Die religiösen Wurzeln des Antisemitismus
Die religiösen Aspekte des modernen Antisemitismus sind heute sichtbar wie lange nicht – blieben in der Forschung aber lange Zeit unterbelichtet. Dabei ist das erlösungsantisemitische Ressentiment nicht ohne die Geschichte des christlichen (und islamischen) Antijudaismus zu verstehen und hat mehr mit der Theodizee-Frage zu tun, als gemeinhin angenommen wird.
Am 27. Januar 1945 wurde Auschwitz befreit. Das Datum steht für das Gedenken an die Schoah, der systematischen Vernichtung von über 6 Millionen Menschen – allein aus dem Grund, dass sie jüdisch waren. Aber der „Erlösungsantisemitismus“ des Holocaust entstand nicht erst in der Moderne, sondern hat eine religiöse Vorgeschichte, die auch im Nationalsozialismus noch ihre Wirkung entfaltet hat. In der Gegenwart wird dieser Kern wieder zunehmend sichtbar: Ob im Hass der Islamisten oder im erlösungsantisemitischen Überschuss westlicher Protestbewegungen, die Israel als das absolute Böse vermeinen – Antisemitismus artikuliert sich erneut als religiöses Heilsversprechen.
Was kann man also aus der Betrachtung des religiösen Gehaltes der verschiedenen Formen des Antijudaismus und Antisemitismus für das Heute lernen? Ist das uneingelöste und uneinlösbare Versprechen der Religion womöglich die Wurzel der nunmehr zweitausend Jahre währenden Judenverfolgung? Welche Rolle spielt die Androhung der Hölle, die auf die Ausmerzung von Zweifel drängt? Und führt nicht zuletzt die Vorstellung göttlicher Allmacht immer wieder zur Suche nach Sündenböcken, denen das Leid in der Welt zugeschrieben wird? Die Theodizee-Frage jedenfalls scheint stärker mit dem Antisemitismus verbunden als gemeinhin angenommen wird.
Anfänge des Antisemitismus im Christentum
Schon in der vorchristlichen Antike gab es Feindseligkeiten und Pogrome gegen Juden, die jedoch wahrscheinlich im Rahmen der damals allgegenwärtigen Kriege und gruppenspezifischen Ressentiments verblieben. Erst mit der Entstehung des Christentums nahm der Antijudaismus seine spezifische Gestalt an. Das Neue Testament, insbesondere das Johannesevangelium, enthält bereits zahlreiche antisemitische Klischees über Juden – etwa die Darstellung als Händler im Tempel, die Gottes Haus zu einem „Kaufhaus“ machen, als sündige Ungläubige, die sich von der befreienden „Wahrheit“ nicht überzeugen lassen wollen, oder als Kinder des Teufels. Hinzu kommt der Vorwurf des Gottesmordes: Die jüdischen Hohepriester und Pharisäer hätten die frühen Christen aus den Synagogen ausgestoßen und Jesus nach dem Leben getrachtet. Judas Iskariot, der als geldgierig dargestellt wird, habe Jesus verraten und ausgeliefert.
Während sich die Urchrist:innen selbst als Juden verstanden, änderte sich das Verhältnis zum Judentum, als sich immer mehr nichtjüdische Menschen – „Heiden“ in der Sprache der Bibel – dem Christentum anschlossen. Der Bund Gottes mit dem Volk Israel geriet damit in Widerspruch zum universalen Anspruch des Christentums. Im Brief des Paulus an die Galater äußert sich dies in Feindschaft, indem er den Juden abspricht, legitime Erben Abrahams zu sein, weil sie von der Magd Hagar und nicht von der Freien Sarah abstammten und somit für die Knechtschaft bestimmt seien. Im Hebräerbrief werden nichtchristliche Juden schließlich aus dem Bund mit Gott ausgeschlossen. Der alte Bund mit Israel wird damit durch den neuen Bund mit der Kirche ersetzt. Der Zugang zu Gott sei ausschließlich über die Anerkennung von Jesus als Messias möglich.
Auch im nachbiblischen Christentum blieb das besondere Verhältnis zum Judentum ein Ausgangspunkt für Antijudaismus. Immer wieder – etwa bei Origenes und später bei Augustinus – wurde das Leid der Juden, das sie in Form von Gewalt oder Zerstreuung erfuhren, als Beweis gegen ihre Auserwähltheit und für die Wahrheit des Christentums angeführt. Horkheimer und Adorno beschreiben, dass Antisemiten „sich ihr ewiges Heil am weltlichen Unheil derer bestätigen, die das trübe Opfer der Vernunft nicht brachten“.
