten, der auf ihm saß, persönliche Gegenstände, Zeichnungen, die von Nahestehenden oder Fremden angefertigt wurden. Überall Blumen und sogar Heiligenbilder und Krippenfiguren. Nicht weit von hier, in der Mensa, sitzen ein paar Studenten (nur Jungen besuchen die Landhochschule) und essen Brei unter dem gestrengen Blick von Wladimir Iljitsch Lenin.
Lässig schlendert der Wortführer der Studenten heran. Mit seinen gelockten schwarzen Haaren, den tiefdunklen Augen und dem pausbäckigen Gesicht hat der 21-Jährige etwas von einem Teddybären. Indessen ist er ein revolutionärer Aktivist. Er stellt sich als Eduardo Maganda vor. Auf die Frage, ob das sein richtiger Name sei, gerät er durcheinander. Schließlich gibt er zu, dass nur sehr wenige Leute seine wahre Identität kennen und dass alle Studenten hier ein Pseudonym annehmen. „Das ist eine revolutionäre Tradition, wie bei Lenin und Trotzki“, rechtfertigt er sich. Woher kommt er? Aus welchem Grund fiel seine Wahl auf diese doch recht besondere Schule? „Ich bin an der Küste aufgewachsen, gleich bei Acapulco“, antwortet er freimütig. „Meine Eltern waren arme Landarbeiter. Dort, wo ich herkomme, hat man nur die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten: sein Leben auf den Feldern mit Säen verbringen und bei der Kokosnussernte oder aber sich dem organisierten Verbrechen zuwenden und eines gewaltsamen Todes sterben. Ich wollte weder das eine noch das andere. Ich habe es an der Universität von Acapulco versucht, aber angesichts der Studiengebühren und der Fahrtkosten ist mir klar geworden, dass ich mir ein Studium nicht leisten könnte. Deshalb bin ich hierhergekommen. Es gibt Schlafsäle, und wir bekommen ein kleines Stipendium. Man kann also studieren, auch wenn man nicht reich ist.“ Wusste er im Voraus, dass er sich in einer Brutstätte für Guerilleros wiederfinden würde? „Ja, ich wusste, dass es in Ayotzinapa eine traditionelle Nähe zur Rebellion gibt. Wenn du hier ankommst, machst du die Ideologie zu deiner Herzenssache, weil es in deiner Heimat nur Diebstahl, Verbrechen und Drogenhandel gibt. Du verstehst vollkommen, was die Konsequenzen des Kapitalismus sind. Die Leute denken, dass sie zu diesem Leben verdammt sind. Doch hier wird dir bewusst, dass es kein unabwendbares Schicksal gibt und dass du die Dinge ändern kannst.“ Er redet mir zu, die von der sowjetischen Agrarbildung inspirierten Hochschulländereien zu besuchen. „Wir wollen den Kindern in den Bergen Lesen und Schreiben beibringen und ihnen auch manuelle Techniken vermitteln. Dafür lernen wir Handwerke, Brot backen und Grundkenntnisse in der Landwirtschaft.“ Eduardo inspiziert den Traktor dieser Sowchose (landwirtschaftlicher Großbetrieb nach sowjetischem Vorbild, Anm. d. Red.), die Weizenund Maisfelder, die Schweine und Hühner. Früher besaßen die Studenten auch Kühe. Dieses Jahr waren sie gezwungen, sie zu schlachten und zu essen, da sie seit mehreren Monaten ihre Stipendien nicht erhalten haben.

Im Waschhaus, nicht weit von einem Zitronenhain, wäscht einer der hiesigen Chefideologen seine Wäsche. Wir diskutieren ein wenig über Kommunismus. Interessiert man sich hier für die radikalen Philosophen von heute wie Alain Badiou oder Slavoj Žižek, für Ökologie oder für Feminismus? Anscheinend überhaupt nicht. Abends nehmen die Studenten der ersten Semester an Studienkreisen teil, die bis zwei Uhr morgens dauern, doch sie studieren nur Marx, Lenin und die mexikanischen Theoretiker. Die etwas abseitsstehende casa roja beherbergt einen Diskussionsklub für Studenten, die schon länger Geschichtswissenschaften studieren. Doch sie ist geschlossen. Die wichtigsten Organisatoren wurden in Iguala gekidnappt.

