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Bild: Pond5 Images (Imago)

25 Jahre Wikipedia

Wissen als Gemeinschaftswerk

Antonia Siebeck veröffentlicht am 15 Januar 2026 6 min

Je mehr partizipieren, desto höher wird der Erkenntnisgehalt für alle. Nach diesem Prinzip funktioniert die weltgrößte Enzyklopädie und stellt damit aus Sicht der Sozialen Erkenntnistheorie ein Vorzeigeprojekt dar: antihegemonial, transparent und plural.

 

Am 15. Januar 2001 riefen der US-Internetentwickler Larry Sanger und Jimmy Wales, ein amerikanischer Unternehmer, eine Website ins Leben, zu der Sanger zwei Tage später einen Aufruf formulieren sollte: „Geht drauf und fügt einen kleinen Artikel hinzu. Es dauert nur fünf oder zehn Minuten.“ Was als Nebenprojekt begann, sollte schon bald exponentiell wachsen, bereits zwei Monate später wird es eine deutschsprachige Version der Website geben. Heute ist die Seite aus dem World Wide Web nicht mehr wegzudenken. Sie beherbergt über 66 Millionen enzyklopädische Artikel in mehr als 350 Sprachen und Dialekten. Ihre Webadresse: www.wikipedia.org 

Auch wenn die Wikipedia ab einem gewissen Bildungsniveau als Quelle umstritten war (vielleicht noch ist), auch wenn sich inhaltliche Leerstellen und Unsauberkeiten finden lassen und man von aufdringlichen Spendenaufrufen genervt sein mag. Fest steht: Bildungstheoretisch ist Wikipedia ein absoluter Gewinn - ein kostenloses, leicht zugängliches Nachschlagewerk, noch dazu das umfangreichste der Welt. Und auch sozialerkenntnistheoretisch, so soll sich in Kürze zeigen, kann sie in vielerlei Hinsicht als Vorzeigeprojekt gelten.

Bei der Sozialen Erkenntnistheorie handelt es sich um einen jungen Teilbereich der Erkenntnistheorie, der Mitte des letzten Jahrhunderts entstand, ab den 1990ern an Bedeutung gewann und nach der Jahrtausendwende richtig Fahrt aufnahm. Die grundlegende Idee: Wissende Subjekte sind keine körperlosen, abstrakten Einzelnen, sondern als Individuen Teile von Wissensgemeinschaften. Soziale Erkenntnistheorie widmet sich damit der Frage, so die Philosophin Hilkje Hänel in Epistemische Ungerechtigkeiten, wie „Individuen Wissen in Anbetracht ihrer sozialen Relationen oder mit Hilfe anderer akkumulieren können.“ Das ist angesichts dessen, wie sich Wissen realiter zeigt – in Zeiten, in denen demokratisch gewählte Präsidenten Wissenschaftler attackieren, Verschwörungstheorien verbreiten und Literatur zensieren – eine zentrale Frage. Denn darin dürften sich die meisten fernab jeder Theorie einig sein: Wissen entsteht nicht durch das individuelle Grübeln im stillen Kämmerlein ohne den Blick in die Welt. Wissen basiert auf Zeugnissen anderer, wir vertrauen auf Experten und institutionalisierte Erkenntnispraktiken, wir geben Wissen weiter und sind darauf angewiesen, dass andere dieses Wissen als solches anerkennen; keine einzige wissenschaftliche Theorie ist das Produkt eines einzelnen klugen Kopfes. Wissen, so die Überzeugung der Sozialen Erkenntnistheorie, ist ein Gemeinschaftswerk – mit all seinen Vorzügen und Fallstricken, die aus sozialen Verbindungen und Hierarchien erwachsen.  

 

Prekäre Teilhabe an Wissensproduktion

 

Anhand dieser Ausführungen lässt sich vielleicht schon erahnen, inwiefern die Wikipedia sozialerkenntnistheoretisch interessant ist. Immerhin bietet sie nicht nur niederschwelligen Zugang zu Wissen, sondern ist zugleich als Gemeinschaftsprojekt entstanden. Entscheidend ist dabei, dass hinter der Wikipedia eben keine geschlossene Gruppe an Redakteuren und Expertinnen steht, auch fehlen exkludierende Selektions- und Kurationsverfahren für Artikel. Stattdessen steht jedem prinzipiell offen – wie Sanger schon 2001 schrieb – einen enzyklopädischen Beitrag zu verfassen oder zu bearbeiten. Dies ist sozialerkenntnistheoretisch aus einem bestimmten Grund spannend. Denn bekanntermaßen wird die Teilhabe an der Wissensproduktion – damit ist hier nicht nur die Arbeit von Wissenschaftlern, also das Aufstellen neuer Theorien, sondern die allgemeine Anerkennung der bestehenden als Wissen gemeint – vielen Subjekten nicht immer zu Recht, sondern mitunter auch zu Unrecht verwehrt. Meint: Selbstverständlich darf niemand als epistemische Autorität Anerkennung und Gehör finden, der lediglich Verschwörungstheorien, Desinformationen und Hirngespinste verbreitet. Doch vielfach findet ein Ausschluss eben nicht auf Basis inhaltlicher Qualität, sondern auf Basis identitätsbezogener Aspekte statt. 

