Die Sprache der Erinnerung
Das Werk der Schriftstellerin Judith Hermann kreist um die Frage, wie sich Empfundenes in Erzähltes verwandeln lässt. In ihrem neuen Buch geht es um einen Großvater, der Mitglied der Waffen SS war, um Familie und Verdrängung – und um ein „Narrativ ohne Sprache“.
Würde man Judith Hermanns Schreiben mit einem philosophischen Gleichnis fassen wollen, wäre es wahrscheinlich Ludwig Wittgensteins „Käfer in der Schachtel“: „Angenommen, es hätte Jeder eine Schachtel, darin wäre etwas, das wir ‚Käfer‘ nennen“, schreibt er in den Philosophischen Untersuchungen. Der Inhalt dieser Schachtel wäre jedoch für die anderen vollkommen unzugänglich. In der einen Schachtel könnte sich eine Biene befinden; eine andere könnte leer sein. Wie können wir unter solchen Umständen wissen, dass wir alle dasselbe meinen, wenn wir „Käfer“ sagen? Oder anders gefragt: Wie können Worte Empfindungen verlässlich mitteilen, da doch jeder nur zu den eigenen einen sicheren Zugang hat?
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Camille Froidevaux-Metteries Essay hilft, Judith Butlers schwer zugängliches Werk zu verstehen. In ihm schlägt Butler nichts Geringeres vor als eine neue Weise, das Subjekt zu denken. Im Vorwort zum Beiheft beleuchtet Jeanne Burgart Goutal die Missverständnisse, die Butlers berühmte Abhandlung „Das Unbehagen der Geschlechter“ hervorgerufen hat.
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