Die Potenz des Unvermögens
Neujahr ist die Zeit der Vorsätze. Man will Dinge können, die man noch nicht kann. Und verzweifelt oft. Zu Unrecht, meint unsere Kolumnistin Millay Hyatt.
Als ich vor rund vier Jahren mein erstes Online-Dating-Profil erstellt habe, lautete eine der Fragen: „Was würdest du gerne können, kannst es aber noch nicht?“ Ich musste nicht lange überlegen: „Handstand.“ Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon viele Jahre Yoga praktiziert, konnte aber erst seit Kurzem den freien Kopfstand. Dass es mir jemals gelingen würde, nur auf dem Kopf und den verschränkten Armen zu balancieren, glaubte ich lange kaum. Doch dann klappte es eines Tages und es klappte immer wieder und das Gefühl, wenn ich verkehrt herum mitten im Raum balancierte und dabei nur minimal wackelte, war herrlich, triumphierend. Ich konnte etwas, das ich lange ergebnislos geübt hatte, und der Erfolg war süß.
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Kommentare
Eine Liebesbeziehung führen, das klingt für mich immer so, als sollte die Liebe rufen: Ja, mein Führer. Das ist wie: Eine Sprache beherrschen. Als fiele man in der Sprache ein, brandschatzte und vergewaltigte, bis man als Diktator in Saus und Braus darauf wartet, gemeuchelt zu werden, was leider immer viel zu spät passiert. Diese Menschen, die beherrschen wollen, mit denen ist nicht gut Kirschen essen. Und so ist es mit den Liebesführerinnen und Führern, die einem vorschreiben wollen, was das ist und wie sie zu führen ist: Eine Liebesbeziehung. Da kriegt man nur Lust auf die Kirschen in Nachbars Garten und hat im Handumdrehen einen Nachbarschaftsstreit an der Backe. Dann doch lieber davon träumen, den Handstand zu können, oder, weil mir dieser Wunsch gänzlich fremd ist, von der Erfindung des horizontalen Handstandes zu träumen, was mir mehr in meiner Natur angelegt zu sein scheint.
Danke für den schönen Text!