Die Träume der Philosophen
Wer philosophiert, muss bei wachem Verstand sein. Doch es gibt Träume, die das Leben der Denker beeinflussen, gar Philosophiegeschichte schreiben. Ein Blick hinter den nächtlichen Schleier.
Sokrates
(4. Jh. v. Chr.)
Während Sokrates auf seine Hinrichtung wartet, hat er einen eigenartigen Traum. Er erzählt seinem Freund Kriton davon, als dieser ihn im Gefängnis besucht, um den philosophischen Großmeister zur Flucht zu überreden. „Es kam mir vor“, so Sokrates im Verlauf ihres von Platon überlieferten Gesprächs, „als ob eine schöne, wohlgestaltete Frau mit weißen Kleidern angetan auf mich zukam.“ Drei Tage vor Vollstreckung des Urteils kündigt sie ihm eine nahende Reise an: „O Sokrates, möchtest du am dritten Tag in die schollige Phthia gelangen.“ Die Figur der weiß gekleideten Frau mit ihren prophetischen Worten lädt zu allerlei Spekulationen ein. Die vorhergesagte Reise nach Phthia – eine mythologische Landschaft – mag als Symbol der drohenden Todesfahrt dienen. Ob sich hinter dem Todesengel aber die innere Akzeptanz des Urteilsspruchs, eine mystische Ahnung oder der opake Fluchtwunsch in ein heiles Reich verbirgt, bleibt dahingestellt. Sokrates schweigt darüber und schlägt das Angebot zur Flucht aus. Womöglich hat er die Traumgestalt im Sinn, als er sich drei Tage später den tödlichen Schierlingsbecher überreichen lässt.
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