Was jedoch im christlichen Kontext immer wieder aufkeimte, war die Hoffnung, dass die Juden noch zum Christentum konvertieren könnten. So nahm etwa Martin Luther eine vergleichsweise wohlwollende Haltung gegenüber seinen jüdischen Mitmenschen ein, solange er auf ihre Bekehrung hoffte. Nachdem das scheiterte, begann er jedoch zur Gewalt aufzurufen. Er projizierte seinen Hass und seine missionarischen Absichten auf „diese elenden gottlosen Menschen“, die angeblich nicht aufhörten, die „Christen anzulocken“. Luthers späterer Judenhass kennt keine Grenzen: In seiner Schrift Von den Juden und ihren Lügen rief er dazu auf, ihre Synagogen zu verbrennen, sie zur Arbeit zu zwingen und sie zu töten. Bereits bei Luther zeigt sich eine obsessive Beschäftigung mit den Juden als Abstammungsgemeinschaft, wenngleich er noch nicht von einer „Rasse“ ausging.
Religiöse und rassistische Motive sind im Antisemitismus dabei enger miteinander verwoben, als die begriffliche Trennung zwischen religiösem Antijudaismus und modernem Antisemitismus vermuten lässt. Nicht nur ist das rassistische Moment – wie etwa bei Luther oder in den Gesetzen zur Reinheit des spanischen Blutes – im christlichen Antijudaismus bereits vorbereitet. Auch wirken die religiösen und heilsgeschichtlichen Aspekte tief in den modernen Antisemitismus hinein. Selbst Hitler interpretierte in Mein Kampf sein Wirken als religiöse Aufgabe: „Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.“ Dem Judentum sprach er den Status als Religionsgemeinschaft ab und betrachtete es als „Volk“ oder „Rasse“, wobei er dies jedoch auch mit religiösen Argumenten begründete: Dem Judentum sei „der Glaube an ein Jenseits vollkommen fremd“. Auch der Talmud sei „kein Buch der Vorbereitung für das Jenseits, sondern nur für ein praktisches und erträgliches Leben im Diesseits“. Nach arischer Auffassung könne man sich keine Religion vorstellen, „der die Überzeugung des Fortlebens nach dem Tode in irgendeiner Form mangelt“. Hitler berief sich auf Jesus und insbesondere auf die Peitsche, mit der er die Juden aus dem Tempel vertrieben hat. Zwar lehnte er das „Parteichristentum“ ebenso ab wie die „atheistischen Judenparteien“, dennoch bleibt unverkennbar, dass es sich hierbei um eine nur oberflächlich säkularisierte religiöse Heilslehre handelt.
Erlösung oder Verdammnis
Im Laufe der Geschichte wurde Juden alles Mögliche vorgeworfen: Wucher, Hostienschändung, Ritualmorde und Brunnenvergiftung. Die Verwerfungen der Moderne wurden den Juden ebenso zugeschrieben wie ihr Festhalten an der Tradition; die Absonderung ebenso wie die Assimilation; der Kapitalismus und der Liberalismus ebenso wie der Kommunismus; die Staatenlosigkeit ebenso wie die Staatlichkeit. Deshalb gehört es zu den zentralen Erkenntnissen der Antisemitismusforschung, dass Antisemitismus wenig mit dem Handeln konkreter Jüdinnen und Juden zu tun hat, sondern vielmehr aus der Psyche der Antisemit:innen zu erklären ist.
Nach Freud entsteht Religion aus der Angst und Hilflosigkeit, die der Mensch angesichts der Unberechenbarkeit von Natur und der Not des Lebens empfindet. Um diese erträglicher zu machen, projizierten Menschen menschliche Eigenschaften in ihre Umwelt und schufen so ein Gottesbild mit menschlichen Zügen. Im Kontext der patriarchalen Familienstruktur entstand daraus der Vatergott und später im Christentum zudem eine Mutterfigur und ein Sohn, dem man nacheifern soll. Der Glaube an einen beschützenden und versorgenden Vater hat eine Entlastungsfunktion, denn er verspricht Sicherheit gegenüber den Risiken der Welt. Im Matthäusevangelium 6,25 heißt es dazu: „der morgige Tag wird für das Seine sorgen.“ Aber diese göttliche Fürsorge erfordert auch völliges Vertrauen und Gehorsam, „zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit zu trachten“. Zweifel daran ist gefährlich: Es drohe nicht nur der Verlust der göttlichen Fürsorge auf Erden, sondern auch die ewige Verdammnis.
