Olympia, eine „Comfort-Serie“?
Die Übertragung der Olympischen Spiele ist auf breites Interesse gestoßen - auch und gerade bei Menschen, die keine herkömmlichen Sportfans sind. Ist es ein Wohlfühlfaktor, der diese Zuschauer reizt? Ganz so wie bei den bekannten „Comfort-Serien": wohldosierte Emotionen, leichte Unterhaltung, Happy-End?
Mit dem kürzlichen Ende der Olympischen Winterspiele tauchen in den sozialen Medien vermehrt Videos auf, in denen eben dieses Ende beklagt wird. Ein Beispiel: In Schwarzweiß gefilmte Szenen zeigen eine Person, die melancholisch aus dem Fenster schaut, dann zusammengekauert auf der Couch sitzt. Darunter steht: „Wenn Olympia vorbei ist und du nicht weißt, was du jetzt mit dir anfangen sollst“.
Die Olympischen Spiele, das wurde immer wieder betont, sind heutzutage Fernsehspiele; sie werden in erster Linie auf den Unterhaltungsfaktor vor dem Bildschirm ausgerichtet. Die Spiele in Mailand und Cortina kamen in diesem Medium besonders gut an, dem Tagesspiegel zufolge verzeichneten ARD und ZDF „bei der Halbzeitbilanz ungewohnt hohe Reichweiten und Marktanteile“. Überraschenderweise sollen dazu vor allem jüngere Zuschauer beigetragen haben, also jene, die ihr Olympia-Erleben in den sozialen Medien teilen. Die Videos, die das Ende der Olympischen Spiele betrauern, erinnern an die Klage darüber, dass eine intensiv geschaute – „gebingewatched“ – Serie ihr endgültiges Finale erreicht hat. Sie zeugen von einem gewissen Verlorenheitsgefühl, ausgelöst durch den Wegfall des liebgewonnenen (abendlichen) Rituals. Doch es ist keine Actionserie, kein Drama oder Horror, der mit den Olympischen Spielen zu Ende gegangen ist. Es scheint viel eher eine Art „Comfort-Serie“, eine Wohlfühlserie zu sein, die in den letzten Wochen aus Mailand und Cortina heraus übertragen wurde.
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