 

Nacht des Schreckens

Eduardo erzählt von seiner Nacht des 26. Septembers 2014. Was passiert ist, hat ihn nicht völlig überrascht. Die Landhochschulen sind den Autoritäten seit Jahrzehnten ein Dorn im Auge. Seit den siebziger Jahren schon will man sie schließen. Es hatte bereits Morde an Studenten gegeben, wie jene vom 12. Dezember 1988 oder vom 12. Dezember 2011, als zwei Studenten von der Bundespolizei getötet wurden. Zwei Polizisten sind verhaftet worden, haben aber nur ein Jahr im Gefängnis verbracht, empört sich Eduardo. „Was 2014 geschehen ist, ist nur die logische Folge der Vergangenheit. Die Ordnungskräfte, seien es die lokalen, seien es die staatlichen, hatten uns mehrfach gesagt, dass sie uns eliminieren wollen. Jedes Mal, wenn wir unsere Schule verlassen, sind wir uns bewusst, dass uns etwas zustoßen kann.“ Die Studenten der Landhochschule stören nicht nur deswegen, weil sie Revoluzzer alter Schule sind, sondern auch, weil sie Demonstrationen organisieren, die mitunter in Gewalt ausarten, weil sie allerorten Geld sammeln und weil sie die Gewohnheit entwickelt haben, Material für militärische Zwecke zu beschlagnahmen. Anfang Oktober 2014 wurde die Landhochschule von Ayotzinapa damit betraut, das landesweite Gedenken an das Massaker von Tlatelolco zu organisieren, bei dem 1968 um die 300 Studenten starben. Dafür wurden Busse benötigt. Eine Gruppe von Studenten zog also am 26. September los, um irgendwo welche „auszuleihen“. „Anfangs“, erzählt Eduardo, „wollten wir die Busse in Chilpancingo, der nahe gelegenen Hauptstadt von Guerrero, besorgen. Doch Straßensperren der Polizei haben uns daran gehindert, in die Stadt zu kommen. Deshalb haben wir uns entschieden, in das etwa 100 Kilometer entfernte Iguala zu fahren.“ Die Truppe war auf mehrere Busse verteilt, die getrennt am Zielort ankamen. Nachdem die Studenten am örtlichen Busbahnhof weitere Busse besetzt haben, versuchen sie, die Stadt zu verlassen. Irrtümlicherweise biegen sie in eine Hauptverkehrsachse ein, die zum zentralen Platz führt, auf dem ein Volksfest gefeiert wird. Als ein paar Hundert Meter vor dem Zócalo (dem zentralen Platz) Fahrzeuge der städtischen Polizei versuchen, ihre Weiterfahrt zu blockieren, fallen die ersten Schüsse. Eduardo befand sich in einem der Busse. „Wir sind ausgestiegen, und die Polizisten begannen, auf uns zu schießen. Ein Student, Aldo, bekam eine Kugel in den Kopf. Wir haben uns zwischen den Autos versteckt, um uns vor dem Kreuzfeuer der Polizisten in Sicherheit zu bringen. Diese brüllten: ,Wir bringen euch alle um, ihr werdet alle verschwinden, ihr habt keine Ahnung, worauf ihr euch da eingelassen habt …‘“ In jenem Moment tauchen schwarz gekleidete, bewaffnete Männer auf. Laut Eduardo sind das los bélicos, eine Gruppe von Kriminellen, derer sich die Polizei von Iguala bedient. „Wir haben noch mehr Kugeln abbekommen“, fährt er fort. „Irgendwie sind wir zur städtischen Umgehungsstraße gelangt. Dort hat die Polizei etliche Studenten aus den Bussen steigen lassen, sie in Einsatzwagen verfrachtet und weggefahren. Wir anderen sind beisammengeblieben, vollständig umstellt von der Polizei und den Männern in Schwarz. Ein Polizist lachte und sagte uns, wir würden alle sterben. Wir waren alle im Schockzustand und dachten tatsächlich, dass wir sterben würden. Um 23 Uhr raunten uns die Polizisten zu: ,Wir lassen euch abhauen.‘ Wir beschlossen, in Iguala zu bleiben, um die Entführten nicht im Stich zu lassen. Wir waren ungefähr 60 Leute. Das war eine gute Entscheidung, denn später erfuhren wir, dass die Polizei am Ortsausgang auf uns gelauert hatte. Sie hat auf einen vorbeifahrenden Bus geschossen, in dem eine Fußballmannschaft saß. Es gab zwei Todesopfer. Zwei Busse mit Verstärkung aus unserer Schule trafen ein. Unsere Kameraden hatten die Medien benachrichtigt. Die Presseleute kamen und begannen zu fotografieren. Ich gab Interviews. Wir fühlten uns einigermaßen sicher durch die Anwesenheit der Presse. Doch plötzlich, gegen nachts halb eins, kamen Autos mit Leuten in Zivil, manche von ihnen maskiert, und sie begannen wieder zu schießen. Mehrere Studenten wurden getötet. Ich habe mich mit 15 Kameraden auf ein Dach in der Nähe gerettet. Wir verbrachten die Nacht dort lautlos im Regen. Wir hörten, wie die Polizisten nach uns suchten. Am Morgen sind wir zum Staatsanwalt gegangen, um Anzeige zu erstatten. Einige von uns haben in den Gefängnissen der Stadt und im Krankenhaus nach unseren Kameraden gesucht. Aber sie haben keinen gefunden.“ Am Abend darauf sind Eduardo und seine Freunde nach Ayotzinapa zurückgekehrt und begannen, ihre Leute durchzuzählen. 43 Studenten fehlten. Man hat sie nie wiedergefunden. Stattdessen wird man den Leichnam eines von der Polizei festgenommenen Studenten entdecken, mit abgezogener Gesichtshaut und ausgestochenen Augen.