Die Beschreibungen von Folter, Schmerz und Leid in der Hölle, die in den Werken christlicher Künstler:innen so eindrucksvoll illustriert werden, lösen Angst aus und das Bedürfnis, den Zweifel fernzuhalten – insbesondere in Glaubenssystemen, die nicht nur schlechte Taten ahnden, sondern bereits den fehlenden oder falschen Glauben. Das führt zur Abwehr all jener, die den Zweifel schüren, weil sie den eigenen Glauben nicht teilen. Daher stammen die obsessiven Versuche, Juden zu missionieren. Denn wenn die anderen auch zu meinem Glauben finden, dann brauche ich ja nicht mehr zu zweifeln. Wo dies nicht gelang, führte es zu Wut, Hass und zum Wunsch nach Vernichtung.
Mit den biologistischen Rassetheorien entfiel die Möglichkeit der Konversion, denn zwischen „Rassen“ kann man nicht konvertieren. Nach dieser vermeintlichen Verwissenschaftlichung des Antisemitismus wurden Menschen nun unabhängig von ihrer tatsächlichen Religion oder Nichtreligion zu Juden erklärt und in einen Gegensatz zu anderen „Rassen“ gesetzt. Insbesondere die Deutschen behaupteten die Überlegenheit der eigenen Rasse: Statt eines besonderen Verhältnisses zu einem autoritären Gott postulierten sie die Autorität des Führers, der den durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg schwer gekränkten Deutschen über die Vernichtung von Sündenböcken die Erlösung in Aussicht stellte. Aus dieser Kombination von rassistischem Antisemitismus und einer (pseudo-)religiösen Ideologie von Erlösung oder Verdammnis entstand, was Saul Friedländer „Erlösungsantisemitismus“ genannt hat. „Die Verbindung beider Richtungen verleiht dem Kampf gegen die Juden die Eindringlichkeit und emotionale Gewalt einer religiösen Aufgabe, eines Kreuzzuges. Dieser Kampf erlaubt in seiner extremsten Ausprägung keinen Kompromiß.“ Nur die Vernichtung der Juden versprach die Erlösung.
Autorität und Abgrenzung
Eine der wichtigsten sozialpsychologischen Untersuchungen bezüglich der Ursachen des Antisemitismus waren die Studien zum autoritären Charakter, die von Theodor W. Adorno und anderen nach seiner Flucht in die USA durchgeführt wurden. Zentrale Annahme der Autoritarismustheorie ist, dass strenge Hierarchien – wie in der patriarchalen Familienstruktur – Gehorsam und Unterordnung fördern, während Aggressionen gegenüber der Autorität unterdrückt werden müssen und sich dann gegen Schwächere richten. Das geht zurück auf Erich Fromms Beobachtungen zur sadomasochistischen Charakterstruktur: Masochismus und Sadismus gehören nach Fromm untrennbar zusammen. Der masochistische Anteil zeigt sich in dem Bedürfnis nach Unterordnung, Gehorsam und Abhängigkeit. Betroffene erleben Sicherheit, indem sie sich einer starken Autorität unterwerfen, Verantwortung abgeben und sich selbst gegenüber der Autorität abwerten. Der sadistische Anteil äußert sich im Verlangen, Macht über andere auszuüben, sie zu kontrollieren oder zu demütigen. Dadurch kann das eigene Gefühl von Schwäche kompensiert werden, denn innerhalb hierarchischer Systeme gibt es immer noch jemanden, der unter einem steht.
Diese Charakterstruktur wird durch autoritäre Systeme gefördert. Dazu gehört neben den patriarchalen Familien und dem autoritären Staat auch die Religion, die sowohl institutionell als auch in ihren Glaubensinhalten meist hierarchisch geordnet ist. Zwar wird weder bei Fromm noch bei Adorno Religion per se als Ursache von Autoritarismus verstanden, sie kann aber als Verstärker wirken, wenn sie in bestimmter Weise interpretiert oder gelebt wird. Das ließ sich auch im Nationalsozialismus beobachten: Während einige der wenigen Widerständler:innen aus religiösen Motiven handelten, waren die meisten Religiösen „willige Vollstrecker“ der nationalsozialistischen Ideologie – mitunter sogar ihre Vorreiter.
Vor allem dogmatische, konventionalistische und extrinsisch motivierte Religiosität korreliert mit autoritären Einstellungen. Wenn Religion stark auf Gehorsam, Konformität und Strafe ausgerichtet ist, kann sie autoritäre Charakterstrukturen stützen. Analysiert man religiöse Schriften nicht theologisch, sondern psychologisch, wird deutlich, dass Autorität darin zentral ist: Gott ist die höchste Gewalt; er sieht und kann alles. Die Bibel lehrt an vielen Stellen absoluten Gehorsam gegenüber Gott, auch wenn das die Preisgabe des Eigenen erfordert. Beispielhaft ist die Geschichte Abrahams, der als Stammvater von Judentum, Christentum und Islam gilt: In 1. Mose 22,1–12 fordert Gott Abraham auf, ihm seinen Sohn Isaak als Brandopfer darzubringen, was dieser ohne Zögern bereit ist zu tun. Zwar verhindert der Engel des Herrn in letzter Minute das Töten des Kindes, aber die Botschaft bleibt die unhinterfragte Unterordnung unter den Willen Gottes. Gott ist unendlich groß und der Mensch ist klein und nichtig.
