Schönes Sparta
Kriegsmaschine, Totalkontrolle, tristes Leben - unser Sparta-Bild ist traditionell düster. Doch vermutlich ist es das Ergebnis athenischer Feindpropaganda. Waren die Spartaner womöglich ganz anders? Lebensfroh, harmonisch und schön – also: die besseren Griechen?
Westliche Gesellschaften setzen sich besonders gern ins Verhältnis zur Antike. Sie wollen zum Beispiel wissen, ob sie ähnlich imperial handeln wie Rom, ob sie sich an der „augusteischen Schwelle“ zum Kaisertum befinden oder gar in „spätrömischer Dekadenz“ schwelgen und daher dem Untergang geweiht sind. Noch beliebter, sozusagen die Königsdisziplin des Antikebezugs, ist jedoch der Rekurs auf Griechenland, die Wiege des Westens, die meistens in Athen verortet wird. Dort, so heißt es, hat nämlich alles angefangen mit Demokratie, Philosophie und Individuum, sodass manche eine direkte Linie „From Plato to Nato“ ziehen, wie es ein vor 20 Jahren populärer Buchtitel tat.
Stark wie ein Spartaner
Im vergangenen Jahr erlebten wir jedoch die Konjunktur eines anderen großen Vergleichs, nämlich desjenigen mit Sparta, Athens großer Konkurrentin. Im September 2025 verkündete Israels Premierminister Benjamin Netanjahu: „Wir werden Athen und Super-Sparta sein“. Was genau er damit meint, überließ er seinen Interpreten, die sich schnell darauf einigen konnten, dass Israel als einzige Demokratie im Nahen Osten (Athen) auch militärisch nicht klein begeben werde (Sparta) und zudem autark wirtschaften möchte (Super-Sparta). Denn Sparta gewann den Peloponnesischen Krieg gegen Athen, weil es wehrtüchtiger war. In kriegerischen Zeiten, so Netanjahus Subtext-Botschaft, könnte man sich einen athenischen Idealstaat nicht leisten. Man muss die Zähne fletschen, standhaft bleiben wie die Spartaner in der Schlacht bei den Thermopylen, als 300 von ihnen ein Heer von Persern bekämpften.
Ähnlich schien jene Gruppe von Ökonomen, CEOs und Sicherheitsberatern zu denken, als sie im März ein Positionspapier zur europäischen Sicherheitspolitik vorlegte, das den Titel „Strategic Protection and Advanced Resilience Technology Alliance“ trägt, kurz: „SPARTA“ – sicher kein zufälliges Akronym. Europa, so das Papier, könne sich weder auf Putins Friedfertigkeit noch auf Trumps Unterstützung verlassen und müsse selbst wehrhaft werden, kriegstüchtig wie die Spartaner, deren Stärke im antiken Griechenland gefürchtet war. Das wiederum macht Kritikern europäischer Großmachtambitionen Sorgen. Denn was, wenn die Rechten auch in Europa die Macht übernehmen? Dann habe man, so der Politikwissenschaftler Daniel Marwecki in einem Vortrag im November, ein „rechtes Sparta“ geschaffen – hochgerüstet und soldatisch, diszipliniert und bereit zum Losschlagen, wie es sich die Identitäre Bewegung übrigens schon länger wünscht. Denn sie hat sich zum Zeichen ihres Widerstandes den Buchstaben „Lambda“ gewählt – Symbol für Lakedaimon, der alte Namen Spartas.
Ein Leben im Rausch
All diese Sparta-Referenzen – so politisch unterschiedlich ihre Stoßrichtung auch ist – eint eine Sache: Sie zahlen ein auf das Bild vom antiken Militärstaat Sparta, dessen Bewohner ein „Leben für den Krieg“ führten, wie Der Spiegel vor 20 Jahren schrieb: „von Kindheit an militärisch gedrillt“, bildeten Spartas Männer eine „gefürchtete Kriegsmaschinerie“, die für ihre „Härte und Kulturverachtung“ berüchtigt war. Aber stimmt das überhaupt? Waren die Spartaner wirklich so kriegsaffin und freudlos? Und ist Sparta die passende Referenz für Aufrüstungsbemühungen der Gegenwart?
Tatsächlich geben die Quellen das nicht her. Von einer besonderen Kriegslüsternheit der Spartaner berichtet lediglich Plutarch, Jahrhunderte später und als Anhänger des Attizismus empfänglich für Feindpropaganda aus Athen – etwa für die Geschichte von der Babyselektion: Angeblich wurden nur die stärksten Neugeborenen in die Gemeinschaft aufgenommen, alle übrigen in der Wildnis ausgesetzt. Überlebten sie dennoch, winkte ihnen ein Leben in Sklaverei. Und auch die Kernspartaner führten, so hört man immer wieder, ein entbehrungsreiches, eben „spartanisches“ Leben, wurden abgerichtet für den Krieg. Historiker und Anthropologen wie Karl-Wilhelm Welwei oder Theodoros Pitsios haben dies jedoch längst ins Reich der unerquicklichen Mythen verwiesen: Spartas Babyselektion und eine besondere Kriegsneigung sind nicht belegt – ganz im Gegensatz übrigens zur Begeisterung für Sport, Spiel, Tanz und große Gelage, für Gemeinschaft, die anders als in Athen sogar die Frauen einschloss.
