Gefangen im gesellschaftlichen Korsett
Die drei Filme Rose, Gelbe Briefe und À voix basse der diesjährigen Berlinale beleuchten die Kehrseiten gesellschaftlicher Normen. Exemplarisch verdeutlichen sie die Kraft des Films, andere Lebenswirklichkeiten zu vermitteln und unterdrückende Strukturen erfahrbar zu machen. Die Filme unterstreichen die Wandelbarkeit von Normen und die Gefahren, wenn man sie als unhinterfragbar postuliert.
Mit den Normen ist es bekanntlich so eine Sache. Auf der einen Seite sind sie für ein friedliches Zusammenleben innerhalb einer Gesellschaft essenziell, auf der anderen Seite werden sie immer wieder zur Quelle von Unterdrückung. Wie Rose, À voix basse und Gelbe Briefe, die bei der diesjährigen Berlinale im Wettbewerb um die goldenen Bären konkurrieren, beispielhaft zeigen, können Filme durch ihre immersive Erzählform ein ideales Medium sein, um die Kehrseiten der gesellschaftlichen Ordnung und damit die Wirkweise von Normen an sich sichtbar zu machen. Sie verdeutlichen, womit Personen zu kämpfen haben, die an normative Grenzen stoßen und diese infrage stellen.
Was nicht ist, darf nicht sein
Eine der wohl prägendsten Normen in den letzten Jahrhunderten war das Geschlecht. Bis heute beeinflusst sie die Organisation der gesellschaftlichen Reproduktion und damit die Lebensformen ihrer Mitglieder maßgeblich. Während Männer die „harte“ Arbeit übernahmen, auf dem Feld ackerten oder in der Fabrik schufteten, übernahmen Frauen den Haushalt und die Erziehung der Kinder. Während der Mann die Öffentlichkeit und den politischen Raum prägte, mussten Frauen in der privaten Sphäre zurückgezogen leben. Was es bedeuten kann, sich dieser Norm zu entziehen, verdeutlicht das Historiendrama Rose des österreichischen Regisseurs Markus Schleinzer. Die Handlung spielt im 17. Jahrhundert in einem deutschen Dorf und erzählt die Geschichte einer Frau namens Rose (beeindruckend gespielt von Sandra Hüller), die sich als ein Mann ausgibt, der nach vielen Jahren im Krieg in sein Dorf zurückkehrt, um sich dort mit dem Erbe seiner verstorbenen Eltern eine Zukunft aufzubauen. Erfolgreich restauriert Rose das nach langem Leerstand bereits verfallene Gut, baut eine ertragreiche Landwirtschaft auf und gründet mit einer Tochter einer der benachbarten Gutsherren eine Familie. Allen natürlichen Gesetzen zum Trotz wird die Gattin, weil sie vor der Ehe mit einem anderen Mann geschlafen hat, sogar schwanger.
Alles scheint seinen Lauf zu nehmen, bis Rose eines Tages von einer Biene gestochen wird, einen allergischen Anfall bekommt und im Zuge ihrer Rettung ihr verborgenes Geheimnis von ihrer Ehefrau entdeckt wird. Ihre Frau, die aufgrund ihres Ehebruchs selbst von einer Enthüllung des Geheimnisses betroffen wäre, entscheidet sich dafür, nichts zu erzählen. Im Schicksal verbunden führen sie ein Leben in Respekt und Gleichberechtigung. Doch bei dem Unfall war auch eine Magd dabei, die die Lüge nicht hinnehmen möchte. Sie prangert Rose vor der Dorfgemeinschaft an. Rose und ihre Frau werden daraufhin verhaftet und nach einem Gerichtsverfahren hingerichtet.
