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Bild: Wikipedia

Essay

Das Epos in prosaischen Zeiten

Till Hahn veröffentlicht am 21 Januar 2026 7 min

Das Versepos als literarische Form gilt als veraltet. Dennoch werden immer noch Epen geschrieben. Das ist nicht bloß Nostalgie, sondern verrät uns etwas über den Zustand unserer Welt, meint Till Hahn.

„Mach aber nicht wieder so ein Epos draus!“, sagte mir neulich ein Lektor, als ich ihm von einer neuen Textidee berichtete. Was er mit diesen Worten zum Ausdruck bringen wollte, war keineswegs die Sorge, ich könnte meinen Text in gebundenen Hexametern abgeben. Vielmehr wollte er mich bitten, mich meines gewohnt langatmigen, etwas umständlichen, nicht sofort zur Sache kommenden, gar zum Schachtelsatz neigenden Stils zu enthalten. Mit einem Wort: mich kurzzufassen. Auch dem größten Lesemuffel dürfte aufgefallen sein: Die ungebundene Rede (vulgo: der Roman) hat das Epos im gebundenen Vers weitestgehend verdrängt und die Beschäftigung mit demselben gilt gemeinhin als Freizeitbeschäftigung für angestaubte Altsprachler. Das Epos scheint aus der Zeit gefallen. Das Adjektiv „episch“ hingegen ist in aller Munde. So bezeichnen manche Jugendliche eine Nacht als „episch“, in welcher sie sich mit einer Gnadenlosigkeit die sprichwörtlichen Laternen austraten, wie einst nur der Achilles die Soldaten Trojas. 

Auch Filme werden heute gern als Epos (oft mit der Qualifikation Science-Fiction- oder Fantasy-) betitelt. In der Regel handelt es sich dabei um die niederen Gefilde der Unterhaltungsindustrie – gerade dann, wenn das Drehbuch in besonders epischem Ausmaß gegenüber den Special-Effects vernachlässigt wurde. Hier wäre „Epos“ sogar ein Marker für Modernität, für technisch produzierten Bombast (auch wenn viele der so beschriebenen Filme einer gewissen Langatmigkeit nicht entbehren). Nur was zur Hölle Dantes ist dann eigentlich ein Epos? „Bei fast keiner anderen Dichtungsart ist man so sehr um eine genügende Definition verlegen als bei der epischen“, schrieb etwa Wilhelm von Humboldt. „Als Epos gilt gemeinhin eine umfangreiche Versdichtung, die einen hohen Gegenstand im hohen Stil vorträgt“, so habe ich es im Deutschunterricht gelernt. Die neue Wortverwendung als Beschreibung für bombastische Medienerzeugnisse bleibt damit nicht ohne Ironie. Doch unterstreicht sie, dass die Zeit der altehrwürdigen Hexameter vorbei zu sein scheint. 

 

Achilles ohne Pulver und Blei

 

Dass dies keine zufällige Geschmacksentscheidung eines flatterhaften Publikums ist, sondern handfeste, gar materielle gesellschaftliche Gründe hat, attestierte Karl Marx: „Ist Achilles möglich mit Pulver und Blei? Oder überhaupt die ‚Iliade‘ mit der Druckerpresse?“ Seine These: Das Epos ist nicht nur Ausdruck eines bestimmten Verständnisses von Literatur, sondern auch eines Weltverhältnisses. Homer kann die Götter- und Heldensagen von Ilias und Odyssee schreiben, weil ihm die Natur als fremde, unüberwindliche Macht gegenübertritt, die heldenhaft bezwungen werden muss. Doch unser Weltbild ist ein völlig anderes. Obgleich es nach einer Figur aus eben jener griechischen Mythologie benannt ist, nämlich Prometheus, sehen wir die Natur nicht mehr als unbezwingbare fremde Macht, sondern als eine, die wir uns durch Ingenieursgeist und Erfindungsreichtum Untertan gemacht haben. Die griechischen Götter, die größtenteils Verkörperungen derselben waren, besitzen keine Macht mehr über uns. So schreibt Marx weiter: „Wo bleibt Vulkan gegen Roberts et Co., Jupiter gegen den Blitzableiter und Hermes gegen den Credit mobilier?“ 