 

Es ist noch immer 1917

Begreift Eduardo, warum die Polizei und ihre Handlanger sie attackiert haben? Er versichert, dass er keine Ahnung habe. Allerdings glaubt er ebenso wie zahlreiche mit der Angelegenheit befasste Journalisten und Experten nicht an die offizielle Version. Er ist der Meinung, die Bundespolizisten und Armeesoldaten, die Augenzeugen dieses Abends waren, sollten vernommen werden. „Ich möchte gern annehmen, dass die Studenten irgendwo festgehalten werden“, äußert er in bedachtsamem Ton. „An jenem Abend ist ein Befehl gegeben worden, sie verschwinden zu lassen. Sie sind erst im städtischen Gefängnis eingesperrt worden, bevor man sie weggebracht hat. Wir fordern, die Wahrheit zu erfahren.“ Ein paar Schritte weiter, auf einem Rasen zwischen den Unterrichtsräumen, feiern Studenten lautstark den Geburtstag eines Kameraden. Trotzdem spürt man recht gut, dass sie mit dem Herzen nicht bei der Sache sind.
Um den Weg der Studenten von ihrer Universität zum Ort ihrer Entführung nachzuvollziehen, muss man die Straße nach Chilpancingo, Hauptstadt des Bundesstaats Guerrero, einschlagen. Sie ist nur ein paar Kilometer von der Hochschule entfernt. Lediglich die Riesenkakteen, die einzeln oder in Grüppchen seltsam aus dem Wald ragen, erinnern daran, dass wir in Mexiko sind. Keine Menschenseele. Nicht einmal ein Auto kommt uns entgegen. Doch etwas hindert daran, diese wilde Schönheit zu genießen: Am Vortag sind genau auf dieser kurzen Strecke drei enthauptete Leichname entdeckt worden. Die Stadt Chilpancingo wirkt eigenartig am Abend. Auf einer winzigen Straße im Zentrum herrscht unter gelbem Lichtschein ein beinahe exzessives Treiben. Kinder spielen, Männer und Frauen lachen laut, als wollten sie für einen Moment Trost und Wärme finden und die Angst vor drohendem Tod und Elend bannen. Doch kaum drei Schritte weiter ist alles leer, finster, still und offensichtlich sehr arm.

In dem Café am Rande der Partystraße sitzt Sergio Ocampo, Korrespondent der La Jornada, einer landesweit erscheinenden, sehr linksgerichteten Tageszeitung, und diskutiert mit ein paar Freunden. Mit seinem alten roten Rolling-Stones-T-Shirt, seinem dichten Bart und seinem konspirativen Blick scheint er die Rolle des örtlichen Karl Marx zu spielen. Er erklärt, dass die Region Guerrero Mexikos größten Vorrat an Revolutionären beherberge, da die kultivierbaren Ländereien in der Hand von Großgrundbesitzern seien. Nach einer sozialistisch inspirierten Agrarreform in den dreißiger Jahren wurde das Land in den neunziger Jahren wieder privatisiert. Zur Eliminierung aller Bestrebungen zu Volksaufständen und zur Schwächung der Revolte soll die Regierung damals im Staat Guerrero „die Saat der Droge eingebracht“ haben, Hanf und Mohn, um die Aufmerksamkeit des Volkes auf anderes zu lenken. Dann verrät Sergio mit gesenkter Stimme: „Derzeit trainieren in den Bergen regelmäßig 7000 Guerilleros. Sie warten nur auf ein Signal, um den bewaffneten Aufstand gegen die von den USA unterstützte imperialistische Macht Mexiko zu beginnen.“ Sergio zeigt diskret auf Passanten. „Sehen Sie diesen Mann, der neben dem von den Drogenhändlern kontrollierten Laden steht. Er sieht aus wie ein guter Familienvater. Das ist einer der Guerilleros. Und dieses Grüppchen von jungen Leuten: Sie gehören ebenfalls dazu …“ Ihm zufolge ordnet sich das Drama von Ayotzinapa in den Rahmen dieses revolutionären Prozesses ein. Der mit dem Drogenhandel verbündete Staat steckt hinter diesem Typus von Massakern, um den Terror zu nähren und die Einsetzung örtlicher selbst verwalteter Kollektive zu behindern. Das Ziel? Die „Guerillanester“ im Keim zu ersticken. Doch „die Gewalt gegen das Volk, die Aufgabe der ländlichen Gemeinschaften, die Arbeitslosigkeit und das Fehlen von Bildung“ drohen, den umgekehrten Effekt zu bewirken. Sergio zieht den Schluss: „Wir befinden uns im Jahr 1917. Die Revolution ist ganz nah.“

