Unterschätzte Rechtsextreme
Die Grauen Wölfe stellen die zweitgrößte rechtsextreme Bewegung Deutschlands dar. Trotzdem finden sie in der öffentlichen Debatte nur wenig Beachtung. Was zeichnet Ideologie und Wirken der Grauen Wölfe aus? Ein Blick in Ismail Küpelis gleichnamiges Buch.
Ob in Thüringen, Sachsen-Anhalt oder in Niedersachsen – der wichtigste Akteur der extremen Rechten in Deutschland ist zweifellos die AfD. Derzeit hat die Partei knapp 52.000 Mitglieder. Im Bundestag wird sie von 151 Abgeordneten vertreten. Bei Wählerumfragen kommt die AfD in einzelnen Bundesländern aktuell auf an die 40 Prozent. Ihre größten strategischen Ziele für die nähere Zukunft: eine Regierungsbeteiligung oder gar Kanzlerschaft auf Bundesebene und eine autoritäre, illiberale Transformation Europas.
Von solchen Ambitionen ist die zweitgrößte rechtsextreme Bewegung hierzulande weit entfernt. Aber auch sie ist zutiefst geprägt von Verschwörungsdenken und von einer autoritären, nationalistischen, rassistischen und queerfeindlichen Weltanschauung. Ihre etwa 12.000 Anhänger und Anhängerinnen berufen sich allerdings nicht auf „deutsche Werte“, ein „Europa der Vaterländer“ oder „die Verteidigung des Abendlands“. Im Zentrum stehen stattdessen: „das Türkentum“ und der Islam. Die türkischen Rechtsextremen bezeichnen sich selbst als „Graue Wölfe“ (Bozkurtlar) oder als „Idealisten“ (Ülkücüler). Ihre Feindbilder sind vor allem Armenier, Kurden, linke und liberale Türken, LSBTI, Juden, Israel sowie „der Westen“.
Verharmlosung des türkischen Rechtsextremismus
In der deutschen Mehrheitsgesellschaft wurde der türkische Rechtsextremismus lange Zeit ignoriert und verharmlost. Er galt zum Beispiel als Problem, das „die Ausländer“ einfach unter sich auszumachen hätten; oder als quasi mechanische Reaktion auf Rassismuserfahrungen durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft. Als eigenständiges Phänomen wurde der türkische Rechtsextremismus immer wieder mit der Behauptung negiert, People of Color oder Menschen mit Migrationsgeschichte könnten qua Herkunft oder sozialer Position nicht selbst autoritär, rassistisch, antisemitisch oder homophob sein. Gerade bei den Grauen Wölfen zeigt sich jedoch, wie bizarr es ist, Menschen pauschal jegliche agency abzusprechen.
Dass solche Positionen inzwischen öffentlich lautstark angefochten werden, liegt auch an der Aufklärungsarbeit von Menschen, die sich seit vielen Jahren unermüdlich gegen den türkischen Rechtsextremismus engagieren. Einer von ihnen ist Ismail Küpeli, Politikwissenschaftler und Autor aus Bochum. Er gilt als einer der führenden Experten zum Thema. Unter dem Titel Graue Wölfe hat Küpeli letztes Jahr ein kleines Buch vorgelegt, das kurz und knapp die Grundzüge der Geschichte, Ideologie und Netzwerke des türkischen Rechtsextremismus in Deutschland vorstellt. Durch ein Glossar, ein eigenes Kapitel zu den zentralen Narrativen der Grauen Wölfe sowie Abschnitte zu Gegenstrategien eignet sich das Buch gut als Nachschlagewerk für die praktische Arbeit.
Es ist erschütternd zu lesen, dass sich derzeit bundesweit lediglich drei eigenständige Präventionsprojekte mit den Grauen Wölfen beschäftigen und diese von anderen Akteuren wie etwa den Mobilen Beratungsstellen gegen Rechtsextremismus nur vereinzelt aufgegriffen wird. Ob es der vielbeschworenen „wehrhaften Demokratie“ Deutschland gelingt, sich irgendwann auch den „Grauen Wölfen“ umfassend und systematisch entgegenzustellen? Die zukünftig zu erwartenden weiteren Kürzungen von öffentlichen Geldern für demokratiefördende Projekte stimmen da nicht gerade optimistisch. Dazu kommt, dass der Bundestag 2020 in einem interfraktionellen Antrag die Bundesregierung aufgefordert hat, ein Verbot der Grauen Wölfe zu prüfen, seitdem dazu aber offenbar wenig passiert ist.
