Alles unter dem Himmel. Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung

Eine Rezension von Gert Scobel, veröffentlicht am

Hilft das Himmelsdach? – Zhao Tingyang setzt chinesischen Universalismus gegen westliche Denktraditionen

Ein Schuss vor den Bug gefällig? Oder eine Nachhilfestunde zum Thema „Was immer schon fehlging in der westlichen Philosophie“? Dann sollten Sie Zhao Tingyang lesen, auch auf die Gefahr hin, dass Sie viele seiner Thesen ablehnen. Macht nichts. Denn die Frage ist, ob Sie die besseren Argumente anführen können. Es ist dieser starke argumentative Angriffauf die westliche Aufklärungstradition, der den Reiz und auch die Wichtigkeit des Buches ausmacht. „Alles unter dem Himmel“ bietet eine ideale Diskussionsgrundlage für eine bessere, zugleich aber realistischere Weltordnung als die bestehende, die in der Tat vom Westen geprägt ist. Der chinesische Philosoph legt den Finger in die Wunde: Weltbürger werden – Kants Mahnung aus der Schrift „Zum ewigen Frieden“, die Zhao häufig zitiert –, davon ist Europas Politik weit entfernt.

Kern des Buches ist „Tianxia“, ein stark metaphorisches, zugleich anpassungsstarkes und vielfältiges Zentralkonzept des chinesischen Denkens. Zentral nicht nur, weil es das Denken des Zentralkomitees widerspiegelt. Wörtlich übersetzt bedeutet es „unter dem Himmel“, „Land unter dem Himmel“ oder einfach „die gesamte Welt“. Mit Luhmann gesprochen also das System aller Systeme: die Summe aller Teilsysteme, gleich ob menschlich oder natürlich, politisch oder wirtschaftlich, wissenschaftlich oder spirituell. Was bereits ein Problem andeutet: Wer ist in der Lage, die Komplexität dieses Ganzen zu beobachten und in einer Theorie zu beschreiben? Hilft da eine Metapher wie „Himmelsdach“?

„China ist eine Erzählung, Tianxia dagegen eine Theorie“ – die Theorie einer Ordnung, die die gesamte Welt „inkludiert“, wie Zhao sagt. Der Anspruch des Buches ist es, diese Weltordnung zu entfalten, in der es kein Außen mehr gibt und folglich auch keine Unterscheidung zwischen Außen- und Innenpolitik, die ohnehin nur partikulare und nationalstaatliche Interessen umsetzt. Weiter: „Die demokratische Erzählung gehört zur Logik des modernen Fortschrittsglaubens. Aber der Fortschritt kennt ebenso wenig wie die Evolution einen Endpunkt“ – den die westliche Philosophie jedoch mit großer Hartnäckigkeit erreichen will. Zhao sieht daher Theologie am Werk: ein Denken, das sich Feinde suchen muss, deren „Heidentum“ es bekämpft. Letztes Zitat: „Die Vereinten Nationen bieten einen gemeinsamen Raum der Konsultation und des Feilschens zwischen den Staaten, die ihr angehören. Es handelt sich um ein System, das versucht, nackte und brutale Gewalt in Tauschgeschäfte umzuwandeln.“ Starke Thesen, die zwingen, sich mit der chinesischen Perspektive auseinanderzusetzen und die besseren Argumente zu finden. Denn eine Metapher wird kaum die letzte Antwort bieten, auch wenn sie aus China kommt.