„Gelbe Briefe" – Leben in autoritären Zeiten
Der diesjährige Gewinnerfilm des Goldenen Bären Gelbe Briefe von İlker Çatak eröffnet die Frage nach dem richtigen Handeln im Falschen. Was tun, wenn der Heimatstaat ins Autoritäre kippt? Der Film zeigt, wie wertvoll und verletzlich die Meinungsfreiheit ist und wird damit zum kritischen Kommentar gegen Kulturstaatsminister Wolfram Weimer.
Auf einmal liegt er im Briefkasten: Ein gelber Brief von der Regierung. Er teilt dem türkischen Künstlerehepaar Aziz und Derya mit, dass sie ihre Anstellungen als Dozent und Schauspielerin aufgrund aufrührerischen Verhaltens verloren hätten. Gerade noch wegen ihres kritischen Geistes bei einer Premiere am Staatstheater gefeiert, müssen sie sich von einem auf den anderen Tag fragen, woher sie ihr Geld zum Überleben bekommen. Aus finanziellen Gründen sehen sie sich gezwungen, ihre Heimatstadt Ankara zu verlassen und ihr bürgerliches Leben hinter sich zu lassen, um gemeinsam mit der Teenagertochter zu Aziz` Mutter in eine kleine Wohnung nach Istanbul zu ziehen. Der Film zeigt, wie die autoritäre Bedrohung noch in die feinsten zwischenmenschlichen Beziehungen eindringt, den Menschen jeden Schutz nimmt und eine Stimmung der Unsicherheit und Angst hinterlässt.
Wie leben unter staatlicher Repression?
Wie soll man auf eine solche staatliche Unterdrückung reagieren? Wie verhält man sich, wenn die Rahmenbedingungen falsch geworden sind? Sollte man besser weiter für seine Meinung einstehen, um so der Staatsmacht etwas entgegenzusetzen, oder sich lieber anpassen, um weiterer Repression zu entgehen und ein gutes Leben zu führen? Aziz und Derya leben die zwei Möglichkeiten vor. Aziz erweist sich als der Unnachgiebige. Er weigert sich, sich den Umständen zu beugen und sucht den Weg in die innere Emigration. Er ist dabei alles andere als ein Held. Er ist vorsichtig, sucht weder die große Bühne, um gegen das Vorgehen der Regierung zu klagen, noch schließt er sich subversiven Protestformen an, wie der von Kollegen organisierten Fortführung der akademischen Lehre im Park. Zwar an sich unbeugsam, scheut er jedoch den offenen Konflikt. Um seine Familie zu ernähren, nimmt er einen Job als Taxifahrer an. Seine Kritik sucht er in der Kunst. Nach der Arbeit schreibt er an einem systemkritischen Theaterstück, das er in einem kleinen Off-Theater inszeniert und das (etwas plakativ) die Willkür von Menschen in Machtpositionen sowie die Verletzlichkeit und Machtlosigkeit des einzelnen Individuums thematisiert.
Derya ist von einem anderen Gemüt. Ganz ihrem Beruf als Schauspielerin entsprechend, verhält sie sich zunächst aufbrausend, extrovertiert und impulsiv. Als ihr plötzlich der Zugang zum Theater verwehrt wird, rennt sie auf die Bühne und konfrontiert die Verantwortlichen unmittelbar mit ihren Handlungen. Schämen sollten sie sich. Doch so offen und moralisch richtig die Handlung ist, es bleibt bei einer Szene. Nach dem Rauswurf ist ihr Handeln von der Motivation getrieben, das Beste aus der Situation zu machen, auch wenn das bedeutet, Kompromisse einzugehen und eigene Prinzipien hintanzustellen. So meldet sie sich nicht nur bei ihrem Bruder, den sie offenbar aufgrund seines religiösen, staatstreuen und stark patriarchalen Verhaltens über Jahre gemieden hat, sondern beginnt auch mit einer Agentin zusammenzuarbeiten, deren Berufsgruppe sie noch zu Beginn des Films als Blutsauger des Kulturbetriebs verunglimpft hat. Deryas Opportunismus geht so weit, dass sie die Hauptrolle in einer Soap beim indoktrinierten Staatsfernsehen übernimmt.
