Von „Office Siren“ bis „princess treatment“
Soziale Medien bringen immer wieder neue Begriffe hervor, die philosophischer sind, als man zunächst denken mag. Drei Beispiele.
Office Siren
Der Begriff geht bei TikTok viral. Gemeint ist mit Office Siren eine Frau, die sich sexy fürs Büro kleidet, indem sie Modestile der 1990er- und 2000er-Jahre mit aufreizenden Details wie tiefe Dekolletees, Miniröcke, Overknees oder High Heels kombiniert.
„Siren“ gemahnt an den antiken Mythos der Sirenen: Weibliche Mischwesen locken mit ihrem Gesang Seefahrer an, was für diese tödlich endet. In Homers Odyssee gelingt es dem Seemann Odysseus, die unheilbringenden Sirenen auszutricksen, indem er seiner Mannschaft die Ohren mit Wachs verstopfen und sich selbst an einen Mast binden lässt. So kommt er unbeschadet an den Sirenen vorbei. Woran sich die Frage anknüpft, wie männliche Büroangestellte den Office Sirens begegnen sollten.
Lieber nicht flirten, sondern Abstand halten? Besser nicht anlocken lassen von den Office Sirens? In Zeiten von #MeToo vielleicht nicht der schlechteste Rat. /Svenja Flaßpöhler
Strategische Inkompetenz
Er so: „Ich kann die Wäsche nicht so gut aufhängen wie du, bei mir verkrumpelt immer alles und dann trocknet es schlecht!“ Sie so: „Du bist doch körperlich betrachtet deutlich stärker als ich und kannst den Koffer viel bequemer die Treppe runtertragen!“
Der Terminus „strategische Inkompetenz“ bezeichnet die bewusste oder unbewusste Praxis, als nervig empfundene Alltagstätigkeiten geschickt auf Partnerinnen und Kollegen abzuwälzen. Man(n) – wohl häufiger als Frau – schützt vor, nicht zu können, schmeichelt seiner Nächsten durch ein kleines Kompliment (du gut, ich schlecht) und delegiert so charmant, was er selber gerade nicht so gerne hinbekommen möchte.
Insbesondere im unbezahlten Care-Arbeitssektor sind strategische Inkompetenzen die Regel. Die machtförmig-patriarchale Erzählung, die Frau sei ontologisch zur Erziehung berufen – sowie dazu, den Oikos sauber zu halten –, ist gleichsam sedimentierte Geschichte. Sie durchformt leider noch immer das Beziehungsgeflecht des tradierten Heterofamiliengefüges. Dabei befeuern manche Frauen mittels Co-Abhängigkeit die männlichen Möchtegerninkompetenzler noch in ihrem hergebrachten Faulenzertum. Zudem neigen ja auch manche Frauen in Zweierbeziehungen zu Akten strategischer Inkompetenz (womöglich in der Sphäre des Bohrens und Dübelns) und werden hier ihrerseits von Männern bestätigt. Ein Zusammensein eingedenk der Emanzipation formulierte so als regulative Idee: „Ja, ich kann das – du aber auch.“ /Christoph David Piorkowski
Princess Treatment
In den sozialen Medien wird besonders umsichtiges Verhalten eines Partners als „princess treatment“ gelobt. Doch das ist nicht so schmeichelhaft, wie es scheint. Die Tendenz, auf Social Media die intimsten Bereiche des eigenen Lebens zu teilen, macht auch nicht vor der klassischen Paarbeziehung halt. Auf TikTok und Co. gibt es daher mittlerweile eine Reihe von Wortschöpfungen, die alltägliche Beziehungserfahrungen kategorisieren und Erwartungen an den (zukünftigen) Partner klassifizieren. Neben dem bare minimum, der Mindestanforderung an die partnerschaftliche Zuwendung, gibt es auch einen Begriff für das bestmögliche Engagement des Partners: das princess treatment (Prinzessinnen-Behandlung). Besonders Frauen äußern immer häufiger den Wunsch, von ihrem Partner wie eine Prinzessin behandelt zu werden. Blumengeschenke, geöffnete Autotüren und finanzielle Unterstützung sind Programm. Das princess treatment wird von Tausenden jungen Frauen mittlerweile als notwendige Anforderung an den Partner verbalisiert; das Fehlen derselben ist ein gängiger Trennungsgrund – womit das princess treatment zunehmend selbst zum bare minimum wird. Dabei ist Prinzessinnen-Behandlung vielleicht weder so schmeichelhaft noch so erstrebenswert, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Denn wohnt der Figur der Prinzessin nicht eine Abhängigkeit und Kindlichkeit inne, welcher die Würde und Ebenbürtigkeit einer Königin um Längen vorzuziehen wäre? Und wie viel aufrichtige Zuneigung darf von einer Zuwendung erwartet werden, die von medialen Diskursen konstruiert wird und auf Abruf erfolgt? /Ella-Luna Kirschner
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Es kam so überraschend wie verheerend.
Das Coronavirus, das die Welt Anfang 2020 erfasste und in vielen Bereichen noch immer unseren Alltag bestimmt, erzeugte vor allem eines: ein globales Gefühl der Ungewissheit. Wurde das soziale Leben in kürzester Zeit still gestellt, Geschäfte, Kinos und Bars geschlossen und demokratische Grundrechte eingeschränkt, blieb zunächst unklar, wie lange dieser pandemische Ausnahmezustand andauern würde. Und selbst jetzt, da sich das Leben wieder einigermaßen normalisiert zu haben scheint, ist die Unsicherheit nach wie vor groß: Wird es womöglich doch noch eine zweite Infektionswelle geben? Wie stark werden die wirtschaftlichen Auswirkungen des Shutdowns sein? Entwickeln sich Gesellschaften nun solidarisch weiter oder vollziehen sie vielmehr autoritären Rollback? Ganz zu schweigen von den individuellen Ungewissheiten: Kann ich im Sommer in den Urlaub fahren? Werde ich im Herbst noch Arbeit haben? Hält die Beziehung der Belastung stand? Kurzum: Selten war unsere so planungsbedürftige Zivilisation mit so viel Ungewissheit konfrontiert wie derzeit.