Gender Studies

Eine multidisziplinäre Strömung, zuerst nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA aufgetreten. Sie beruht auf dem Ansatz, dass das Geschlecht keine natürliche, sondern eine kulturelle Gegebenheit ist. Sie geht zurück auf eine erste Unterscheidung zwischen dem „sozialen Geschlecht“, engl. gender, (als selbstgewählter Identität) und dem biologischen Geschlecht, engl. sex, wie sie von den Ärzten getroffen wurde, die in den 1950er Jahren Hermaphroditismus (Intersexualität) und die Transsexualität erforschten.  In den 1970er Jahren wurden die Gender Studies von feministischen Bewegungen aufgegriffen (z.B. von der Historikerin Joan Scott), um die „patriarchalischen sozialen Strukturen“ anzuprangern, die die Ungleichbehandlung der Geschlechter mit naturgegebenen Unterschieden rechtfertigen zu versuchen.  Aber Gender Studies erheben, wie ihr Name schon sagt, den Anspruch, nur Studien und keine Theorie über Geschlecht im Dienste einer politischen Bewegung darzustellen. Seit 1990 wurden sie vor allem von der Philosophin Judith Butler vorangebracht, die in ihren Untersuchungen zeigt, wie das Geschlecht, in gleichem Maße wie die ethnische Identität (und die wissenschaftlich bereits widerlegte Einteilung in menschliche „Rassen“), Teil einer sozialen Norm ist, die Abwertung und Ausgrenzung erzeugt. Butler leugnet zwar nicht die körperlichen Unterschiede, die sich aufgrund des biologischen Geschlechts ergeben, aber sie hält fest, dass diese nicht naturgegeben und zwingend mit der Geburt festgelegt sind, und so weder das Geschlecht noch das sexuelle Begehren des Individuums vorbestimmen. Sie stellt damit auch die Unterscheidung von sex und gender infrage, weil dadurch ebenso der Schein zweier klar festgelegter Geschlechts- kategorien mit eindeutigen Zuteilungskriterien aufrechterhalten würde. Weil sie die traditionelle Gesellschaftsordnung stören, werden die Gender Studies kontrovers und häufig auch polemisch diskutiert. Sie haben aber bereits zu zahlreichen Änderungen in der Mentalität und zu lebhaften Debatten geführt, wie es beispielsweise in der Linguistik mit der Infragestellung bisher ausschließlich männlicher Oberbegriffe zu beobachten ist oder auch bei dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum dritten Geschlecht.