Die Philosophin Miranda Fricker hat diese Idee unter dem Begriff der Zeugnisungerechtigkeit, die marginalisierte Personen durch ihre Zuhörer erfahren, populär gemacht. Auf öffentliche Wissensproduktionen übertragen bedeutet das, dass es Personen ohne den entsprechenden akademischen Titel, ohne das nötige Renommee oder Vitamin B deutlich schwerer haben, an öffentlicher Wissensbildung zu partizipieren – auch wenn sie einen zentralen Beitrag leisten könnten. Namen und Titel gelten häufig – und vielfach natürlich zu Recht – als Gütesiegel. Doch damit ist der Kreis derer, die Überzeugungen als Wissen in die breite Öffentlichkeit zu tragen vermögen, exklusiv. Die Wikipedia hingegen ist statusindifferent. Vom Wissensdiskurs ausgeschlossene Personen besitzen so theoretisch die Möglichkeit, das, was als Wissen anerkannt wird, mitzubestimmen. Wikipedia wird zum antihegemonialen Gütesiegel, welches einer gerechtfertigten, wahren Überzeugung (die in kleineren Gemeinschaften bereits als Wissen gilt) den Status allgemein anerkannten Wissens verleiht, indem es sie in die als objektiv wahr geltende Enzyklopädie aufnimmt. Damit wird die Wissensproduktion grundlegend demokratisiert. Aus sozialerkenntnistheoretischer Sicht ist das für eben jene Subjekte ein Gewinn, denen epistemische Autorität unrechtmäßig abgesprochen wird. Doch auch für das Wissen selbst und für den Rest der Wissensgemeinschaft ist ein Projekt wie Wikipedia von erkenntnistheoretischem Wert. Denn es macht Wissen als das kenntlich, was es ist: ein Produkt von Erkenntnisprozessen, das durch diese Kenntlichmachung zugleich an Qualität gewinnt. 

 

Sichtbarmachung der Wissensproduktion

 

„Das Wiki-Prinzip“, so heißt es auf der Wikipedia-Hilfeseite zum Anlegen neuer Artikel, „beruht darauf, dass einer anfängt und viele mitarbeiten und verbessern“. Nach keinem anderen Prinzip scheint das Wissen selbst zu funktionieren; kein Wissen fällt vom Himmel: Es wird auf empirischer Basis eine Theorie aufgestellt, diese wird kritisiert, unterstützt, muss sich behaupten. Sie wird von anderen korrigiert, nachgebessert, neu geprüft, bis sie sich irgendwann als Wissen etabliert. Eben diese Genese, die Wissen und Enzyklopädie gleichermaßen besitzen, macht Wikipedia transparent. Man findet bei den einzelnen Artikeln nicht nur deren Versionsgeschichte. Zugleich lassen sich Diskussionen einsehen, die um bestimmte Aspekte geführt wurden: Welche Deutung des Asklepios-Diktums des Sokrates sollte in dem Eintrag angeführt werden? Was spricht dafür, dass Sokrates eine jüngere Ehefrau und was dafür, dass er zwei verschiedene hatte? Welcher dieser Aspekte entspricht der Wahrheit? 

Alte Irrtümer, Zweifel und Gegenpositionen werden auf diese Weise transparent gemacht. Dadurch steigt die Qualität des Wissens; die Wahrscheinlichkeit, dass es sich als Irrtum entlarvt, sinkt. Denn die begründete Ablehnung von Gegenpositionen stärkt die Rechtfertigung jener Positionen, die als Wissen anerkannt sind. Die Kenntnis der Zweifel zeigt die klaren Grenzen auf, wann sicher Gewusstes in Mutmaßungen kippt. Und die ausgetragenen Debatten um Deutungen veranschaulichen nicht zuletzt, dass das mit der objektiven Wahrheit häufig gar nicht so einfach ist. Kurz gesagt: Das demokratische Grundprinzip der Wikipedia sorgt nicht nur für notwendige epistemische Anerkennung von Subjekten, die anderswo fehlt; die Öffentlichmachung dieses Prinzips kann auch beitragen zu einem breiteren und gefestigteren Wissen.

An diesem Punkt zeigt sich hoffentlich – und dieser Vorwurf dürfte dem einen oder anderen schon voller Empörung auf der Zunge gelegen haben: Für demokratische, machtsensible Wissensbildungen zu argumentieren, heißt nicht, in Loblieder auf den Relativismus zu verfallen. So wenig wie die Soziale Erkenntnistheorie ist die Wikipedia ein Projekt wahnwitziger Wahrheitsskeptiker. Dass allen Subjekten prinzipiell Mitsprache gewährt wird, heißt nicht, dass jede Meinung als Wissen zählt. So besitzt die Wikipedia klare Qualitätsstandards, es gibt durchaus Kontrollinstanzen und sogenannte „Blacklists“ (von Nutzern angelegte Listen über Quellen, die als nicht zitierfähig gelten).  

Doch dies alles scheint, liest man die entsprechenden Seiten der Enzyklopädie dazu, nicht auf Ausschluss, sondern auf die Verbesserung von Einträgen abzuzielen. Selbstverständlich heißt dies nicht, dass reale Nutzungserfahrungen mit der Wikipedia so beispielhaft verlaufen, wie es aus dieser theoretischen Betrachtung heraus scheint. Doch zumindest aus dieser letzteren Perspektive haben Sanger und Wales vor genau 25 Jahren ein wahrhaft progressives Projekt ins Leben gerufen. 

Ausgerechnet Larry Sanger ist heute jedoch selbst einer dessen großer Kritiker. Hatte er schon in den Anfängen der Wikipedia gefordert, Expertenmeinungen stärker zu gewichten, warf er der Wikipedia in jüngster Zeit einen Mangel an Neutralität und den Hang zu linken Positionen vor. Hunderte Konservative wollte er zum Umschreiben von Einträgen bewegen; Zuspruch erhielt er von Tucker Carlson und Elon Musk. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Wissensgemeinschaft, die die Wikipedia prägt und nutzt, sie vor solchen Angriffen zu schützen vermag. Denn wer plump Objektivität einfordert, dem mag es um einiges gehen – aber definitiv nicht um Wahrheit. •

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