Am Abgrund ein Trost
An wen oder was mag man sich wenden in existentieller Notlage und Depression? Was leistet die Philosophie in tatsächlichen oder gefühlten Extremsituationen? Ein ästhetisch-erbauliches Vermächtnis hinterließ uns der Humanist Giovanni Boccaccio.
Wäre es nach seinem Vater, dem Kaufmann Boccaccino, gegangen, hätte sich auch der Sohn dem Handelswesen verschreiben müssen. Doch dafür ließ der junge Giovanni Boccaccio während seiner frühen Ausbildungsjahre in Neapel ebenso wenig Begeisterung erkennen wie für die Konzentration auf Rechtsstudien. Stattdessen fühlte er sich hingezogen zu Literatur, Kunst und höfischer Lebensart. Die Dichtkunst, an der er sich selbst seit frühester Jugend erprobt hatte, kam nun, auch als Dokument eigenen Erlebens, zu voller Entfaltung. Sein literarisches Können bewährte sich als Zugangsmittel zu exklusiven Gesellschaftskreisen und entsprechenden Geliebten. Hinter Fiammetta, der Titelfigur des gleichnamigen Romans (1342-1343), verbirgt sich Maria d’Aquino, Tochter des Königs von Neapel, mit der Boccaccio eine langdauernde, inspirierende Liebesgeschichte verband, worauf er in verschiedenen Werken immer wieder anspielt.
Eine intensive, kontinuierliche Freundschaft pflegte Boccaccio zu dem Dichter und Philosophen Francesco Petrarca. Als Biograph Dante Alighieris und Kommentator der Göttlichen Komödie erwarb sich Boccaccio jene Anerkennung, welche schließlich zu seiner Berufung auf einen eigens eingerichteten Dante-Lehrstuhl führen sollte. Auf das poetisch-philosophische Dreigestirn, das Boccaccio mit Petrarca und Dante bildet, fokussiert sich bis heute unsere Bewunderung der italienischen Renaissance mit ihrer humanistischen Betonung menschlicher Vernunft und Individualität. Die drei Denker verbindet zudem eine ausgeprägte Bewunderung für die bildende Kunst ihrer Zeit einschließlich antiker Vorbilder. In der Malerei Giottos sah Boccaccio Abstraktes, Geistiges veranschaulicht und konkretisiert, sie eröffnete Zugang zum Wesen des Menschen und seiner Empfindungswelt.
Einen jähen Einschnitt in Boccaccios reizvollem Leben brachte das Jahr 1348, als in seiner Heimatstadt Florenz die Pest wütete. Das Schlüsselerlebnis des Schwarzen Todes, welchem auch sein Vater zum Opfer fiel, verarbeitete Boccaccio in seinem etwa 1349-1353 entstandenen Meisterwerk Decamerone (von griechisch: deka = zehn, hemera = Tag). In der Novellensammlung erzählen sich zehn junge Menschen, drei Männer und sieben Frauen, vor der Pest aufs Land, in die toskanischen Hügel, geflohen, zehn Tage lang teils gelehrte, teils erbauliche, mitunter frivol-erotische Geschichten. Am Abgrund des Lebens suchen sie, wie die Rahmenhandlung des Decamerone schildert, tröstende Ablenkung von den Schrecken der Seuche. Interpreten fühlen sich erinnert an das klassische Kontrastbild von Eros und Thanatos, jenes spannungsvolle Verhältnis von schöpferischer Liebe und zerstörerischem Todesdrang, das sich Jahrhunderte später in Sigmund Freuds Psychoanalyse theoretisch ausgearbeitet findet.
Spielerische Liebe
Boccaccios poetisches Zehntagewerk eröffnet uns in formvollendeter Dichtung die Lebens- und Liebeswelt der spätmittelalterlichen Gesellschaft vor dem Hintergrund apokalyptischer Umstände. Sein literarisch-poetisches Universum bevölkern nicht scholastische Gelehrte, sondern sinnliche Schöngeister, noble Lebemänner und, mit ihnen mindestens auf Augenhöhe, selbstbewusste Frauengestalten. Gerade sie erfahren hier amouröses Auf und Ab, quälende Eifersucht, unerwiderte Liebe, agieren mal mit Lust, mal mit List. Sie behalten das Heft des Handelns in der Hand, wenn sie dem Werbenden zu verstehen geben, sie hätten ihn um seine Liebe nicht gebeten. Treffend kontrastiert Hegel in seinen Ästhetik-Vorlesungen Dantes religiös gefärbte Verehrung seiner Beatrice mit Boccaccios Darstellung der Liebe „teils in ihrer Heftigkeit der Leidenschaft, teils ganz leichtfertig ohne Sittlichkeit“. Für ihn verbindet Petrarca und Dante eine geradezu verklärte „Phantasieliebe“, während sich in Boccaccios „Gegenbild dieser Erhöhung“ die Liebe mal als spielerisch, mal als leidenschaftlich-unverblümt, jedenfalls aber als von dieser Welt erweist.