Wenn die masochistische Unterordnung immer auch sadistische Kompensation hervorruft, werden die unterdrückten Aggressionen auf Schwächere umgelenkt. Deshalb geht aus autoritären Systemen immer Abgrenzung gegen Andere hervor. Dazu bieten sich diejenigen an, die keinen Anteil an der Autorität haben, durch die man sich selbst groß fühlt, also Mitglieder anderer religiöser Gruppen oder solche ohne religiöse Autoritäten. In der Bergpredigt heißt es dazu: „Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind’s, die auf ihm hineingehen.“ Den Gläubigen wird hier suggeriert, sie gehörten zu einem kleinen Kreis der Wissenden, die gerettet werden. Alle anderen müssten leiden, was der sadistischen Straflust entgegenkommt.
Jüdinnen und Juden waren durch ihre Diaspora-Situation oft der Gewalt und der Missgunst derjenigen ausgesetzt, die in ihrem jeweiligen Land die Macht oder auch nur die Mehrheit innehatten. Dass dieser kleinen, höchst vulnerablen Gruppe regelmäßig große Macht und eine Verschwörung zur Weltherrschaft vorgeworfen wurde – wie etwa im antisemitischen Pamphlet Protokolle der Weisen von Zion, war dabei auch eine Projektion des eigenen Strebens nach Ausbreitung und Weltmacht.
Die Theodizee-Frage und der Sündenbock
Der Antisemitismus „löst“ dabei ein Grundproblem christlicher Weltdeutung, nämlich die Frage der Theodizee: Wenn Gott allmächtig, allwissend und gut ist – wieso gibt es dann Leid in der Welt? Die theologischen Antworten auf diese Frage mögen vielfältig sein – im Denken und Fühlen der Menschen wird sie meist durch die Identifikation von Sündenböcken beantwortet. Das Leid in der Welt wird dann als Strafe Gottes für die Verfehlungen der Menschen gedeutet; es erhält dadurch einen Sinn, und das Bild Gottes bleibt unangetastet. Das heißt, der Glaube an einen mächtigen, weisen und guten Vater-Gott drängt in Anbetracht des andauernden Leidens in der Welt immer wieder dazu, Sündenböcke zu finden.
Dieses Problem existiert natürlich grundsätzlich auch im Judentum. Aber im Judentum wurde es rituell bearbeitet: Einmal im Jahr, an Jom Kippur, dem Versöhnungstag, wurden alle Sünden des Volkes auf einen Ziegenbock geladen, der in die Wüste geschickt wurde. Die Gemeinschaft war dann wieder im Zustand der Sündlosigkeit. In Leviticus 16,22 heißt es dazu: „Der Bock soll alle ihre Sünden mit sich in die Einöde tragen.“ Das heißt, die Theodizee-Frage, die der Monotheismus unweigerlich hervorbringt, wurde im Judentum in einer Weise explizit gemacht und aufgelöst, die es allen Menschen erlaubt, weiterhin Teil der Gemeinschaft zu sein.
Nach christlicher Vorstellung hingegen ist Jesus für die Sünden der Menschen gestorben: Jesus Christus ist der ersehnte Messias, der Heiland, der Erlöser, die personifizierte Erlösung. Weil sich die Welt in Anbetracht des fortdauernden Leidens an ihr, aber auch für die meisten Christ:innen nicht erlöst anfühlt, muss eine Erklärung für das Böse gefunden werden, und dafür bieten sich diejenigen an, die durch ihre Abweichung die Strafe Gottes provozieren.
Das betraf nicht nur Jüdinnen und Juden. Auch andere Gruppen sind ins Visier religiöser Dämonisierung geraten, etwa sogenannte Hexen und Ketzer, Säkulare und Atheist:innen, Andersgläubige, Frauen, die gegen das vorherrschende Rollenbild verstoßen oder abtreiben, bis hin zu Homosexuellen oder heute Transsexuellen. Auffällig ist dabei, dass die Opfergruppen meist anhand von Verstößen gegen religiöse Normen gekennzeichnet werden. Aber wenn die Opfer grundsätzlich „auswechselbar“ sind, wie es auch in der Dialektik der Aufklärung heißt, wieso sind dann in der Geschichte immer wieder Juden verantwortlich gemacht worden?