 

Das Martyrium von Iguala

Die sinistre Pilgerfahrt setzt sich auf der großen Straße fort, die Acapulco mit Mexiko-Stadt verbindet. Auf ihr reist die Droge, sowohl die, die aus Südamerika kommt und in dem großen Hafen von Schiffen entladen wird, als auch jene, die lokal produziert wird. Erst Richtung Mexiko-Stadt, dann weiter nordwärts. Um ein Beispiel zu geben: Die Gesamtheit der in Chicago in Umlauf gebrachten Drogen wird aus dem Bundesstaat Guerrero geliefert. Trotz der Rauheit seiner Landschaft und seiner Sitten ist die Region also ein strategischer Platz erster Klasse. Die Instruktionen sind klar: Auf Guerreros Straßen ist es angeraten, auf den Hauptverkehrsstrecken zu bleiben und nur bei Tag zu fahren. Sobald es Nacht wird, nehmen die narcos das Terrain in Beschlag und lassen die Konvois rollen. Man stößt besser nicht auf eine Gruppe von Dealern bei der Arbeit, zumal rivalisierende Banden mitunter Straßensperren
errichten, um den Verkehr zu kontrollieren. In diesem Land kostet ein Mordauftrag 30 Euro. Man tötet einander für wenig Geld. Das Missverhältnis zwischen dem Beweggrund für eine Meinungsverschiedenheit und der aufgewendeten Gewalt, um diese zu regeln, scheint haarsträubend zu sein. Jedes Jahr werden Tausende Menschen ermordet. Vollkommen ungestraft. Dass man sich Iguala, dem dritten großen Ballungszentrum des Bundesstaats, nähert, macht sich an der Anzahl der Militärkonvois und der Bundespolizisten bemerkbar. Straßensperren mit Sandsäcken und Maschinengewehren sind zu sehen. Örtliche Polizisten hingegen sieht man kaum. Sie haben Verbindungen zu den Drogenhändlern. Sie waren es, die auf die Studenten geschossen und sie den Gangs ausgeliefert haben. Die Stadt, völlig eben und von geringer Ausdehnung, ist fröhlich, weiß und warm. Zwischen den Läden mit religiösem Plunder und den Tacoständen sieht man die schicksalhafte „43“ an die Wände gesprüht. Die Busse sind auf dem großen Platz, dem Zócalo, blockiert und mit Maschinengewehren beschossen worden. Folgt man der Straße, auf der sie weitergefahren sind, gelangt man zur Kreuzung mit der Umgehungsstraße, einer riesigen, leer gefegten Esplanade. Alles ist still. Ein Fahrrad fährt im Zickzack an der Tankstelle vorbei. Eine weiße Mauer ist von Einschüssen durchlöchert. Hier hat die letzte Schießerei stattgefunden. Hier hat man zum letzten Mal die von der Polizei abgeführten 43 Studenten gesehen. Übrig sind ein paar braun gewordene Blumen, Holzkreuze, eine Kinderzeichnung. Warum hat man sie getötet und entführt? Manche denken, der Bürgermeister der Stadt habe gefürchtet, die Studenten seien gekommen, um eine von seiner mächtigen Gattin organisierte öffentliche Veranstaltung zu stören, und habe sich dafür gerächt. Andere behaupten, die Armee, also der Zentralstaat, habe die aus einer anderen Zeit entsprungenen Revolutionäre bestrafen und ein Exempel statuieren wollen. Noch andere, wie der berühmte mexikanische Schriftsteller Sergio González Rodríguez, vertreten sogar die Ansicht, es habe sich um eine Operation der CIA gehandelt. Ein Journalist hat die von der Ermittlung geheim gehaltene Frage des „fünften Busses“ aufgeworfen, den die Studenten ausgeborgt haben sollen. In ihm könnten Drogen oder Geld gewesen sein, was den verbissenen Eifer der örtlichen Polizisten bei dessen Wiederbeschaffung auf Befehl der narcos erklären würde. Die Studenten hätten den Bus ohne Wissen um seinen Inhalt geliehen. Wie auch immer der tatsächliche Hergang gewesen sein mag, die Überfülle an Versionen zeigt, dass es keinen Konsens hierüber gibt und dass die Ermittlung von der Bevölkerung nicht als glaubwürdig beurteilt wird. Unterdessen verblassen langsam die Spuren des Schreckens auf diesem großen, weißen Platz.

