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Pro & Contra

Grundeinkommen einführen?

veröffentlicht am 4 min

Das bedingungslose Grundeinkommen wird weltweit diskutiert. Sollte es Wirklichkeit werden, würde der Staat jedem Bürger einen existenzsichernden Betrag zahlen, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. Eine sinnvolle Investition?

Stefan Mekiffer: "Ja, ausbeutende Arbeitsverhältnisse fänden ein Ende"

Die Einführung eines Grundeinkommens ist überfällig. Es ist finanzierbar, gerecht, revolutioniert unser Verhältnis zur Arbeit und sorgt für ein besseres Leben aller. Zur Finanzierbarkeit: Wenn ein Land vermögend genug ist, seinen Bürgern ein Existenzminimum zu gewähren, dann sollte es auch ein Grundeinkommen finanzieren können. Um das für Deutschland zu überschlagen: Wenn man jedem Menschen monatlich 1000 Euro überweisen würde, entspräche das einem Drittel des Bruttoinlandsprodukts. Ein Drittel also für die Existenzsicherung der Bevölkerung, zwei Drittel für den Luxus darüber hinaus. Dazu kämen 15 Prozent für weitere Staatsausgaben – das entspräche dem heutigen Niveau. Modellrechnungen bestätigen, was diese grobe Schätzung suggeriert: Das ist machbar. Zu klären ist natürlich, von welchem Geld genau sich ein Grundeinkommen finanzieren ließe. Eine Erhöhung der Einkommens- und Mehrwertsteuer würde bedeuten, dass Arbeitende mehr arbeiten müssten, damit andere weniger arbeiten dürften, was Kritiker verständlicherweise ungerecht finden. Aber es gibt allgemein verträgliche Finanzierungsmodelle wie die Besteuerung von Land und Ressourcen. Die Idee stammt von Aufklärer Thomas Paine: „Die Erde in ihrem Naturzustand ist Eigentum der menschlichen Rasse. Jeder Eigentümer schuldet der Gemeinschaft daher eine Bodenrente für sein Land, als Entschädigung für den Verlust derselben.“ Eigentümer würden also einen Profitausgleich für die der Allgemeinheit entzogenen Ressourcen zahlen, und das Grundeinkommen garantierte das Anrecht auf die Früchte der Erde – wer könnte das unfair finden?

Bleibt die Frage, ob Menschen ohne Zwang weiter arbeiten würden. In Feldversuchen reduzieren die Empfänger von Grundeinkommen kaum die Arbeitszeit, und auch ohne garantiertes Einkommen gehen viele Künstler und Ehrenamtliche unbezahlt ihren Werken nach. Menschen schätzen sinnvolle Tätigkeiten.

Dass viele Arbeitnehmer trotzdem nur unwillig arbeiten, hat mit der Art der Arbeit zu tun. Für wenig Geld Klos putzen, wer macht das schon gern? Diese Form der Ausbeutung fände mit einem Grundeinkommen ein Ende: Unternehmen müssten versuchen, die Arbeit angenehm zu gestalten oder besser zu entlohnen. Das schafft den Anreiz, diese Arbeit gar nicht erst entstehen zu lassen oder sie an Maschinen zu übergeben. So besäßen wir die Freiheit, um es mit Friedrich Schiller zu sagen, spielerisch tätig zu sein. Die fortschreitende Automatisierung stünde im Dienste des Menschen, anstatt ihn in Arbeitslosigkeit zu entlassen.

 

Rainer Hank: "Nein, Arbeit muss durch den Markt anerkannt werden"

Das Schlaraffenland ist das Gegenteil der Knappheitswelt. Seit dem Alten Testament begleiten utopische Wunschbilder die Menschen: Genuss statt Askese. Unbegrenzter Konsum ohne Arbeit. Geld spielt keine Rolle. Rivalität und Wettbewerb braucht es nicht; denn alles steht allen zur Verfügung. Wohin das führt, kann man auf Pieter Bruegels (1525– 1569) „Schlaraffenland“ sehen: Es ist ein Bild öden Trübsinns. Da liegen sie, vollgestopft und abgefüllt, schlafen in dumpfer Schwere oder starren mit offenen Augen geistlos ins Nichts. 

Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens träumt die naive Utopie des Schlaraffenlands, ohne durch Bruegel gewarnt zu sein. Fangen wir schon einmal mit 1000 Euro (oder 2500 Franken) an. Die Argumente sind verführerisch: Nach all unseren wirtschaftlichen Erfolgen können wir die Menschen vom Fluch der Arbeit befreien. Sie können, müssen aber nicht arbeiten. Jeder kann tun und lassen, was er will, so wie Thomas Morus und Karl Marx es uns verheißen haben. Morgens jagen, mittags daddeln, abends lieben. Nur wer faul sein darf, ist wirklich kreativ. Dahinter steckt unser aller Sehnsucht nach aristokratischem Müßiggang.

Die Freunde des Grundeinkommens wollen das Gesetz der Knappheit aufheben. Nur vordergründig geht es ihnen um Barmherzigkeit oder soziale Gerechtigkeit. Denn dafür bräuchte man das Grundeinkommen gar nicht, da der Sozialstaat ohnehin verspricht, jedermann das Existenzminimum zu sichern. Aber der Bedürftige muss nachweisen, dass er finanziell bedürftig ist. Das empfinden Grundeinkommensanhänger als eine Demütigung; lieber setzen sie auf Umverteilung durch zwangsweise Enteignung der Erfolgreichen. Freiheitsberaubung der wenigen um der paradiesischen Freiheit aller willen. Das kann nicht gut gehen.

Die philosophische Wertelehre hat ihren Ursprung in der ökonomischen Preistheorie. Was nichts kostet, ist bekanntlich nichts wert. Arbeit muss ihren Preis haben; Kreativität muss um Zahlungsbereitschaft werben – wie jeder Unternehmer auch. Man tut den Menschen keinen Gefallen, wenn man ihnen Geld vom Staat gibt und ihnen die Anerkennung ihrer Arbeit durch den Markt – aus scheinbar humanen Gründen – verweigert. Die Welt nach dem Sündenfall ist eine Welt der Knappheit – kein Drama, sondern ein Segen. Kreativität braucht Anerkennung und ist dialogisch gewirkt. Am Abarbeiten an der Welt formiert sich „die menschliche Seele“ (Georg Simmel). Durch ein Grundeinkommen lässt sie sich, sogar freiwillig, deformieren.

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