Dies hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die Juden für das frühe Christentum die ersten „Anderen“ waren – diejenigen, die zwar um Jesus wussten, aber an Jesus Christus nicht glaubten; die lebendige Infragestellung des tröstenden Glaubens an den christlichen Gott. Als Ursprung der christlichen Religion ließ sich das Judentum nicht aus dem Gedächtnis drängen. Seine Fortexistenz zieht die christliche Lehre von der Erlösung seit Beginn an in Zweifel. Das Christentum – die Religion, die in Jesus Christus das Gute personifizierte – personifizierte auch das Böse, das in Gestalt des Teufels symbolisch die Hörner des Ziegenbocks und die stereotype Nase der Juden auf sich vereint.
Hat sich diese Figur des Sündenbocks, der Personifizierung des absoluten Bösen, einmal sedimentiert, lässt sie sich auf immer neue Probleme übertragen. So erklärt sich, warum Juden für ausnahmslos alles verantwortlich gemacht werden können, so absurd es auch erscheint. Dieser religiöse Ursprung des Antisemitismus steht also seinen modernen Erscheinungsformen nicht entgegen – er bildet ihr Fundament. Sowohl die Probleme, denen das Bedürfnis nach der Identifikation von Schuldigen entspringt, als auch die Mittel, derer sich der Antisemitismus bedient, sind indes die ihrer jeweiligen Zeit.
Antisemitismus unter Muslim:innen
Antisemitismus unter Muslim:innen wird oft mit dem Nahostkonflikt erklärt, der in seiner Unversöhnlichkeit jedoch maßgeblich durch den Antisemitismus mitverursacht ist, da sich die Hamas jahrzehntelang einer Zweistaatenlösung verweigert und stattdessen zur Vernichtung Israels aufgerufen hat. Natürlich sind nicht alle Muslim:innen antisemitisch – ebensowenig wie alle Christ:innen. Dennoch zeigt sich auch hier ein religiöser Antagonismus, der in einer fundamentalistischen Interpretation zu Antisemitismus führt.
Zunächst antwortet auch der Islam – der unter anderem mit „Unterwerfung“ übersetzbar ist – auf die existenziellen Grundfragen des Lebens durch die Annahme eines allmächtigen Gottes. Der Islam kreiert zudem das Bild der Umma, der Gemeinschaft aller Muslime, die sich von anderen abgrenzt, wenngleich diese Einheit durch innermuslimische religiöse Differenzen und Konflikte immer wieder konterkariert wird. Auch der Islam verspricht Erlösung für die Eigengruppe und bedroht die Anderen mit irdischem oder jenseitigem Unheil. Damit ähnelt er zunächst dem Christentum, von dem einige Glaubensinhalte übernommen sind. Und auch der Islam musste sich damit auseinandersetzen, dass trotz seiner rapiden Ausbreitung nicht alle der neuen Religion folgen wollten und damit Zweifel an ihrer Wahrheit bestehen blieben. So finden sich im Koran unzählige Stellen, die zum Kampf gegen Ungläubige aufrufen und die Höllenqualen beschreiben, die sie nach ihrem Tod zu erwarten haben. In Sure 22:19-22 heißt es zum Beispiel, dass den Ungläubigen Kleider aus Feuer drohen, dass ihnen „heißes Wasser über den Kopf gegossen wird, wodurch zum Schmelzen gebracht wird, was sie im Bauch haben, und (ebenso außen am Körper) die Haut.“
Juden und Christen gehören für den Islam zu den „Leuten der Schrift“, was ein Privileg gegenüber den anderen Ungläubigen, etwa den Polytheisten, darstellt. Deshalb gewährt ihnen der Islam in seinem Herrschaftsbereich den Status als sogenannte Dhimmis: Sie durften ihre Religion weiter ausüben, mussten aber eine Kopfsteuer, die Jizya, zahlen und waren in ihren politischen Rechten gegenüber Muslimen eingeschränkt, wie Menschen zweiter Klasse. Im Hinblick auf Juden enthält der Koran auch massive Abwertungen. So werden diese in Sure 5:60 „Affen und Schweine und Götzendiener“ genannt. Die entmenschlichende Rhetorik wird also unmittelbar mit dem religiösen Unterschied verbunden und dient bis heute einigen islamistischen Predigern als Rechtfertigung des Antisemitismus.
