Religion

Die Etymologie dieses Wortes ist umstritten. Es soll entweder vom lat. religare, „verbinden, anbinden“ abstammen, oder aber, nach Cicero, von relegere, „wieder lesen, überdenken“, was so viel bedeuten soll wie „die rituellen Pflichten gewissenhaft befolgen“. Derselbe Cicero beschreibt die Religion als einen Umstand kultischer Verehrung einer überlegenen, als göttlich bezeichneten, Natur.  Genauer gesagt ist die Religion ein System von Glaubenssätzen (Glaubenssystem), das auf zwei Verbindungslinien beruht: einer vertikalen, nach oben gerichteten, zwischen dem Menschen und einem Gott oder mehreren Göttern, und einer horizontalen zwischen einer Gemeinschaft von Gläubigen. Mit dem Aufkommen des Monotheismus und der drei Buchreligionen (d.h. sich auf eine heilige Schrift berufend) – Judentum, Christentum und Islam – zentriert sich die Religion um eine Idee der Offenbarung herum. Dort, wo der Zauberer oder Priester der alten Religionen die Geister oder Götter anrief, die an einen Ort oder eine bestimmte Funktion gebunden waren, glaubt der Gläubige im Monotheismus, er wäre von seinem Gott zu einer Aufgabe berufen. Von einem Gott, von dem der Gläubige annimmt, er wäre allen Menschen erschienen, um ihnen eine universelle Lehre zu überbringen. Und obwohl die Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu einer Religion meistens von einer familiären Tradition abhängt, will die Religion doch die Antwort auf einen Ruf geben, auf eine Bekehrung. Sie wendet sich also an die Freiheit des Individuums, die sie zu Recht oder Unrecht zu respektieren behauptet (worin sie sich von der Sekte unterscheidet). Die Philosophie ihrerseits versucht zu evaluieren, welche Rolle die Vernunft bei dieser Glaubensentscheidung spielt. Deshalb unterscheidet sie die „Natürliche Religion“ oder Vernunftreligion (Cicero ist der erste, der ihre Charakteristiken untersucht, indem er die in Rom praktizierten Kulte vergleicht), die den universellen Menschen hinsichtlich seiner Fähigkeit betrifft, das Göttliche zu ergründen und zu hinterfragen (die im Extremfall des Deismus, wie zum Beispiel Rousseau ihn praktizierte, Gott auf dasjenige reduziert, was die Vernunft allein legitimieren kann), und die Offenbarungsreligion, die sich an eine bestimmte Glaubensgemeinschaft wendet. Was die horizontale Verbindungslinie betrifft, so wird diese vor allem von der Soziologie (z.B. von Durkheim) untersucht, die der Frage nachgeht, wie stark eine religiöse Institution die sozialen Beziehungen bestimmt. Und wenn auch mehr als drei Viertel der Menschheit einer Religion zugehören, so ist sie doch keine Notwendigkeit: auch der Atheismus (der vor allem im 19. Jahrhundert von Philosophen wie Feuerbach, Marx und Nietzsche gedacht und vertreten wurde), der die Existenz Gottes verneint, der Agnostizismus, der sich zu seinem Nichtwissen in Glaubensdingen bekennt, oder auch der Indifferentismus, der der Religion gleichgültig gegenübersteht, sind mögliche Optionen in Bezug auf das religiöse Phänomen.