Ist es Derya vorzuwerfen, dass sie sich den Verhältnissen anpasst und versucht, ihr Leben und ihre Profession soweit es geht weiterzuleben? Auf den ersten Blick mag man vielleicht zu dem Urteil tendieren, dass man niemals mit einem Unrechtsregime zusammenarbeiten dürfe. Doch der Film zeigt eindrücklich, wie schwierig, leidvoll und gefährlich es ist, offen und aktiv Opposition zu zeigen. Gerade wenn das Unrecht von oben kommt, die Justiz ihre Unabhängigkeit verloren hat und ein Großteil der Bevölkerung das Regime unterstützt, geht jede Form des Protests mit einer existenziellen Bedrohung einher. Angst überschattet das Leben und bestimmt die ganze Seinsweise der Betroffenen. Egal wie man sich entscheidet, die Entscheidung ist schlecht. Entweder, weil man wie Aziz ins Abseits der Gesellschaft gezwungen wird oder weil man wie Derya gezwungen ist, die eigenen Werte aufzugeben und als Konsequenz von dem eigenen Gewissen gequält wird. So oder so zerstören autoritäre Regime die Individualität ihrer Untertanen und versuchen sie auf Linie zu bringen. Jede Form der Pluralität und Freiheit gilt als Bedrohung.
Staatliche Repression in Deutschland
Eine Besonderheit des Filmes ist, dass er zwar in der Türkei spielt und dementsprechend auch auf Türkisch gesprochen wird, jedoch aufgrund der repressiven Umstände in der Türkei in Deutschland gedreht wurde. Dabei hat İlker Çatak aus der Not eine Tugend gemacht und die Diskrepanz zwischen Handlungs- und Drehort (anders als in vielen anderen solchen Fällen) transparent im Film kommuniziert. Dadurch gewinnt der Film besonders für ein deutsches Publikum eine bereichernde Tiefendimension. Das autoritäre Regime erscheint nicht als das Unglück fremder Nationen, sondern als etwas, das auch in unseren Straßen und Städten geschehen kann. Wenn der Richter in der Verhandlung über Aziz‘ Rauswurf aus der Universität das Urteil spricht und im Hintergrund auf Deutsch „Im Namen des Volkes“ auf der Wand geschrieben steht, wird einem als Zuschauer unmittelbar mulmig zumute.
Gelbe Briefe wird durch den Perspektivwechsel gerade in Zeiten einer erstarkenden extremen Rechten zu einer wichtigen Warnung. Unsere Demokratie ist nicht bedingungslos gegeben, sondern muss immer konstant verteidigt werden. Zwar ist Deutschland noch weit entfernt von einer autoritären Herrschaft, jedoch gibt es auch schon jetzt Aspekte, die in diese Richtung gehen. Man denke etwa an die Debatte, die im Nachklang an die Berlinale um ihre Intendantin Tricia Tuttle entbrannt ist. Ausgangspunkt war die Preisrede des syrisch-palästinensischen Filmemachers Abdallah Alkhatib, in der er der deutschen Bundesregierung vorgeworfen hat, „Partner des Völkermords in Gaza zu sein". Darüber hinaus betonte er, dass man sich an diejenigen erinnern würde, die an der Seite Palästinas standen; aber auch an jene, die dies nicht taten.. Man mag zu dem Statement stehen, wie man will, es ist aber eine Meinung, die nicht diskriminierend ist und deswegen in einem freien demokratischen Diskurs toleriert werden muss.
Dass jedoch Tricia Tuttle eben für das Tolerieren der Aussage vom Staatskulturminister Wolfram Weimer im übertragenen Sinne einen „gelben Brief“ zugeschickt bekommt und dieser ernsthaft über ihre Entlassung nachdenkt, zeigt, wie es bei den Verantwortlichen um das Verständnis von demokratischer Meinungsfreiheit bestellt ist. Natürlich muss man das Statement nicht unwidersprochen hinnehmen und man darf auch Tricia Tuttle für ihr Verhalten kritisieren. Aber dies muss im Rahmen einer öffentlichen Debatte geschehen, in der Argumente ausgetauscht werden, und darf nicht von Oben bestimmt werden. Eine solche Auseinandersetzung wäre Ausdruck einer freien Gesellschaft. Im Sinne der Demokratie sollte deswegen nicht um die Zukunft Tuttles, sondern um die von Staatsminister Weimer eine ernsthafte Diskussion geführt werden. Denn wie wichtig ein offener und pluraler Debattenraum ist, in dem Meinungen mit Gegenmeinungen und nicht mit Repression begegnet werden, führt nicht zuletzt „Gelbe Briefe“ von İlker Çatak eindrücklich vor. •