Zurück nach Mexiko-Stadt. Bislang betrachtete man die Hauptstadt als einen sicheren Ort für übereifrige Journalisten oder Zielpersonen der Drogenhändler. Seit einigen Monaten ist das nicht mehr der Fall. Rubén Espinosa, ein Fotoreporter, der die Korruption des Satrapen-Gouverneurs von Veracruz aufdeckte, wurde im Juli 2015 ermordet in seiner Wohnung in der Hauptstadt aufgefunden. Jeder hier hat verstanden, dass Mexiko-Stadt kein heiliges Refugium mehr ist.

 

Die totale Entfremdung

Um einen Freund Espinosas, den Enthüllungsjournalisten und Betreiber der Informationswebsite SinEmbargo Alejandro Paéz Varela zu treffen, muss man sich vormittags zu ihm begeben. Zu seiner eigenen Sicherheit geht er nicht mehr im Dunkeln aus dem Haus und fährt nicht mehr mit dem Auto. Er zeigt sich desillusioniert. Er hat jeden Glauben an eine aus den Bergen oder sonst woher kommende leninistische oder maoistische Revolution verloren. Hat denn das Verschwinden der 43 Studenten nicht wenigstens das Land aufgeweckt und ihm die Augen geöffnet über die Gewalt der Drogenhändler und die Nachlässigkeit des Staates? Der Journalist entgegnet, dass es seit Jahren Gräueltaten mit noch mehr Opfern gibt – massakrierte Migranten, dezimierte Dorfgemeinschaften … Doch der Mittelstand bleibt ihm zufolge gleichgültig. „Mexiko steht keineswegs an der Schwelle eines Flächenbrandes“, fährt er fort. „Während 50 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben, werden die Superreichen mit jedem Tag mächtiger. Wenn sie an der Macht sind, beschließen die Verantwortlichen in der Politik Reformen, von denen sie persönlich profitieren, sobald sie in die Privatwirtschaft zurückgekehrt sind. Der Staat ist nicht mehr Eigentümer seiner strategisch wichtigen Sektoren – Telekommunikation, Banken … Derzeit entledigt er sich gerade mit einer neuen Reform des Erdölsektors. Im Verhältnis zu den verursachten Schäden befinden wir uns noch immer im Schlafzustand.“ Warum glaubt er nicht an die Demonstrationen, die Bewegungen, die Protestmärsche, die sich hierzulande aneinanderreihen? „Zu den Demonstrationen kommen manchmal eine Million Menschen. Na und? Das hat keinerlei Effekt. Die Gewalt steigt. Die radikale Linke wiederholt seit den siebziger Jahren dieselben Dinge, verändert hat sie nichts. Die Guerilleros genauso wenig. Das Schlimmste ist, dass die Leute noch nicht einmal begreifen, dass man sie ausplündert! Und sie wählen weiter ihre Henker.“

Die UNAM ist die angesehenste Universität des Landes. Der Anthropologe und Soziologe Roger Bartra, Verfasser mehrerer Werke über die Identität der mexikanischen Gesellschaft, entwirft bei unserem Treffen ein Panorama der gegenwärtigen Sackgasse, das ebenso düster ist wie die Universitätsgebäude, die aus der Lava der benachbarten Vulkane errichtet sind. Er erklärt mir, warum die schockierende Affäre der 43 Studenten letztlich das Land nicht verändert hat. Roger Bartra kennt die einstige Bedeutung der mexikanischen extremen Linken nur zu gut, da er selbst eine (kurze) Vergangenheit als Kandidat der Guerilla hat. Anschließend ist er der Kommunistischen Partei beigetreten, die seit 1989 nicht mehr unter diesem Namen existiert. Nachdem er sich in den neunziger Jahren zur populären zapatistischen Bewegung aus Chiapas hingezogen fühlte, sieht er seine politische Heimat nunmehr in der Sozialdemokratie. Dieser Werdegang erklärt seinen desillusionierten Blick auf das Verschwinden der Studenten. Ihm zufolge bleibt das Ereignis selbst undurchsichtig. „Womit wir es in Iguala zu tun haben, ist eine Auseinandersetzung zwischen linksextremen Gruppen und der verdorbenen örtlichen Linken, wie sie vom Bürgermeister und seiner Gattin repräsentiert werden. Handelt es sich um einen politischen Kampf oder um eine Schlacht zwischen zwei Gruppen von narcos, also den Guerreros Unidos aufseiten der städtischen Machthaber und den Rojos aufseiten der Studenten? Das ist schwer festzustellen. Es ist tatsächlich möglich, dass Gruppen der extremen Linken wie in Kolumbien gemeinsame Sache mit den narcos machen und dass es sich um eine Art Vergeltungsaktion handelt. In Wirklichkeit sind die politischen und die mafiösen Aspekte vollkommen miteinander verstrickt.“ 

Der Intellektuelle bestätigt, dass es eine große Diskrepanz gibt zwischen den Studenten und einem Teil der Gesellschaft, der ihnen feindlich gesinnt ist. „Der Mittelstand und die Einzelhändler sind des Aktivismus dieser Studenten mit ihren gewaltsamen Demonstrationen, Busbeschlagnahmungen und Mautstellenblockaden mehr als überdrüssig. Auch deren oft sehr aggressiv auftretende Professoren mögen sie nicht.“ Und da alle Machthaber versucht haben, diese Schulen zu schließen, haben sich die Studenten radikalisiert. Die Lage ist explosiv geworden. „Im Grunde gehören diese Schulen einer längst vergangenen Epoche an“, schlussfolgert Bartra.