Eine zweite Quelle des zeitgenössischen Antisemitismus unter Muslim:innen ist der im 19. Jahrhundert im Kontext des Kolonialismus verstärkt einsetzende Kontakt mit christlichen Judenhassern und später die direkte Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten, die sich in den Muslimen Partner im Kampf gegen die Gründung eines jüdischen Staates erhofften. Eine zentrale Figur darin war Amin el-Husseini, ein früher Aktivist der palästinensischen Nationalbewegung, dessen antisemitische Propagandabroschüre Islam – Judentum. Aufruf des Großmufti an die islamische Welt im Jahre 1937 die Nazis mehrsprachig und in hoher Auflage verbreiteten. Darin heißt es: „Kämpft für den islamischen Gedanken, kämpft für eure Religion und euer Dasein! Gebt nicht eher Ruhe, bis euer Land von den Juden frei ist.“ Von 1936 bis 1945 betrieben die Nazis zudem einen Radiosender namens „Radio Zeesen“, mit Hilfe dessen die Menschen im Nahen Osten auf Arabisch, Persisch und Türkisch mit antisemitischer Propaganda und Koranrezitationen beschallt wurden – eine Kombination, die bei den Empfänger:innen äußerst populär war.
Die Nazis kooperierten auch mit der Muslimbruderschaft, als deren palästinensischer Führer al-Husseini eingesetzt wurde. Die Muslimbruderschaft kämpfte gegen den UN-Teilungsplan von 1947 und die Gründung Israels und hat islamische Staaten zum Angriffskrieg gegen Israel angestachelt. Einer ihrer wichtigsten Ideologen war Sayyid Qutb. Seine Schrift Unser Kampf mit den Juden von 1950 ist nach Hitlers Mein Kampf benannt, das auch heute noch in der arabischen Welt weit verbreitet ist. Qutb unterstellt darin – offensichtlich projektiv – den Juden, den Islam vernichten zu wollen, und unterlegt das mit Zitaten aus dem Koran und den Protokollen der Weisen von Zion. Juden werden alle Übel der Welt zugeschrieben, so auch der „atheistische Materialismus,“ die „Doktrin der animalistischen Sexualität,“ die „Zerstörung der Familie“ und der heiligen Beziehungen der Gesellschaft. Jeder, der Zweifel am Islam sät, müsse ein „jüdischer Agent“ sein. In dieser Weise wird sogar die Niederlage von 1948 als das Resultat des Zweifels am islamischen Glauben und der Apostasie erklärt. In Qutbs Werk, das die Muslimbruderschaft stark beeinflusst hat, zeigt sich die eigentümliche Verschmelzung von altislamischer Judenfeindschaft und modernem, christlich imprägnierten Antisemitismus besonders deutlich.
Später ging aus der Muslimbruderschaft – neben zahlreichen anderen militanten und legalistischen Gruppen – auch die Hamas hervor, die in ihrer Gründungscharta den Dschihad zur Vernichtung Israels propagiert. Mit einem Zitat des Vaters der Muslimbruderschaft Hassan al-Banna heißt es dort: „Israel wird entstehen und solange bestehen bleiben, bis der Islam es abschafft, so wie er das, was vor ihm war, abgeschafft hat.“ Die Charta macht auch klar, dass es nicht nur um Israel geht, sondern dass Jüdinnen und Juden als Juden gemeint sind, was mit einem Ausspruch des Propheten Mohammed untermauert wird: „Die Stunde wird kommen, da die Muslime gegen die Juden solange kämpfen und sie töten, bis sich die Juden hinter Steinen und Bäumen verstecken. Doch die Bäume und Steine werden sprechen: ‚Oh Muslim, oh Diener Allahs, hier ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt. Komm und töte ihn!‘“ Dieser Kampf soll die gesamte Gesellschaft der palästinensischen Gebiete dominieren, und alle, die sich von ihm abwenden, werden des Hochverrats beschuldigt. Auch wenn die Gründungscharta mittlerweile durch ein weniger radikales Dokument ergänzt wurde, beherrscht diese Ideologie auch heute noch die Situation im Gaza-Streifen. Oppositionelle und Menschen, die sich der Hamas und ihrem Terrorregime entgegenstellen, werden als Kollaborateure gefoltert und ermordet.
