Mazviita Chirimuuta: „Neurowissenschaftliche Modelle müssen mit mehr Vorsicht interpretiert werden“
Was, wenn die Modelle des Gehirns, die uns die Neurowissenschaften liefern, viel zu vereinfachend sind, um wahr zu sein? Zu dieser Lektion in Demut lädt das Buch The Brain Abstracted ein, das in Großbritannien den Preis des Royal Institute of Philosophy gewann. Ein Interview mit der Autorin Mazviita Chirimuuta.
Frau Chirimuuta, sind die Bilder des Gehirns, die die Neurowissenschaften vermitteln, irreführend?
Der Statistiker George Box hatte die folgende Formel: „Alle Modelle sind falsch, aber einige sind nützlich.“ Diejenigen, die wissenschaftliche Modelle entwickeln und verwenden, wissen sehr genau, dass sie, wenn ihre Modelle von irgendeinem Nutzen sein sollen, gezwungen sind, eine Reihe von Fakten über die von ihnen betrachteten Phänomene zu vernachlässigen. Dennoch werden Modelle und andere wissenschaftliche Darstellungen gemeinhin als Fenster zur Realität angesehen, das uns die Dinge einfach nur zeigt, wie sie sind. Ich finde es besonders beunruhigend, wenn bestimmte Modelle, die auf der Annahme beruhen, dass das Gehirn ein Computer ist, die sog. Computationalist-These, der Öffentlichkeit als Realität im eigentlichen Sinne präsentiert werden - obwohl diese Modelle viele Elemente vernachlässigen, die allgemein bekannt sind. Die Hauptthese meines Buches besteht also darin, dass die neurowissenschaftlichen Modelle mit größerer Vorsicht interpretiert werden müssen und nicht für bare Münze genommen werden dürfen. Ich behaupte jedoch nicht, dass die Neurowissenschaftler selbst andere, d.h. weniger irreführende Modelle konstruieren sollten. Ich paraphrasiere gerne Karl Marx: „Meine Aufgabe als Philosophin ist es, die Neurowissenschaften zu interpretieren, nicht sie zu verändern!“
Aber woher wissen wir, dass das Bild, das die Neurowissenschaftler vom Gehirn zeichnen, reduktiv oder vereinfachend ist? In Bezug auf welchen Vergleichspunkt können Sie das feststellen?
Diese Frage wird mir oft gestellt: Wenn die Wissenschaft das Gehirn nicht in seiner ganzen Komplexität abbilden kann, wie können wir dann wissen, dass diese angebliche Komplexität existiert, obwohl sie sich den neurowissenschaftlichen Theorien und Modellen entzieht? Ich schlage mehrere Möglichkeiten vor, dieses scheinbare Hindernis zu umgehen. Anhand historischer Fallstudien über die theoretischen Neurowissenschaften vor und nach der Einführung des computationalistischen Rahmens können wir einige entscheidende Momente untersuchen, in denen sich die Wissenschaftler für radikale Vereinfachungen entschieden haben. Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts versuchten beispielsweise Physiologen wie Charles Sherrington und Psychologen wie Ivan Pavlov, die gesamte Aktivität des Nervensystems auf einfache Reflexe zurückzuführen, was sich in späteren Untersuchungen als zu stark vereinfacht herausstellte. Haben wir wirklich Lehren daraus gezogen? Ich behaupte, dass es eine Kontinuität des Ethos zwischen dieser Epoche der Reflextheorie und der Epoche der Computational Neuroscience (einschließlich der kybernetischen Bewegung Mitte des 20. Jahrhunderts) gibt. In der Computational Neuroscience geht man beispielsweise davon aus, dass Neuronen als einfache Input-Output-Rechengeräte, als elektronische Bauteile funktionieren; die Neurobiologie lehrt uns jedoch, dass Neuronen viel komplexer sind und dass viele ihrer anatomischen und chemischen Eigenschaften für ihre Funktionsweise sowie für ihre Interaktion mit anderen nicht-neuronalen Zellen entscheidend sind – was in den Modellen der Computational Neuroscience weitgehend ignoriert wird. Dies zwingt uns, den Computationalismus als Metaphysik des Gehirns und des Geistes in Frage zu stellen, insbesondere da diese metaphysische Position heute zahlreiche Verzweigungen aufweist: Der Computationalismus ist derzeit die vorherrschende Philosophie im Silicon Valley und unter Transhumanisten, die glauben, dass der Geist in einen Computer „heruntergeladen“ werden kann.