 

Ein mafiöser Leviathan

Das ändert nichts daran, dass das, was sich in Iguala zugetragen hat, nach den Worten des Anthropologen „ein Verbrechen des Staates“ ist, dessen höchste Repräsentanten zumindest indirekt dafür verantwortlich sind. Er bedauert, dass bislang noch keine glaubhafte Alternative zu diesem politisch-mafiösen System zutage getreten ist. Der Führer der Linken, Andrés Manuel López Obrador, Kandidat der PRD im Jahr 2006, hat ihm zufolge seine Glaubwürdigkeit verloren. Die neuen Protestbewegungen, die von nicht politisierten Studenten oder der Zivilgesellschaft ausgingen, haben sich vereinnahmen lassen. Die Mitte der Gesellschaft glaubt nicht mehr an die Politik, scheint aber zu wirklichen Neuansätzen nicht bereit zu sein. Auf dem Rückweg ins Stadtzentrum passieren wir an den Bushaltestellen die endlosen Warteschlangen der gewöhnlichen Mexikaner. Sie brauchen Stunden für ihre Rückfahrt nach Hause. In der U-Bahn flimmern Porträts der Verschwundenen über die Bildschirme. Oft kommt man an Gruppen von Frauen und jungen Leuten vorbei, die fröhlich singen. Die Gesichter sind liebenswürdig. Äußerste Sanftmut findet man Seite an Seite mit unmenschlicher Gewalt. Manche sehen darin das Merkmal einer kulturellen Essenz, die durch aztekische Opferriten, die Gewalt der Konquistadoren, Barock und derbe Komik, Faszination für das Makabre und das Totenfest geprägt ist. Doch jenseits aller Romantik kann man sich fragen, ob das heutige Mexiko nicht die zu Ende geführte Version eines mafiösen Kapitalismus ist, wie er derzeit ganze Bereiche der Weltwirtschaft aufzehrt. Gewalt und Massenmigration, Ressourcenplünderung, korrupter Staat und zuckersüßer TV-Eskapismus tragen bei zu einer Albtraumversion der amerikanischen Gesellschaft. Die Versuche eines Wandels sind gescheitert. Die Zapatisten um Subcomandante Marcos in den neunziger Jahren hatten keinen Erfolg mit ihrem Projekt einer ökologischen, die Rechte der indianischen Minderheiten respektierenden Autonomie. Die Guerilleros, die ideologisch in den siebziger Jahren feststecken, veranlassen kaum noch jemanden zu großen Träumen. Deshalb legt man sie ohne Gewissensbisse um. Man ist hier Erbe eines tödlichen Synkretismus – Leviathan, Gewalt, „perfekte Diktatur“ plus Anarchie. Die einzige optimistische Note entspricht ganz dem mexikanischen schwarzen Humor. Fragt man Alejandro Paéz Varela, den vom Tode bedrohten Journalisten, was ihn trotz allem hoffen lasse, so antwortet er mit einem leichten Lächeln: „die Gewissheit, dass wir schon bald den Tiefpunkt erreichen werden“.

Übersetzt von
Till Bardoux

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Imre Kertész: "Denken ist eine Kunst, die den Menschen übersteigt"

Alexandre Lacroix

Die Redaktion des Philosophie Magazin trauert um Imre Kertész. In Gedenken an den ungarischen Schriftsteller veröffentlichen wir ein Interview mit ihm aus dem Jahr 2013.

Nietzsche, Wittgenstein, Camus – es war die Philosophie, die Imre Kertész den Weg zur Literatur wies. Der ungarische Nobelpreisträger blickte in seinem, wie er selbst vermutete, „letzten Interview“ zurück auf ein Leben, das sich weder durch Konzentrationslager noch die kommunistische Zensur zum Schweigen verdammen ließ.

„Wissen Sie, ich habe viel über Ihre Fragen nachgedacht“, sagte Imre Kertész gleich zu Beginn, als er uns in seiner Wohnung in Buda, einem Stadtteil von Budapest, empfing. „Mir liegt daran, mit Ihnen ein schönes Interview zu führen, weil es vermutlich mein letztes sein wird.“ Dieser testamentarische Satz könnte makaber wirken, aber im Gegenteil: Seiner kurzatmigen Stimme zum Trotz leuchtet es in seinen Augen lebhaft und verschmitzt. Seit gut einem Jahrzehnt kämpft Kertész mit der Parkinsonkrankheit, Ursache zahlloser Schmerzen und Schwierigkeiten, von denen seine veröffentlichten Tagebücher berichten. Diese Krankheit zwang ihn, 2012 offiziell das Schreiben aufzugeben, und lässt ihm täglich nur wenige kurze Momente der Ruhe.