Ein dritter Grund für den Antisemitismus unter Muslim:innen liegt in der narzisstischen Kränkung durch den politischen und wissenschaftlichen Bedeutungsverlust der großen islamischen Imperien und die globale Dominanz des Westens, als dessen Verbündeter Israel gilt. Der Koran versichert in Sure 3:110-129 den Muslimen, sie seien „die beste Gemeinschaft, die unter den Menschen entstanden ist“ und verspricht ihnen die Hilfe Allahs bei der Unterwerfung der Ungläubigen. Aber nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches sowie dem Aufstieg des europäischen Kolonialismus und der USA, wurde dieses Versprechen brüchig, und die islamische Welt geriet in eine tiefe Krise. Israel ist nicht nur der einzige jüdische Staat; es ist auch der einzige nicht mehrheitlich muslimische Staat in der Region. Israels Existenz, sein relativer Wohlstand und seine militärische Überlegenheit, die es in mehreren Verteidigungskriegen gegen islamische Staaten unter Beweis gestellt hat, sind insbesondere den Regierungen derjenigen Staaten unerträglich, die selbst massive soziale und ökonomische Probleme haben. Die „Krise“, die das uneingelöste religiöse Versprechen hervorgebracht hat, wird auch im Islam durch die Identifikation von Schuldigen gelöst. Schon Ajatollah Khomeini, der Führer der Islamischen Revolution im Iran, sprach vom „großen Satan“ USA und vom „kleinen Satan“ Israel und markiert damit die Sündenböcke mithilfe religiöser Ideologie. Menschen, die sich dem islamischen Regime nicht unterwerfen wollen, werden als „Feinde Gottes“, als islamophob und verwestlicht oder gleich als Spione für Israel massenhaft ermordet. Ersten Schätzungen zufolge hat das islamistische Regime während der Proteste 2026 in wenigen Tagen wahrscheinlich mehrere zehntausend Menschen ermordet.
Islamismus ist immer antisemitisch, geht aber über den Antisemitismus hinaus. Er richtet sich letztlich gegen alle, die die jeweiligen islamistischen Glaubensinhalte nicht teilen. Die meisten Opfer der Islamist:innen sind oder waren selbst Muslim:innen – angefangen bei Apostat:innen, also Ex-Muslim:innen, über säkulare und liberale Muslim:innen, über die verschiedenen religiösen Minderheiten bis hin zu anderen islamistischen Gruppen – alle können Opfer islamistischer Terroranschläge werden. Aber es greift zu kurz, nur den Terrorismus zu betrachten. Auch der alltägliche Terror, die Verfolgung, Entrechtung und Gewalt, denen etwa Frauen, Homosexuelle oder andere Nonkonforme in islamisch geprägten Ländern und Communities ausgesetzt sind, liegen in der fundamentalistischen oder literalistischen Auslegung von Glaubenslehren begründet. Dabei ist immer wieder wichtig zu betonen, dass selbstverständlich nicht alle Muslim:innen islamistisch sind. Viele kämpfen gerade gegen den Islamismus und werden deshalb verfolgt. Zudem gilt es, noch weiter zu differenzieren: Nicht alle Menschen in oder aus islamisch geprägten Ländern sind überhaupt Muslime, wie mitunter fälschlicherweise angenommen wird. Einige sind Andersgläubige, Ungläubige oder Kritiker:innen des Islam und mussten gerade deshalb in westliche Länder fliehen. Ein Diskurs, der den Islam im Namen des Antirassismus von Kritik ausnimmt, vollzieht erst die rassistische Verknüpfung von Herkunft und Religion – und ist deshalb selbst rassistisch.
Das Fortleben der Vernichtungsphantasien
Die fatale Identifikation der Bevölkerungen islamisch geprägter Länder mit ihren autoritären Regierungen, unter Absehung von oppositionellen und kritischen Stimmen, der religiösen und säkularen Vielfalt sowie intersektionaler Machtverhältnisse, zeigt sich gegenwärtig auch in der globalen Protestbewegung gegen Israel. Zwar ist Israel höchst resolut gegen die Hamas vorgegangen, was auch sehr viele zivile Opfer gekostet hat und in seiner konkreten Form durchaus kritisiert werden kann. Aber eine Protestbewegung, die die Hamas, die Hisbollah, die Huthis oder gar das Regime im Iran toleriert oder sogar unterstützt, ignoriert, dass diese selbst höchst brutal gegen die eigene Bevölkerung vorgehen, und zeigt, dass es ihr mehr um die Dämonisierung Israels geht als um das Leben der Menschen vor Ort.
Auch unter post-, de- oder antikolonialen Theoretiker:innen sind hier oft religiöse Motive ausschlaggebend. Ramón Grosfoguel etwa interpretiert den Kampf gegen Israel als einen „tief spirituellen und messianischen Moment.“ Nicht nur verbreitet er gravierende Lügen über das Massaker am 7. Oktober 2023. Auch gibt es für ihn keinen Mittelweg und keine Neutralität in diesem Kampf. Stattdessen gelte es, Israel zu bestrafen, um die Zerstörung der gesamten Erde zu verhindern. Die Moderne und der Individualismus brächten uns in die „Hölle“. Der Kampf um das gelobte Land hingegen mache uns zu „besseren Menschen“. Die anti-imperialistischen Kräfte der „Befreiung“ seien von den Propheten immer vorhergesagt worden. Grosfoguel behauptet eine Verschwörung, mit der der israelische und US-amerikanische „militärisch-industrielle Komplex“ einen Großteil der Menschheit vernichten wolle – wofür der Genozid in Gaza das Testlabor darstelle.