Welchen alternativen Ansatz schlagen Sie vor?
Ich lehne den Neuroreduktionismus entschieden ab, wonach der beste Weg zum Verständnis des Geistes darin besteht, das Gehirn zu untersuchen. Mein Argument ist, dass wir angesichts der Vereinfachungen, die die kognitive Neurowissenschaft beispielsweise bei Experimenten zum Gedächtnis und zur Entscheidungsfindung vornehmen muss, nicht davon ausgehen sollten, dass Entdeckungen im Labor uns signifikant Aufschluss über die Verhaltensweisen geben, die uns im wirklichen Leben interessieren. Ich sehe dieses Argument als ein Korrektiv zu einer einst vorherrschenden Tendenz in der Philosophie der Neurowissenschaften, die auch als Neurophilosophie bezeichnet wird. Diese trat für einen Reduktionismus oder sogar Eliminativismus gegenüber mentalen Konzepten ein, indem sie diese durch neurowissenschaftliche Begriffe ersetzte. Es gab keinen Platz für eine eigenständige Psychologie des Geistes, geschweige denn für eine von den Neurowissenschaften unabhängige philosophische Forschung. Ich habe diesen Szientismus immer gehasst. Der Geist ist ein universelles Anliegen und kann auf tausend Arten erforscht werden, ohne sich auf wissenschaftliche Methoden zu beschränken.
Sie erklären, dass man das Gehirn nicht nach vereinfachten Modellen verstehen kann. Aber ist es nicht immer so, dass man eine Realität zuerst versteht, indem man sie vereinfacht oder zumindest modelliert?
Das ist absolut richtig! Das wissenschaftliche Verständnis besteht genau darin, vereinfachte Theorien und Modelle sowie Modellsysteme und Versuchsobjekte zu entwickeln, welche die in der natürlichen Umgebung vorhandenen Störfaktoren ausschalten. Eine der Thesen meines Buches lautet übrigens, dass Wissenschaftler die Dinge vereinfachen, indem sie einfache Objekte erschaffen. Die radikalste Schlussfolgerung daaraus ist, dass das Gehirn „an sich“, d. h. in all seiner Komplexität, für die Wissenschaft unverständlich ist.
Sollte man den Versuch, das Gehirn wissenschaftlich zu verstehen, völlig aufgeben?
Mein Ziel ist es nicht, den Neurowissenschaftlern einen neuen Ansatz vorzuschlagen, sondern zu erklären, wie Philosophen und andere Interessierte die aktuellen Neurowissenschaften interpretieren sollten. Da die derzeitigen computationalistischen Modelle der Komplexität des Gehirns nicht gerecht werden, ist es interessant, andere Perspektiven in Betracht zu ziehen, die die Lücken dieser Theorie beleuchten können – auch wenn es wahrscheinlich ist, dass diese neuen Perspektiven ebenfalls ihre eigenen blinden Flecken mit sich bringen werden. Seit der Veröffentlichung meines Buches habe ich mich verstärkt mit biologischen Theorien der Kognition befasst, die die „Informationsverarbeitung“ als generisches Merkmal lebender Zellen betrachten. Dies ist der Fall bei Peter Sterlings und Simon Laughlins Buch Principles of Neural Design. Das Buch der Neurowissenschaftlerin Nicole Rust, Elusive Cures prangert wie ich die übermäßige Vereinfachung in den Neurowissenschaften (insbesondere bei der Suche nach Behandlungsmöglichkeiten für Hirnkrankheiten) an und schlägt einige Denkansätze vor, die auf einer Wissenschaft der Komplexität basieren.
Ist das der „haptische Realismus“, für den Sie sich einsetzen?