Teil der Erdoğan-Lobby
Küpeli macht an verschiedenen Stellen seines Buches immer wieder deutlich, wie sehr die Dynamiken und Grundzüge türkischer Politik mit der Situation in Deutschland zusammenwirken. Dass etwa ein umfassendes Verbot der Grauen Wölfe in Deutschland noch nicht beschlossen wurde, liegt sicherlich auch an der geo- und migrationspolitischen Machtposition der Türkei als NATO-Partner und Türwächter Europas. Staatspräsident Erdoğan und seine Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) – die selbst ultranationalistische, islamistische Positionen vertreten – koalieren seit langem mit dem politischen Arm der Grauen Wölfe in der Türkei, der Milliyetçi Hareket Partisi, kurz: MHP. In Deutschland agieren die Grauen Wölfe seit einigen Jahren verstärkt als Teil der Erdoğan-Lobby. Bei den Wahlen in der Türkei sind auch die deutsch-türkischen Wählerinnen und Wähler ein wichtiger Faktor. In Deutschland hatte die MHP ab 1973 dafür gesorgt, über offizielle Auslandsorganisationen und vermeintlich unabhängige Vereine ihre Präsenz aufzubauen – zu Beginn teilweise auch mit Unterstützung von CSU-Politikern, die den Aufbau eines Gegenpols zu linken Gastarbeitern und Gastarbeiterinnen unterstützen wollten. Eine der größten Organisationen des türkischen Rechtsextremismus in Deutschland ist die Türk Federasyon mit 200 Ortsvereinen und etwa 7.000 Mitgliedern. In enger Anbindung an die Politik und Ideologie der MHP organisiert die Türk Federasyon Vorträge und Seminare für Erwachsene und Jugendliche, Jugendbegegnungen, nationalistische Traditionspflege und Sport-Aktivitäten.
Eine weitere wichtige Organisation ist der Dachverband Avrupa Türk-İslam Birliği, kurz ATIB, mit bundesweit etwa 2.500 Mitgliedern. Er betreibt lokale und regionale Moscheevereine und engagiert sich in der Jugend-, Frauen- und Bildungsarbeit. Im Vergleich zur Türk Federasyon räumt der ATIB dem Islamismus mehr Platz ein. Zur Bewegung der Grauen Wölfe zählen zudem Gruppen wie die Osmanen Germania, die bis zu ihrem Verbot 2018 vor allem im Bereich der organisierten Kriminalität aktiv waren, oder das Netzwerk Turan e.V., das vor allem im Kampfsport-Milieu aktiv ist. Gerade der lose organisierten Ülkücü-Szene dient Gangsta-Rap als Plattform für Hetze und Propaganda.
Politische Bewegung des Turanismus
Der Name „Turan“ verweist auf eine zentrale Säule der türkischen Rechtsextremen. Der Turanismus oder Pantürkismus steht für eine politische Bewegung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden ist. Er bezieht sich auf eine Neu-Errichtung des großtürkischen Reiches „Turan“, das sich von Ostchina bis nach Südosteuropa strecken und in dem die „türkische Rasse“ autokratisch herrschen soll. In bestimmten Varianten des Pantürkismus soll dieses Großreich „rassisch rein“ sein – andere Bevölkerungsgruppen würden hierfür vertrieben oder sogar vernichtet. „Turan“ lässt sich auch in vielen der zentralen Mythen, Narrative, Symbole und Codes der Grauen Wölfe finden, die Küpeli in seinem Buch detailliert vorstellt.
Eines dieser Symbole ist der Wolfsgruß, durch den die türkischen Rechtsextremen einen Wolfskopf visualisieren. Hierfür verbinden sie den Mittel- und Ringfinger zusammen mit dem Daumen und spreizen den Zeigefinger und den kleinen Finger. Vor allem auf Demonstrationen, Kundgebungen und Großveranstaltungen ist diese Geste häufig zu sehen. Angelehnt ist die Symbolik an eine Legende aus der türkischen Mythologie. Demnach wurden die frühen Türken durch eine Wölfin aus einem sagenhaften Tal gerettet, in das sie sich nach der Niederlage gegen die Chinesen im 8. Jahrhundert geflüchtet hatten. Ein weiteres zentrales Symbol sind die „Drei Halbmonde“, die für die drei Kontinente Asien, Afrika und Europa stehen, auf denen die Osmanen geherrscht und den Islam verbreitet haben sollen – ein Zustand, den auch die von Macht- und Dominanzfantasien geprägten Grauen Wölfe anstreben. Darüber hinaus stehen die drei Halbmonde für die Einheit aller Turkvölker im Großreich „Turan“. Ursprünglich stammt das Symbol aus dem Osmanischen Reich.
Insgesamt nehmen die Grundzüge der modernen türkischen Geschichte im 20. Jahrhundert viel Raum in Küpelis Buch ein. Es ist zwar erhellend und politisch wichtig, ausführlich über den Genozid an den Armeniern 1915/16 durch die jungtürkische Bewegung zu lesen, über den Status der Kurden in der heutigen Türkei oder über die Entwicklung der sogenannten „Türkischen Geschichtsthese“, wonach die türkische „Rasse“ seit tausenden Jahren existiere und für den Fortschritt in der Weltgeschichte verantwortlich sei. Doch demgegenüber sind die Kapitel zum Wirken der Grauen Wölfe hierzulande etwas zu kurz geraten. Ismail Küpelis Buch ist eine gute Einführung in das Thema. Allerdings steht eine umfassende Aufarbeitung dieses Teils der Geschichte der Einwanderungsgesellschaft Deutschland nach wie vor aus. •
Ismail Küpeli
Graue Wölfe. Türkischer Rechtsextremismus in Deutschland
Unrast Verlag, 136 S., 14 €