Nicole Mayer-Ahuja: „Kurze Vollzeit müsste die neue Normalarbeitszeit werden“
Zunehmend wird die Forderung laut, dass wir mehr arbeiten sollten. Doch an der Lebenswirklichkeit der meisten Beschäftigten geht das vorbei, argumentiert die Soziologin Nicole Mayer-Ahuja. Im Interview erklärt sie, warum Arbeitszeit das „Maß der Freiheit“ ist und inwiefern der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit unsere Gesellschaft noch immer prägt.
Friedrich Merz sagt, dass wir „in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten“ müssen. Er bekommt viel Zuspruch von anderen Politikern und Vertretern der Wirtschaft. Wie stehen Sie zu dieser Forderung?
Ich halte das aus verschiedenen Gründen für problematisch. Wir haben in Deutschland eine Situation, in der viele Vollzeitbeschäftigte exzessiv Überstunden leisten, die nur zum Teil dokumentiert und bezahlt werden. Gegenüber diesen Beschäftigten ist die Forderung nach Mehrarbeit zynisch. Denkt Friedrich Merz dabei also womöglich an die Frauen, die in den letzten Jahren in großer Zahl erwerbstätig geworden sind, meistens in Form von Teilzeit oder Minijobs? Ich würde es richtig finden, wenn sie länger arbeiten, denn aktuell können viele von ihnen von dem, was sie verdienen, nicht ihre Existenz sichern, sondern sind von einem, in der Regel männlichen, Partner abhängig. Nach Jahrzehnten in Teilzeit landen sie oft in Altersarmut. Längere Arbeitszeiten wären da ein Fortschritt. Das Problem ist aber, dass in vielen weiblich dominierten Branchen kaum Vollzeitstellen zu finden sind, zum Beispiel im Einzelhandel oder in Reinigungsfirmen. Will man das verändern, muss man diese Arbeit ganz anders organisieren. Denn im Moment ist der Standard: kurze Arbeitszeit, die extrem verdichtet ist. Viele Beschäftigte sagen, dass dieses Leistungsniveau über einen ganzen Tag gar nicht durchzuhalten wäre. Friedrich Merz wäre mit der Forderung nach Arbeitszeitverlängerung für Frauen allerdings näher am Familienbild der ehemaligen DDR als an dem der CSU.
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