Was macht der Blick des anderen mit mir?
Wir suchen ihn, weichen ihm aus oder halten ihm stand: Die Begegnung mit dem Blick des anderen ist eine existenzielle Erfahrung, mit der sich Philosophen immer wieder auseinandergesetzt haben.
Er unterwirft mich
Jean-Paul Sartre
1905–1980
Gerade noch geht man selbstvergessen einer Tätigkeit nach, da spürt man plötzlich den Blick eines anderen auf sich und hat das Bedürfnis, sich aufzurichten, durch die Haare zu streichen, mit den Händen einen Halt zu finden. Wenn ein anderer mich sieht, werde ich mir meiner selbst bewusst – als Objekt im Blick des anderen. Dieser Blick macht mich zu einem Ding in der Welt, er legt mich fest. Sartre zeigt, dass jede Beziehung ein gewisses Machtspiel beinhaltet. Ich versuche, den anderen zu „objektivieren“, bevor er mich durch seinen Blick objektiviert. Gleichzeitig bemühe ich mich, den anderen dazu zu bringen, mir ein möglichst angenehmes Bild meiner selbst zu spiegeln. Durch den Blick des anderen erfahre ich seine Macht über mein Selbstverhältnis. Oder wie Sartre es in seinem Theaterstück Geschlossene Gesellschaft fasste: „Die Hölle, das sind die anderen.“
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Und woran zweifelst du?
Wahrscheinlich geht es Ihnen derzeit ähnlich. Fast täglich muss ich mir aufs Neue eingestehen, wie viel Falsches ich die letzten Jahre für wahr und absolut unumstößlich gehalten habe. Und wie zweifelhaft mir deshalb nun alle Annahmen geworden sind, die auf diesem Fundament aufbauten. Niemand, dessen Urteilskraft ich traute, hat den Brexit ernsthaft für möglich gehalten. Niemand die Wahl Donald Trumps. Und hätte mir ein kundiger Freund vor nur zwei Jahren prophezeit, dass im Frühjahr 2017 der Fortbestand der USA als liberaler Rechtsstaat ebenso ernsthaft infrage steht wie die Zukunft der EU, ich hätte ihn als unheilbaren Apokalyptiker belächelt. Auf die Frage, woran ich derzeit am meisten zweifle, vermag ich deshalb nur eine ehrliche Antwort zu geben: Ich zweifle an mir selbst. Nicht zuletzt frage ich mich, ob die wundersam stabile Weltordnung, in der ich als Westeuropäer meine gesamte bisherige Lebenszeit verbringen durfte, sich nicht nur als kurze Traumepisode erweisen könnte, aus der wir nun alle gemeinsam schmerzhaft erwachen müssen. Es sind Zweifel, die mich tief verunsichern. Nur allzu gern wüsste ich sie durch eindeutige Fakten, klärende Methoden oder auch nur glaubhafte Verheißungen zu befrieden.
Big data vs. freies Leben: Wie berechenbar sind wir?
Niemals wissen oder auch nur ahnen zu können, was er als Nächstes sagen würde, das war es, was die Schriftstellerin Virginia Woolf an ihrem Gatten Leonard ganz besonders schätzte. Selbst nach vielen Jahren des Zusammenlebens war er ihr am Frühstückstisch ein Quell unabsehbarer Einfälle und Thesen. Nur so, nur deshalb konnte sie ihn wahrhaft lieben. Wenn ich mir selbst – und anderen – erklären muss, was ich an einer Welt, in der sich das Verhalten jedes Menschen zu jeden Zeitpunkt im Prinzip treffsicher prognostizieren ließe, so schrecklich fände, kommt mir immer diese kleine Anekdote in den Sinn. Denn jeder spürt sofort, sie trifft eine tiefe Wahrheit über unser aller Dasein.
Nicola Gess: „Halbwahrheiten weichen die Unterscheidung zwischen Tatsache und Lüge auf“
Zwischen Wahrheit und Lüge schillert die Halbwahrheit. Besteht im manipulativen Umgang mit der Wirklichkeit die größte Herausforderung für die Demokratie? Oder in der autokratischen Lüge? Ein Gespräch über die Krise des Vertrauens, Probleme des Faktenchecks und Lügen als Loyalitätsbeweis.
Nach der Arbeit
KI droht, Arbeitsleistung radikal zu entwerten und damit unsere Quelle für Wohlstand und Würde zunichtezumachen. Doch zugleich steckt in der Technik das Potenzial für ein freies Leben ohne Lohnarbeit. Es kommt darauf an, die Weichen richtig zu stellen und herauszufinden, woraus Wohlstand und Würde in Zukunft erwachsen können.
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Flüchtlingen Schutz zu bieten, ist ein Gebot der Humanität, welches bereits im Artikel 14 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ aus dem Jahr 1948 verankert ist: „Jeder Mensch hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgungen Asyl zu suchen und zu genießen.“
Der bestirnte Himmel über mir, der blaue Planet unter mir
Kant hatte beim Blick in den Sternenhimmel erhabene Gefühle. Seit 50 Jahren wird zurückgeblickt. Aus dem All sieht man besser, was es mit unserem Heimatplaneten auf sich hat: Wir brauchen die Erde, sie braucht uns nicht.
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Das Leiden der anderen
Wie gehen wir mit dem Unglück um, das uns umgibt? Hinsehen oder die Augen verschließen? Fliehen oder etwas tun? Fünf Menschen berichten von ihren alltäglichen Begegnungen in Flüchtlingshilfe, Rollenspiel, sozialen Medien, Rausch und Therapie. Kommentiert von Juliane Marie Schreiber.