Der Film macht deutlich: Je natürlicher eine Norm erscheint, desto aufgebrachter wird auf ihren Verstoß reagiert. Es spielt keine Rolle, wie erfolgreich Rose den Hof wiederaufgebaut oder wie gut sie für ihre Knechte und Mägde gesorgt hat. Gegen jede Vernunft muss die Geschlechterordnung wiederhergestellt werden. Denn, wie der Richter der Angeklagten im Strafverfahren sagt, ist jeder Bruch der Norm ein Affront gegen die Gesellschaft. Es darf nicht sein, was nicht ist. Eine Frau ist eine Frau und muss sich dem Schicksal gesellschaftlicher Unterdrückung beugen. Auch der eigene Schutz, wie im Falle von Rose, die – wie im Gerichtsprozess zur Sprache kommt -, als junge Frau von mehreren Männern vergewaltigt wurde und deswegen die gesellschaftliche Position der Frau loswerden wollte, gilt nicht als Rechtfertigung.
Der Inhalt findet auch in der Gestaltung des Films einen unmittelbaren Ausdruck: Er ist schwarz-weiß gefilmt, eine Verbildlichung des eingeschränkten Denkens der Gesellschaft. Musikalisch wird immer wieder auf protestantische Choräle zurückgegriffen, die in der Kirche oder bei der Hausarbeit gesungen werden. Ganz nebenbei ist dadurch die Institution der Kirche und ihre Vorstellung einer göttlichen Ordnung in jeder Situation subtil präsent.
Wankende Beziehungen
Auch in dem Drama À voix basse der tunesischen Regisseurin Leyla Bouzid spielt die Naturalisierung gesellschaftlicher Normen eine zentrale Rolle. In dem Film geht es um Lilia – gespielt von Eya Bouteraa –, die für die Beerdigung ihres Onkels aus der Wahlheimat Frankreich zurück zu ihrer Familie nach Tunis kommt. Der plötzliche Tod des Onkels, der nackt auf seinem Bett aufgefunden wurde, macht aufgrund von Polizeiuntersuchungen das im engsten Familienkreis gehütete Geheimnis seiner Homosexualität öffentlich. Selbst lesbisch und ihre Identität verheimlichend, fühlt sich Lilia, die davon nichts wusste, mit ihrem Onkel verbunden und geht dem Rätsel seines Todes auf den Grund. Dabei taucht sie in die Tiefen der Familiengeschichte und die Schwulenszene der Stadt ein. Durch Gespräche mit Verwandten, Freunden des Toten und der ermittelnden Polizei bekommt sie die bestehenden Ressentiments und Anfeindungen, die Homosexuelle in ihrer Heimat erfahren müssen, in neuer Intensität gespiegelt.
Dabei war Lilia eigentlich gekommen, um der Familie ihre Lebensgefährtin vorzustellen, die sie auf der Reise begleitet. Doch konfrontiert mit der Realität gesellschaftlicher Repression gerät sie in eine Identifikationskrise. Wie wird die Familie damit umgehen, wenn sie ihre Identität offenbart? Ist die Wahrheit den potenziellen Bruch mit der Verwandtschaft wert? Der Film wirft einen eindrücklichen Blick auf die Lebensrealität homosexueller Menschen, wie sie noch in vielen Ländern dieser Welt vorherrscht, geprägt von Unterdrückung und Gewalt. Er zeigt die Vorurteile, Ängste und Aggressionen, die Homosexuellen entgegengebracht werden, und macht sichtbar, dass bestimmte Normen das gesellschaftliche Bewusstsein so stark prägen, dass sie selbst so intime Beziehungen wie die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind ins Wanken zu bringen vermögen.
Historische Prozesse statt göttlicher Gegebenheit
Durch Sanktionen können Normen nicht nur aufrechterhalten, sondern auch gänzlich neu erschaffen werden. Dies verdeutlicht der Film Gelbe Briefe des deutschen Regisseurs İlker Çatak, in dem es um die repressiven Maßnahmen des türkischen Staats gegen staatskritische Bürger geht. Er erzählt die Geschichte eines gefeierten Künstlerehepaars, das aufgrund kritischer Positionierung gegen die Staatspolitik seine Stellen am Theater und der Universität verliert. Ohne Geld stehen sie vor der Frage, wie viel ihnen die eigenen Ideale wert sind. Darf man seine eigenen Überzeugungen verraten und opportunistisch werden, um seine gesellschaftliche Stellung zu retten?
