Den Frosch zum Springen bringen
Klimaschutz und Katastrophenbewusstsein: Fünf Philosophen, ein Soziologe und eine Aktivistin untersuchen, was uns am Handeln hindert – und wie wir die Lage ändern können.
Zu den Katastrophen unserer vielfach katastrophalen Gegenwart gehört die Schwerfälligkeit, mit der sie realisiert und eingeordnet werden. Als größtes Menschheitsrisiko führt der Global Risk Report in seiner aktuellen Bedrohungshitparade die geoökonomische Konfrontation, sprich: Donald Trumps Zollpolitik, während Kriege mit globalen Auswirkungen auf dem zweiten Platz und erst dahinter Extremwetterereignisse rangieren. Das Aufmerksamkeitsdefizit gegenüber der Klimakatastrophe ist gewaltig: Auch naturwissenschaftlich längst erwiesene Tatsachen haben noch nicht zu einem Bewusstsein geführt, das auf entschiedenes Umsteuern drängt. Unsere Antriebslosigkeit erinnert dabei an das viel zitierte Boiling Frog Syndrom. Der Frosch, der ins kalte, aber allmählich aufheizende Wasser gesetzt wurde, springt nicht hinaus, solange er es noch könnte. Er bleibt sitzen und stirbt.
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