„Ist Achilles möglich mit Pulver und Blei?“ Diese Frage berührt ein zentrales Problem unserer Zeit: Die Philosophin Antonia Birnbaum attestierte uns jüngst, dass wir in einem postheroischen Zeitalter leben. In ihrem Buch Mut ohne Heldentum analysiert sie das Heldentum als dezidiert männliche Tugend. Archetypisch geformt ist es bei Homer in der Ilias, wo das heldenhafte Leben ein kurzes, dem Kampf gewidmetes ist, mit dem Ziel, den eigenen Namen durch Glanztaten unsterblich zu machen. Diese Idee ist spätestens seit dem ersten Weltkrieg nicht mehr zeitgemäß, wo das massenhafte und vor allem anonyme Sterben in den Schützengräben sie ad absurdum geführt hat. Insofern scheint Achilles mit Pulver und Blei, erst recht aber im Drohnen- und Cyberkrieg, endgültig undenkbar geworden zu sein. So wirbt die Bundeswehr folgerichtig um neue Rekruten nicht etwa damit, dass man sich hier durch zeitlose Heldentaten einen Namen für die Ewigkeit machen kann, sondern mit Ausbildungschancen, einem motivierten Team oder sonstigen persönlichen Benefits. Selbst die Erzählungen aus dem Krieg haben einen merkwürdig therapeutischen Tonfall angenommen. Etwa in den zahlreichen Interviews deutscher Leitmedien mit israelischen Soldaten, die darüber berichteten, wie traumatisiert sie davon seien, was sie „in Gaza gesehen haben“ – ganz so, als wären sie am Geschehen gar nicht beteiligt gewesen. Die Vorstellung eines Achilles dagegen, der, nachdem er die Wohnstätten der Troer verheerte, beim myrmidonischen Militärpsychologen über PTSD klagt, wäre nicht nur albern, sondern zynisch.

Die Produktionsbedingungen (um im marxistischen Vokabular zu bleiben) für Epen sind also gar nicht mehr gegeben. Merkwürdig nur, dass nicht nur die Werke Homers weiter neuübersetzt und neugedruckt, sondern sogar neue Epen geschrieben werden. 1956 etwa veröffentlichte der schwedische Literaturnobelpreisträger Harry Martinson mit Aniara ein Versepos, das auf einem Raumschiff spielte. Und Anne Weber gelang mit Anette, ein Heldinnenepos 2020 ein beachtlicher Publikumserfolg. Es wäre einfach, diese beiden Beispiele als Anachronismen abzutun. Aber ist nicht auch der Roman eigentlich ein Anachronismus, längst abgelöst durch das Medium Film – und ist dieser nicht selbst schon obsolet geworden durch das Reel? 

 

Oraler Ursprung

 

Doch wenn wir über schon über die Veraltung durch Technik sprechen, dann wäre das Epos – das ist das Besondere – schon veraltet gewesen, in dem Moment, in dem es geschrieben ward; denn es wurde ja gar nicht im eigentlichen Sinne geschrieben, wie etwa Tolkien den Herrn der Ringe geschrieben, also sich ausgedacht hat. Die Epen der alten Zeit sind vielmehr verschriftlicht worden, bestehende Sagen also, die bis dato von Dichtern mündlich überliefert waren, wurden aufgeschrieben. Obsolet gemacht durch die letzte wirklich revolutionäre Erfindung der Menschheit: die Schrift. Denn die eigentliche Form des Epos ist ja das gesprochene Wort. Das Epos will vorgetragen werden, gar nicht still gelesen. Mehr noch, es will auswendig gelernt und dann rezitiert werden, damit die Erinnerungslücken mit neuem, noch fabelhafterem Stoff gefüllt werden. Noch im Heldinnenepos Anette findet sich ein Hinweis auf diese Oralität, wenn Anne Weber uns gleich zu Anfang darauf hinweist, dass wir den Namen bloß nicht aussprechen sollen, wie wir ihn lesen, sondern französisch: Anett.   