Nebensokratiker
Diese Spuren hat einige Interpreten sogar zu der These geführt, Sparta, nicht Athen sei die glänzende, großartige Macht gewesen, unser leuchtendes Vorbild, ein einziger Rausch, dem wir in unseren besten Momenten nahekommen. Der Medienwissenschaftler Friedrich Kittler, gegen Ende seines Lebens ein echter Sparta-Fan, schrieb zum Beispiel: „Das Rasende an Griechenland scheint mir die Freiheit zu sein – die Freiheit zu lieben. Und die Freiheit der Feste, die Freiheit der Poesie.“ Diese Freiheit habe vor allem in Sparta geherrscht, der „Stadt der Feste und Musiken“. Hier kamen Männer wie Frauen gleichermaßen auf ihre Kosten, schwärmte der Feminist Kittler: „Beide Geschlechter dürfen Wein genießen; Städte wie Athen, wo Mädchen in den Hinterhäusern eingesperrt nur Weben lernen, untersagen ihnen jeden Rausch.“ In Sparta dagegen, wo „Liebesspiele erwünscht, nicht bloß erlaubt“ sind, habe man überhaupt kein Interesse an Gewaltorgien gehabt, man hatte ja richtige Orgien. „Krieg liebt Sparta“ daher „nicht: Wenn es halbe Sommer über feiert, fließt trotz Athener Angriffslust kein Blut.“
Kittlers Korrekturen – manche halten sie für Hyperkorrekturen – am Sparta-Bild klingen nach einer veritablen Umwertung aller Werte, die seinem Vorbild Friedrich Nietzsche wohl gefallen hätte. Nietzsche, der auf der Suche nach dem „rauschhaften“ Dionysischen war, um das formsetzende „Apollinische“ zu ergänzen und anzuleiten, griff zeitweise zum Rauschmittel Wagner, stöberte gelegentlich in der italienischen Renaissance herum und schaute sich bei den Provençalischen Troubadouren des Mittelalters um, hatte aber stets einen Gegner: den Vernünftling Sokrates, dessen kritisch-bohrende Nachfrage die lebensbejahende attische Tragödie zerstört habe. Nietzsche wandte sich daher den Vorsokratikern zu, dunklen, unergründlichen Philosophen wie Heraklit, die das Leben noch in seiner vollen Unauslegbarkeit kannten. Dabei hätte sich Nietzsche – wenn wir Kittlers Sparta-Bild folgen – auch bei den Nebensokratikern umschauen können, bei den Spartanern, die so lebten, wie er es wollte: rauschhaft, liebend, gütig, edel.
Gesetze als Tanzanweisung
Die Kittler-Schülerin Cornelia Vismann hat diesen Sparta-Kult noch ein wenig weiter getrieben. In ihrer Vorlesung über Das Schöne am Recht stellt sie 2007 zwei Rechtsentwürfe der altgriechischen Welt gegenüber: Das athenische Gesetzeswerk des Solon und das spartanische des Lykurg. Solon habe seine Gesetze aufgeschrieben und nach dem Ideal der Rechtsgleichheit geordnet, was alsbald zu Auslegungskämpfen führte sowie zu kleinlichen Streitigkeiten, wer was bekommt. Die Ordnung hatte keinen Bestand. Athen flüchtete sich, zur Abwehr sozialer Spannungen, in imperiale Abenteuer. In Sparta hingegen hat Lykurg die Gesetze nur verkündet, nicht aufgeschrieben und sich eher der Harmonie der Ordnung verschrieben, den Gemeinschaftstönen, sodass es immer um den Geist der Gesetze ging. Dieser Geist schlummerte in der spartanischen Gemeinschaft, die wir uns wohl als Tanzgemeinschaft vorstellen müssen. Lykurg, so Vismann, habe die „nomoi als Tanzanweisung“ entworfen – und stehe damit im direkten Gegensatz zu Carl Schmitts Idee von der Feind-Freundschaft jeder Gesellschaft. Laut Vismann geht es auch ohne Zwang und Krieg. Das lehre uns Sparta.
Klingt das nicht nach jenem Ideal, das auch Nietzsche vorschwebt, wenn er utopisch wird: „Unter dem Zauber des Dionysischen“, schreibt er 1872 in Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik, „schliesst sich nicht nur der Bund zwischen Mensch und Mensch wieder zusammen: auch die entfremdete, feindliche oder unterjochte Natur feiert wieder ihr Versöhnungsfest mit ihrem verlorenen Sohne, dem Menschen. Freiwillig beut die Erde ihre Gaben, und friedfertig nahen die Raubthiere der Felsen und der Wüste. Mit Blumen und Kränzen ist der Wagen des Dionysus überschüttet: unter seinem Joche schreiten Panther und Tiger.“ Ist das Kitsch? Nein, es ist übermenschlich: Die Wappentiere des Krieges feiern eine Party, sublimieren ihre Kraft, so wie Nietzsche, der als angenehmer höflicher Mensch durchs Leben ging und nur in seinen Texten gelegentlich zum „Dynamit“ griff, als Sohn des Zarathustra jedoch geben, schenken, feiern wollte, spenden wie die Sonne. Dies ist womöglich der neue Sinn, den wir in den Begriff vom „Spartanischen“ hineinlegen müssen: rauschen, sich verausgaben zu höheren Zwecken, und die Kriege nur noch im Kopf führen, damit sie aus der wirklichen Welt verschwinden. Ein echter Spartaner kennt keine Feinde, er kennt nur Tanzpartner. •
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