Zugleich lässt Boccaccio im Decamerone philosophische Auffassungen einer scheintoten Antike neu hervortreten, die der Humanismus seiner Zeit, der Renaissance, kreativ erschloss. Einleitend schreibt er der Poesie, dem Geschichtenerzählen, eine Funktion zu, die für die Philosophie schon immer charakteristisch gewesen sei: den Trost. Im Geist und Stil spätantiker Denker wie Cicero, Seneca oder Boethius betont Boccaccio die omnipräsente Funktion philosophischen Trostes für den geschundenen, leidenden, von der Katastrophe heimgesuchten Menschen. Bedrückende Todesfurcht mildert am ehesten, wer an praktische Rationalität appelliert, heitere Gelassenheit kultiviert und Seelenruhe vermittelt. Doch nicht allein den Fluchtpunkt der Vernunft kennt Boccaccios Decamerone. Auch Emotionen machen uns aus und sind lebenspraktisch gefordert. Ohne Zuversicht, Daseinsfreude und Lebenslust bleiben wir dem Verhängnis ausgeliefert. Demselben thematischen Rahmen folgen ab den 1360er Jahren entstandene Spätwerke wie De casibus virorum illustrium (frei übersetzt „Vom Schicksal angesehener Männer“) und De mulieribus claris („Von berühmten Frauen“), wo sich Boccaccios ursprüngliche lebensbejahende Art zu einem moralisierenden Stil wandelt. Biographisch beschreibt er, wie berühmte Personen auf der Sonnenseite des Lebens von Schicksalsschlägen getroffen werden und darauf reagieren. Die Botschaft besteht im Aufzeigen positiver oder negativer Vorbilder für die jeweils eigene Lebensführung.
Trostfähige Gesellschaft
Boccaccios Sicht auf die Unbeständigkeit menschlichen Schicksals erinnert besonders in den zugespitzten Pestschilderungen des Decamerone an entsprechende antike Beschreibungen bei Lukrez und Thukydides, aber auch an bekannte Reaktionsmuster auf Pandemien späterer Jahrhunderte bis in unsere Zeit. Damals wie heute wird die Herkunft des Unheils aus fernsten Regionen betont, das Versagen menschlicher Künste und Wissenschaften, insbesondere der Medizin, kritisiert. Damals wie heute diskutiert man Sinn und Unsinn von Quarantäne, die Übertragbarkeit der Krankheit auf Tiere, entrüstet sich über den Verfall des menschlichen Charakters, etablierter Moralstandards und gesellschaftlicher Solidarität. Das Decamerone und sein geschichtlicher Hintergrund erfuhren damit in der Pandemie unserer Gegenwart eine bedrückende Aktualität. Unter welchen Bedingungen und Zeitumständen Gesellschaften auch am Abgrund trostfähig bleiben und was eine Verbindung von Philosophie und Dichtung dazu beitragen kann, entzieht sich einer einfachen Antwort.
Trost thematisieren Philosophie und Dichtung, gerade auch in ihren Überschneidungsformen, seit jeher, sei es in beiläufiger Weise oder als eigentliches Thema regelrechter Trostschriften. Sowohl kurzlebiger Liebesschmerz als auch der Tod, besonders im engen persönlichen Umfeld, will Trost finden. Trost kann Trauer angesichts von Unglück, Leiden und Verlust lindern. Trostschriften reagieren auf Bedrückendes mittels Ablenkung oder mittels rationaler Verarbeitung einschließlich ethischer Reflexion. Bei Boethius, philosophische Schlüsselfigur zwischen Antike und Mittelalter, wird Trost, lateinisch „consolatio“, zum Buchtitel. Das Werk De Consolatione philosophiae, in dem die personifizierte Philosophie als Ratgeberin, Richterin und eben auch Trösterin agiert, gilt als eine der verbreitetsten Schriften im Mittelalter, nach heutigem Maßstab als Bestseller. Wer tröstet, will dazu verhelfen, dass eigenes und fremdes Leid erträglicher wird. Die Richtung des Trostes ist nicht immer selbstverständlich: Bereits der sterbende Sokrates erscheint in Platons Phaidon nicht als Empfänger, sondern als Spender von Trost, der im philosophischen Diskurs den Freunden über den Schmerz des endgültigen Abschieds rational argumentierend hinweghilft.
Heilmittel der Seele
Trost funktioniert allerdings nicht nur in Freundschaften, auf die Aristoteles den Blick lenkt, sondern auch in anderen Konstellationen. Trost verspricht Linderung oder Heilung nach Art einer Arznei oder einer Therapie. Mit Platon und Aristoteles ist die Tradition philosophischen Trostes wirkmächtig begründet und gelangt in der römischen Philosophie, etwa bei Cicero und Seneca, als Heilmittel der Seele zu gesteigerter Bedeutung. Ihre besondere Wirksamkeit verdankt die Philosophie als Trösterin ihrer überlegenen Einsicht in die conditio humana, die Bedingtheiten des Menschen im umfassendsten Sinn seiner Lebensumstände. Unter je eigenen Vorzeichen schreiben das Christentum und die neuzeitliche Philosophie ihre Reflexionen auf den Trost fort. Als Denker der Renaissance knüpft Boccaccio an das Trostmotiv der antiken Philosophie an und macht es in ganzer Bandbreite vom Dramatischen bis zum Amüsanten bilderreich erfahrbar. In diesem Sinne dienen die Novellen des Decamerone explizit als Mittel des Trostes und der therapeutischen Ablenkung für die „trostbedürftigen Herzen“.
Was wir heute von Boccaccio lernen können, ist, dass das späte Mittelalter zu einer Philosophie fand, die sich von theologischer Scholastik und Jenseitsorientierung absetzt, mit Sinnesfreuden des diesseitigen, irdischen Lebens gegen den existenziellen Abgrund positioniert und die Philosophie ungeachtet akademischer Wissenschaftlichkeit als Trostquelle fruchtbar macht. Poetik wird zum integralen Teil einer Philosophie, die sich ihrerseits poetisch artikuliert. Boccaccio zeigt uns, welche Weltsicht zur Entfaltung kommen kann, wenn man, jenseits szientistischer Verformung, die ästhetischen Potentiale einer der Dichtung verbundenen Philosophie nutzt. Auch angesichts von Abgrund, Apokalypse und Tod lassen sich philosophisch-literarische Bilder bunten Lebens zeichnen. •
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