In demselben greift Weber auch unseren merkwürdigen, postheroischen Zustand auf: Ein Heldinnenepos über die französische Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir, die als Vorlage für die Protagonistin Annette dient, soll es sein. Aber: Nicht nur, indem sie die dezidiert virile Hauptrolle des Helden weiblich besetzt, unterläuft sie die Logik dieser Textform – vielmehr nutzt sie diese, um uns mit einem zentralen Problem der Moderne zu konfrontieren: dem der Narration. Denn im Gegensatz zum Fließtext – sei es als Roman oder als Biografie – verhehlt das Versepos nie seinen konstruierten Charakter. Ebenfalls entschieden modern ist Webers ironisches Spiel mit dieser Form: Anette ist nicht nur als Figur, sondern vor allem als Heldin viel weniger eindeutig als es ihre Vorbilder bei Homer sind. Anette schließt sich als Jugendliche der Résistance an. In ihrem Widerstand gegen die Nazis wäre sie wohl noch am ungebrochensten als heroisch zu verstehen. Doch schon hier beginnt die Schwierigkeit: Im Gegensatz zum heroischen Kampf Mann gegen Mann auf dem epischen Schlachtfeld ist der Widerstand im Untergrund vor allem Arbeit im Verborgenen. Sich selbst einen Namen zu machen ist mithin das Katastrophalste, was eine Untergrundkämpferin machen kann, bedeutete es doch Kerker, Folter, Tod. Der Mut der Anne Beaumanoir ist also vor allem, um es mit Antonia Birnbaum zu sagen, Mut ohne Heldentum.

 

Risse im Weltverhältnis

 

Noch uneindeutiger ist Harry Martinsons Versuch, das Versepos als literarische Form für die Science-Fiction zu reanimieren. Denn Martinson enthält sich gerade des genretypischen Bombasts. Im Gegenteil, der Tonfall ist nachdenklich, oft zweifelnd, zuweilen verzweifelnd. Die Story ist indes schnell erzählt: Das Raumschiff Aniara soll Überlebende einer durch eine Atomkatastrophe unbewohnbar gewordenen Erde zum Mars befördern. Auf dem Weg dorthin muss es einem Meteor ausweichen, kommt vom Kurs ab und stürzt in die leere Unendlichkeit des Alls. Was in diesem Epos wiederkehrt, ist das mythische Weltverhältnis. Helden im klassischen Sinne sucht man dagegen vergebens. Martinson macht in seiner Zukunftsfiktion die Entzauberung, die das Epos eigentlich ad acta gelegt hatte, selbst als mythisch erlebbar: Eben jene Mächte, die wir uns schufen, um die fremde, bedrohliche Natur zu kontrollieren, treten uns nun, spätestens seit der Erfindung der Atombombe, selbst als feindlich und unbeherrscht gegenüber. Aniara als Epos ist also Ausdruck eines mythischen Weltverhältnisses, aber eines mythischen Weltverhältnisses, das dem prometheischen Weltbild eigen ist.  

Selbst Marx gestand noch zu: „Die Schwierigkeit liegt nicht darin zu verstehen, dass griechische Kunst und Epos an gewisse gesellschaftliche Entwicklungsformen geknüpft sind. Die Schwierigkeit ist, dass sie uns noch Kunstgenuss gewähren und in gewisser Beziehung als Norm und unerreichbare Muster gelten.“ Zweifelsohne, sowohl Aniara als auch Anette werden sich nicht in die Reihe von Homer, Dante oder Gilgamesh stellen. Sie bleiben nur entschlüsselbar vor dem Hintergrund der modernen Romantradition. Doch beide weisen hin auf einen Riss in unserem durchrationalisierten Weltverhältnis. Weisen hin auf die Uneindeutigkeit der Begriffe, mit denen wir so selbstverständlich operieren. Sei es „Heldentum“, das sich bei genauerem Hinsehen als ideologische Fiktion entpuppt, sei es „Natur“, die uns gerade durch den Versuch sie zu beherrschen als noch ungestümere, noch unbeherrschbarere Macht gegenübertritt. •

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