Der haptische Realismus entspricht einer Auffassung von wissenschaftlicher Erkenntnis, die frei von Kant inspiriert ist. Er besagt, dass wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Interaktion zwischen den Forschern und den von ihnen untersuchten Objekten entstehen. Der aktive Beitrag des Wissenschaftlers ist von entscheidender Bedeutung, was bedeutet, dass der Standard des traditionellen wissenschaftlichen Realismus, wonach die Wissenschaft die Dinge so darstellen sollte, wie sie an sich sind – unabhängig davon, wie Menschen mit ihnen interagieren – ein unerreichbares Ideal ist. Haptik ist aktive Berührung, und ich schlage diesen Begriff als Metapher dafür vor, wie wissenschaftliche Forschung bewusste Formung der untersuchten Objekte beinhaltet, um die praktischen Ziele der Forschung, wie Medizin und Technologie, zu erreichen. Sobald man anerkennt, dass Wissenschaft kein selbstloses Streben nach Wissen um des Wissens willen ist, sondern eine Aktivität, die darauf abzielt, nutzbares Wissen zu produzieren, wird es leichter zu verstehen, wie einige der angesehensten Produkte der wissenschaftlichen Forschung mit Idealisierungen und Vereinfachungen behaftet sein können.
Was verstehen Sie unter „Idealisierung“?
Idealismus ist hier eine Methode, um Komplexität zu bewältigen, und Komplexität ist meist ein Hindernis für praktische Effizienz. Die Wissenschaft formt ihre Objekte begrifflich und materiell. Dies gilt nicht nur für die Neurowissenschaften, sondern auch für andere biologische Wissenschaften. Beim Verfassen meines Buches habe ich mich für die neukantianische Wissenschaftstheorie interessiert, insbesondere für die Arbeiten von Ernst Cassirer. Es lassen sich aber auch enge oder sogar noch engere Parallelen zur pragmatistischen Wissenschaftsphilosophie ziehen, insbesondere zu John Deweys Ausführungen in The Quest of Certainty aus dem Jahr 1929. In jüngerer Zeit wurde eine pragmatistische Version des Realismus, die dem haptischen Realismus nahesteht, von Hasok Chang in Realism for Realistic People vorgestellt.
Haben Sie sich auch von Henri Bergson inspirieren lassen, der bereits im letzten Jahrhundert die verhängnisvolle Tendenz anprangerte, das Bewusstsein auf das Gehirn zu reduzieren?
Mein Interesse an Bergson wurde durch meine Lektüre von Cassirer geweckt. Band III von Cassirers Hauptwerk, Philosophie der symbolischen Formen, ist in vielerlei Hinsicht eine Antwort auf Bergson. Vor der Veröffentlichung des Buches verfasste ich einen Artikel, in dem ich die Ideen von Bergson, Husserl, Canguilhem und Merleau-Ponty zur wissenschaftlichen Abstraktion verglich und aufzeigte, wie sich in den Werken der beiden letztgenannten Philosophen bereits eine Kritik am Computationalismus abzeichnete. Diese war in ihren Schriften der 1960er Jahre über die Kybernetik enthalten.
Ihr Buch wurde von der philosophischen Gemeinschaft weitgehend begrüßt. Wie haben die Neurowissenschaftler darauf reagiert?
Ich war erfreut - und auch ein wenig überrascht - über die herzliche Aufnahme meines Buches durch die Neurowissenschaftler, die es gelesen haben, zumindest durch diejenigen, mit denen ich mich unterhalten konnte. Insbesondere wurde ich in neurowissenschaftlichen Podcasts (Brain Inspired und Theoretical Neuroscience) interviewt und zu Vorträgen eingeladen. Ich glaube, dass die Frage, die ich anspreche, viele Neurowissenschaftler beschäftigt. Aber der Druck, der durch die Laborforschung ausgeübt wird, bietet keine Möglichkeit für eine systematische Reflexion. Eine der Aufgaben der Wissenschaftsphilosophie besteht gerade darin, einen Raum für methodische Diskussionen zu schaffen, den das rasante Tempo der Forschung in der Regel nicht zulässt. •
Weitere Artikel
Wird die Annahme des freien Willens durch die Wissenschaft widerlegt?