Autoritär herrschen, so macht der Film deutlich, bedeutet, die gesellschaftlichen Normen zu bestimmen. Wahrheit und Falschheit sind nicht mehr Frage eines gesellschaftlichen Aushandlungsprozesses verschiedener Perspektiven, sondern werden von oben herab diktiert. Nur der Wille der Staatsführung zählt. Und die Durchsetzung dieser Normen beruht nicht auf öffentlicher Akzeptanz, sondern ausschließlich auf Gewalt und Einschüchterung.
Dabei dringen die repressiven Maßnahmen in die intimsten Bereiche des Miteinanderlebens, stellen abweichende Existenzen grundlegend infrage und machen die verfolgten Individuen bis aufs Mark verletzlich. Sinnbildlich steht dafür ein Theaterstück, das im Film von dem Protagonisten als Protest inszeniert wird. Darin wird eine Person bei einer Reisekontrolle willkürlich aufgefordert, nach und nach die Sachen abzulegen, bis sie vollkommen nackt und schutzlos vor den lachenden, ihre Macht genießenden Kontrolleuren steht.
Durch einen besonderen dramaturgischen Zug unterscheidet sich der Film von vorherigen Filmen, die sich mit dem Leben in autoritären Regimen auseinandersetzten: Zwar spielt die Handlung der Erzählung in der Türkei, jedoch wurde der Film in Deutschland gedreht. Berlin wird zu Ankara und Hamburg zu Istanbul. Was zunächst befremdlich anmutet, stört an keiner Stelle. Im Gegenteil gewinnt der Film gerade dadurch an Tiefe. Autoritarismus erscheint nicht als ein tausende Kilometer entferntes Problem, das uns nur peripher betrifft, sondern als etwas Nahes. Dadurch wird der Film über die Kritik hinaus zu einer Warnung.
Anders als Rose und À voix basse offenbart Gelbe Briefe nicht nur eine negative, sondern auch die positive Seite von Normen. Die demokratischen Grundnormen wie Meinungsfreiheit, Pluralität und Rechtsunabhängigkeit erscheinen in ihrer Negation als das positiv zu Bewahrende. In der Regression werden die eigentlich progressiven Momente der Geschichte sichtbar. Anders als die natürlichen Normen beanspruchen sie ihre Gültigkeit nicht aus vermeintlichen Tatsachen, sondern aus der Erfahrung ihrer freiheitsstiftenden Wirkung. Während göttliche oder natürliche Normen von einem Sein auf ein Sollen schließen, referieren freiheitlich-demokratische Normen auf einen historischen Lernprozess.
Der Film als Medium
Wie die drei Filme auf unterschiedliche Weise vorführen, vermag der Film als Medium die Relativität der eigenen Normativität durch einen retrospektiven oder transkulturellen Blick erfahrbar zu machen. Dabei wird durch die Erzählung eine produktive Diskrepanz zwischen den vom Publikum mitgebrachten und den im Film zum Ausdruck gebrachten Normen offengelegt. Die Gewordenheit und somit auch Veränderbarkeit von Normen an sich werden auf diese Weise vorgeführt.
Mit der Filmauswahl unterstreicht die Berlinale ihren sie prägenden politischen Charakter und fördert einen gerade in Zeiten erstarkender autoritärer Tendenzen wichtigen Blick auf unterdrückende Gesellschaftsstrukturen und die Bedeutung pluraler Lebensentwürfe.•
Friedrich Weißbach ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität zu Berlin und promoviert im Rahmen des Berliner Graduiertenkollegs „Normativität, Kritik, Wandel“. Er ist freier Journalist und fester Autor des Philosophie Magazins. Zuletzt ist beim Lukas Verlag sein Buch „Recht und Gemeinschaft. Zu Hannah Arendts Kritik der Menschenrechte“ erschienen.
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