Kapitalistische Allianzen
Als System der „schöpferischen Zerstörung“ scheint der Kapitalismus unvereinbar mit dem Streben nach Bewahrung. Praktisch aber arrangierten sich Konservative mit diversen Varianten des Kapitalismus, auch weil grundlegende Affinitäten bestehen.
Freie Hand und Spontaneität
Wenn es einen Grundimpuls gibt, den Kapitalisten und Konservative (besonders im angelsächsischen Raum) teilen, dann ist es der Argwohn gegenüber Abstraktion, Planerei und Lenkungseifer. Beide sind eher Anhänger des Laisserfaire, dem zufolge der Staat nicht in den Markt eingreifen sollte. Man vertraut lieber der spontanen Ordnung, die sich bildet, wenn jeder so handelt, wie es ihm recht erscheint. Besonders deutlich zeigt sich diese gemeinsame Überzeugung in den Äußerungen von Friedrich August von Hayek und Edmund Burke. Der österreichische Ökonom Hayek war ein Bewunderer Burkes und folgte diesem unter anderem in seiner „Wertschätzung für das Unbewusste, das Blinde, das Untheoretische, das unvollkommen Verstandene“ (so formuliert es die Historikerin Emma Rothschild). Wie Burke glaubte Hayek eher an lokales und praktisches als an universelles und abstraktes Wissen, an eine „Weisheit ohne Reflexion“, die sich nicht gezielt generieren lässt, sondern sich über die Zeit in Institutionen und Konventionen sammelt. Doch trotz dieser geistigen Nähe verwahrte Hayek sich dagegen, als Konservativer bezeichnet zu werden. Seinem Hauptwerk Die Verfassung der Freiheit von 1960 fügte er eigens ein Nachwort an, um eben dies klarzustellen. Denn auch wenn beide Lager staatlichen Interventionen oft ablehnend gegenüberstehen, folgen sie anderen Grundprinzipien: Der Konservative greift nicht ein, weil er an das Bestehende glaubt, der Liberale, weil er die Freiheit hochhält. Der Liberale blickt stets kritisch auf Autoritäten, während der Konservative in diesem Punkt beweglicher und mitunter durchaus gewillt ist, den Staatsapparat zu nutzen, wenn er dadurch seine Gesellschaftsvorstellungen durchsetzen kann. Wo aber der konservativ-liberale Glaube an das Spontane und Ungeplante dominiert, ist der Weg für eine neoliberale Wirtschaftspolitik bereitet. So wie bekanntermaßen bei Margaret Thatcher, die 1975 Vorsitzende der britischen Conservative Party und 1979 Premierministerin Großbritanniens wird. Ihr Programm heißt: Deregulierung. Der freie Markt soll über die Wirtschaft bestimmen, nicht der Staat. Ein kontrollierendes Eingreifen der Politik in das Marktgeschehen und den Pfad der sozialen Marktwirtschaft lehnt sie resolut ab. Bei einer parteiinternen Zusammenkunft soll sie Hayeks bereits erwähntes Werk hochgehalten und erklärt haben: „Dies ist es, woran wir glauben!“
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