Diese kruden Thesen sind kaum kaschierte Projektionen der eigenen antisemitischen Phantasien – ein auf Erlösung in der Vernichtung zielender Wahn, der auch zeigt, dass dem Antisemitismus bis heute ein religiöser Kern innewohnt. Solche fehlgeleiteten akademischen Phrasen übersetzen sich in Demo-Sprüche wie „Palestine will set us free!“ oder „Globalize the Intifada!“ Sie sind mitverantwortlich für Anschläge auf jüdisches Leben, wie am Bondi Beach in Australien und beinhalten die kaum kaschierte Androhung einer neuerlichen Vernichtung von Jüdinnen und Juden – dieses Mal weltweit. •
Dr. Petra Klug ist Soziologin sowie Religionswissenschaftlerin und derzeit in der Antidiskriminierungsarbeit und politischen Bildung tätig.
Weitere Artikel
Vom Antisemitismus des guten Gewissens (Teil 1)
Der Trumpismus nimmt die Universitäten ins Visier. Antisemitismus dient ihm als Vorwand. Doch dass Trump keine hehren Motive verfolgt, macht viele der sogenannten „propalästinensischen“ Campus-Protestler nicht im Umkehrschluss zu den Streitern für das Gute. Ein zweiteiliger Essay über den „ehrbaren Judenhass“ des pseudoprogressiven Milieus.
Vom Antisemitismus des guten Gewissens (Teil 2)
Der Trumpismus nimmt die Universitäten ins Visier. Antisemitismus dient ihm als Vorwand. Doch dass Trump keine hehren Motive verfolgt, macht viele der sogenannten „propalästinensischen“ Campus-Protestler nicht im Umkehrschluss zu den Streitern für das Gute. Ein zweiteiliger Essay über den „ehrbaren Judenhass“ des pseudoprogressiven Milieus.
Nazivergleich – eine neue Form des Antisemitismus
Zu den Auswirkungen des Nahostkonflikts gehört die „Nazifizierung“ der Israelis. Sie ist bezeichnend für den Antisemitismus, der nach wie vor existiert. Hier zeigt er sich allerdings in einer neuen Form.
Der blinde Fleck - Teile der Linken und der Antisemitismus
Viele postkoloniale Linke scheinen sich kaum für die jüdischen Opfer der Hamas zu interessieren. Welche Rolle spielt Antisemitismus in der Linken historisch und gegenwärtig? Eine Analyse von Christoph David Piorkowski.
David Greenberg: „Der Antisemitismus reicht bis in die Führungsebene der Universitäten“
Nimmt der Antisemitismus an US-Universitäten zu? Unbestreitbar, meint der Historiker David Greenberg. Ein Gespräch über altlinkenen Antiimperialismus, neuen Race-Essentialismus und Kritik am Staat Israel.
„Islamismus ist ein politisches, kein religiöses Phänomen“
Zum Ende des Fastenmonat Ramadan erschütterten eine Reihe von Terroranschlägen des Daesh in Bagdad, Dhaka, Istanbul und Medina die Arabische und Muslimische Welt. Vor allem das Attentat auf die heilige Grabstätte Mohammads in Medina stellt Fragen nach den Zielen und Motiven der Terroristen. Was haben Islam und Islamismus miteinander zu tun? In welchem Bezug zum Koran und zur islamischen Tradition stehen der heutige Fundamentalismus und die gewalttätigen politischen Bewegungen der Gegenwart? Was hat die westliche Moderne damit zu tun?
Michael Walzer: „Wenn Trump gewinnt, muss Europa die Kraft der Freiheit sein“
Laut dem Philosophen Michael Walzer erleben wir in den USA den Aufstieg eines ethnischen, religiösen, weißen, christlichen Nationalismus, den es so noch nie gegeben hat. Das macht die Wahlen im November in den USA zu einem ebenso entscheidenden wie gefährlichen Moment für die Demokratie.
Beete mit Bewusstsein?
Pflanzen gelten gemeinhin als dumpfe, bewusstlose Lebewesen. Die Forschung fordert diese Vorstellung jedoch zunehmend heraus – und wirft damit auch philosophische Fragen auf.