Es ist schwer, nicht gerührt zu sein bei der Begegnung mit diesem so geprüften und zugleich so zäh durchhaltenden Menschen, der unentwegt über die Paradoxa des Daseins als „Überlebender“ nachgesonnen hat. Imre Kertész wurde 1929 geboren. 1944 wurde er nach Auschwitz deportiert, dann nach Buchenwald gebracht, wo er 1945 die Befreiung des Lagers erlebte. Den wesentlichen Teil seines Lebens hat er daraufhin unter dem kommunistischen Regime in Ungarn verbracht. Kertész begann Mitte der fünfziger Jahre zu schreiben. Zugleich toleriert vom Regime und sorgsam ferngehalten von der Öffentlichkeit, veröffentlichte er in äußerst überschaubaren Auflagen und kühl aufgenommen von der offiziellen Kritik Meisterwerke wie „Roman eines Schicksallosen“ oder „Der Spurensucher“. Erst mit dem Zusammenbruch des Ostblocks wurden seine Werke in aller Welt übersetzt und fanden internationale Anerkennung, gekrönt vom Literaturnobelpreis im Jahr 2002.
Wenn es eine weniger bekannte Dimension seiner Existenz gibt, dann ist es das Verhältnis des Schriftstellers zur Philosophie. Aus Leidenschaft, doch auch, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, übersetzte Imre Kertész zahlreiche deutsche Philosophen vom Deutschen ins Ungarische, unter ihnen Friedrich Nietzsche und Ludwig Wittgenstein. Die Lektüre dieser Autoren sowie die von Albert Camus und Jean-Paul Sartre hat unentwegt sein Werk genährt. Vor allem aus dem Wunsch heraus, sich über seine – intensive und beständige – Beziehung zur Philosophie zu äußern, stimmte Kertész unserer Interviewanfrage zu.

Imre Kertész: "Denken ist eine Kunst, die den Menschen übersteigt"

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II: Wer sind "Wir"?

Als Angela Merkel den Satz „Wir schaffen das!“ aussprach, tat sie dies, um die Deutschen zu einer anpackenden Willkommenskultur zu motivieren. Aber mit der Ankunft von einer Million Menschen aus einem anderen Kulturkreis stellt sich auch eine für Deutschland besonders heikle Frage: Wer sind wir eigentlich? Und vor allem: Wer wollen wir sein? Hört man genau hin, zeigt sich das kleine Wörtchen „wir“ als eine Art Monade, in der sich zentrale Motive zukünftigen Handelns spiegeln. Wir, die geistigen Kinder Kants, Goethes und Humboldts. Wir, die historisch tragisch verspätete Nation. Wir, das Tätervolk des Nationalsozialismus. Wir, die Wiedervereinigten einer friedlichen Revolution. Wir, die europäische Nation? Wo liegt der Kern künftiger Selbstbeschreibung und damit auch der Kern eines Integrationsideals? Taugt der Fundus deutscher Geschichte für eine robuste, reibungsfähige Leitkultur? Oder legt er nicht viel eher einen multikulturellen Ansatz nahe? Offene Fragen, die wir alle gemeinsam zu beantworten haben. Nur das eigentliche Ziel der Anstrengung lässt sich bereits klar benennen. Worin anders könnte es liegen, als dass mit diesem „wir“ dereinst auch ganz selbstverständlich „die anderen“ mitgemeint wären, und dieses kleine Wort also selbst im Munde führen wollten. Mit Impulsen von Gunter Gebauer, Tilman Borsche, Heinz Wismann, Barbara Vinken, Hans Ulrich Gumbrecht, Heinz Bude, Michael Hampe, Julian Nida-Rümelin, Paolo Flores d’Arcais.

 


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III: Wie schaffen wir das?