Was wäre, wenn die Wissenschaft Antworten auf quälende philosophische Fragen liefern könnte? Der berühmte amerikanische Neurobiologe Robert Sapolsky behauptet in seinem Buch Determined, dass es keinen freien Willen gibt. Albert Moukheiber, selbst Neurowissenschaftler und Psychologe sowie Autor von Fake Brain, zweifelt. Ein Dialog.
Nicolas Berggruen: Im Angesicht reaktionärer Strömungen muss die Philosophie neue Wege aufzeigen
Das Projekt wurde von Anfang an auch skeptisch beäugt: Im Jahre 2010 gründete der deutschamerikanische Investor Nicolas Berggruen in Los Angeles das Berggruen Institute. Mittlerweile hat dieses die Arbeit aufgenommen, lädt zu Konferenzen, vergibt Stipendien und seit 2016 auch jährlich einen Philosophiepreis – dotiert mit einer Million Dollar. Insbesondere durch den Erwerb (und baldigen Wiederverkauf) der Kaufhausgruppe Karstadt geriet Berggruen, dessen Privatvermögen derzeit auf 1,5 Milliarden Dollar geschätzt wird, in Deutschland stark in die Kritik. Im Interview erklärt er die Gründe, weshalb er fortan vor allem in eines investieren will: philosophische Ideen.
Was ist Critical Philosophy of Race?
In unserer Rubrik Auf einen Blick machen wir philosophische Strömungen in einem Schaubild verständlich. Diesmal die Critical Philosophy of Race, die sich mit der Bedeutung des Konzepts race, der Entstehung und Funktion von rassifizierten Strukturen sowie der Frage ihrer Überwindung auseinandersetzt.
Jochen Hörisch: „Die Hände sind die Gegenspieler des Gehirns“
Mit keinem anderen Körperteil erfahren wir die Welt so detailliert wie mit der Hand. Der Literatur- und Medienwissenschaftler Jochen Hörisch hat ihr nun ein Buch gewidmet und erläutert im Gespräch, warum wir in „handvergessenen Zeiten“ leben und was wir tatsächlich meinen, wenn wir von „der unsichtbaren Hand des Marktes“ sprechen.
Henri Bergson und das Gedächtnis
Das Gedächtnis ist der Ort, an dem Erinnerungen gespeichert werden. Also muss es sich doch in irgendeinem Winkel unseres Gehirns befinden – so das verbreitete Vorurteil im Zeitalter bildgebender Verfahren. Mit Bergson hingegen, der heute vor 165 Jahren geboren wurde, lässt sich verstehen, dass das Gedächtnis mehr als ein Erinnerungsspeicher ist: Es ist mit der ganzen Persönlichkeit verbunden.
Stefan Klein: „Es braucht nur eine kleine Minderheit, um neue Normen zu etablieren“
Warum fallen uns Veränderungen so schwer? Der Physiker und Philosoph Stefan Klein erklärt, welche Rolle das Effizienzstreben unseres Gehirns dabei spielt und was uns für gesellschaftliche Aufbrüche dennoch Hoffnung geben kann.
5 Irrtümer über unser Gehirn aufgeklärt
Wir haben kein „Reptiliengehirn”, viele Persönlichkeitstests sind unzuverlässig und Emotionen werden nicht von Hormonen „gesteuert”. Der Neurowissenschaftler Albert Moukheiber widerlegt diese und zwei weiteren Mythen über unser Gehirn.
Die Resonanz der Wälder
Wir sind es gewohnt, die Natur zu verdinglichen. Für den Förster Peter Wohlleben und den Soziologen Hartmut Rosa sind Bäume jedoch mehr als nur Holz: Sie kommunizieren untereinander und können auch zu uns sprechen, wenn wir ihnen als Gegenüber begegnen. Aber wie? Sollten wir uns um sie sorgen – oder sie einfach in Ruhe lassen? Ein Gespräch über Unverfügbarkeit, Demut und die Notwendigkeit eines neuen Naturbegriffs.