Eine Million Flüchtlinge warten derzeit in erzwungener Passivität auf ihre Verfahren, auf ein Weiter, auf eine Zukunft. Die Tristheit und Unübersichtlichkeit dieser Situation lässt uns in defensiver Manier von einer „Flüchtlingskrise“ sprechen. Der Begriff der Krise, aus dem Griechischen stammend, bezeichnet den Höhepunkt einer gefährlichen Lage mit offenem Ausgang – und so steckt in ihm auch die Möglichkeit zur positiven Wendung. Sind die größtenteils jungen Menschen, die hier ein neues Leben beginnen, nicht in der Tat auch ein Glücksfall für unsere hilf los überalterte Gesellschaft? Anstatt weiter angstvoll zu fragen, ob wir es schaffen, könnte es in einer zukunftszugewandten Debatte vielmehr darum gehen, wie wir es schaffen. Was ist der Schlüssel für gelungene Integration: die Sprache, die Arbeit, ein neues Zuhause? Wie können wir die Menschen, die zu uns gekommen sind, einbinden in die Gestaltung unseres Zusammenlebens? In welcher Weise werden wir uns gegenseitig ändern, formen, inspirieren? Was müssen wir, was die Aufgenommenen leisten? Wie lässt sich Neid auf jene verhindern, die unsere Hilfe derzeit noch brauchen? Und wo liegen die Grenzen der Toleranz? Mit Impulsen von Rupert Neudeck, Rainer Forst, Souleymane Bachir Diagne, Susan Neiman, Robert Pfaller, Lamya Kaddor, Harald Welzer, Claus Leggewie und Fritz Breithaupt.

 


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Machiavelli und der Krieg

Nicolas Tenaillon

Ist er das Ende oder vielmehr der Anfang aller Dinge? Und wirklich in jedem Fall ein vermeidbares Übel? Niccolò Machiavellis Werk über die „Kunst des Krieges“ widmet sich Themen von trauriger Aktualität: Berufsarmee oder allgemeine Wehrpflicht? Welche Bedeutung kommt der Religion und einer starken Führergestalt für den Kampfeswillen zu? Ist die Qualität der Waffen entscheidend oder die Ausbildung der Soldaten? Fragen, die seit Menschengedenken über Leben und Tod, über die Zerstörung alter oder die Schaffung neuer Staaten entscheiden. Bis in unsere heutige Zeit, ja unseren eigenen Kontinent hinein. Zwar mögen Machiavellis Antworten nicht immer unsere moralische Zustimmung verdienen. Sehr wohl aber unser politisches Interesse.


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Was tun?

Wolfram Eilenberger

Der Herbst des letzten Jahres ist bereits jetzt als einer der großen Wendepunkte unserer Nachkriegsgeschichte erkennbar. So wie einst der Herbst des Jahres 1989. Der Fall der Mauer bedeutete einen enormen Mobilitätsschub. Im Zeichen der Freiheit ordnete er die Landkarte Deutschlands, Europas, ja faktisch der ganzen Welt politisch neu. Wie nun wäre das zweite große Herbstereignis, also der faktische Kollaps der EU-Außengrenzen und die damit verbundene Entscheidung zur Aufnahme von mehr als einer Million Flüchtlinge allein in Deutschland einzuordnen? Wieder fallen Grenzen. Wieder stimmen ganze Völker mit den Füßen ab und marschieren – als Opfer von Bürgerkriegen und einem mittlerweile Staat gewordenen islamistischen Terrorregime – aus den kriegsversehrten Gebieten der arabischen Welt nach Kerneuropa: unterwegs in ein besseres Leben – oder auch nur Überleben.


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Veye Tatah über Geschichte und Gegenwart des Kolonialismus

Philomag Redaktion

Welche Aufgabe hat Deutschland im Hinblick auf das koloniale Erbe? Wie sollte man mit philosophischen Klassikern wie Immanuel Kant umgehen, die sich in ihren Texten u. a. rassistisch geäußert haben? Können wir angesichts des aktuellen Aufklärungsprozesses optimistisch in die Zukunft blicken? Auf der diesjährigen phil.cologne sprechen wir im Videointerview mit Veye Tatah über Geschichte und Gegenwart des Kolonialismus. Veye Tatah ist Gründerin des Vereins Africa Positive und Chefredakteurin des gleichnamigen Magazins. Seit 2018 leitet sie das neugegründete Africa Institute for Media, Migration and Development (AIMMAD). Für ihr Engagement erhielt sie im Februar 2010 das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Veye Tatah über Geschichte und Gegenwart des Kolonialismus

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Sadik al Azm: „Syrien erlebt die Revolution in der Revolution“

Michael Hesse

Seit fast sechs Jahren wütet in Syrien ein brutaler Bürgerkrieg, in dem bis zu 500 000 Menschen getötet wurden, während Millionen zur Flucht innerhalb und außerhalb des Landes gezwungen wurden. Das Regime von Baschar al Assad und eine unübersichtliche Mischung von oppositionellen Kräften und IS-Milizionären bekämpfen einander und die Zivilbevölkerung rücksichtslos. Vor vier Jahren sprach das Philosophie Magazin mit Sadik al Azm, einem der bedeutendsten Philosophen des Landes, der kurz zuvor nach Deutschland emigriert war, über die Aussichten für Syrien, das Gespräch führte Michael Hesse. Al Azm ist am Sonntag, dem 11. Dezember 2016, in Berlin gestorben.

Sadik al Azm: „Syrien erlebt die Revolution in der Revolution“