Mit Kant an der SB-Kasse
Wenn unser Autor an der SB-Kasse steht, dann beäugt ihn nicht nur der Security-Beamte kritisch, sondern auch Kant. Doch ist dieser überhaupt der richtige Ansprechpartner, wenn es um die moralische Frage geht, ob man auch mal was ohne zu scannen rüberziehen darf?
Eine Freundin und ich stehen an einer Selbstbedienungskasse, als sie plötzlich zu mir sagt: „Nein, das sehe ich nicht ein, das ist viel zu teuer.“ Sie zieht den Käse rüber, ohne ihn einzuscannen. Mein Herzschlag geht hoch. In meinen Ohren hallen die Worte so laut nach, dass ich mich frage, wie es möglich sein kann, dass sie nicht der ganze Supermarkt gehört hat. Während sie seelenruhig die anderen Artikel einscannt und bezahlt, male ich mir aus, wie wir beim Rausgehen von der Security angehalten werden. Dann verlassen wir den Laden und es passiert: Nichts. Meine Freundin strahlt immer noch die tiefste Seelenruhe aus, während sich auch meine Nerven langsam entspannen. Für sie war der Diebstahl das Selbstverständlichste der Welt.
Während wir den Security-Beamten im Supermarkt zurückgelassen haben, fühle ich mich nun von einer anderen böse dreinblickenden Gestalt verfolgt: Immanuel Kant. Kein Wunder, die Handlung war nicht nur rechtlich verboten, sondern für den Verfasser des kategorischen Imperativs auch moralisch verwerflich. Denn aus Diebstahl lässt sich keine Handlungsmaxime ableiten, die für alle gleichermaßen gelten kann. Und das - wie wir sehen werden – gleich in doppelter Hinsicht.
Erstens: Falls Supermärkte die Verluste auf die Preise umlegen, dann ist dies insofern unfair, weil die Lebensmittel so auch für diejenigen Menschen teurer werden, die alle Produkte ordnungsgemäß bezahlen. Und selbst wenn alle so handeln würden und dadurch niemand benachteiligt würde, käme es zu einem Nullsummenspiel, da alle entsprechend mehr für die Lebensmittel zahlen, wie sie durch das Nicht-Scannen einsparen können. Eine Einsparung ergibt sich dadurch nicht. In jedem Fall gibt es keine moralische Grundlage, mit der man diesen Diebstahl rechtfertigen könnte. Fall abgeschlossen – Case closed, oder?
Robin Hood gegen Kant
Dachte ich zumindest, bis ich ein paar Tage später mit derselben Freundin spreche und sie mit der Kritik konfrontiere. Sie ist unbeeindruckt. Gegen Kant bringt sie Robin Hood in Stellung. Sie rechtfertigt ihr Handeln damit, dass sie nur von reichen, milliardenschweren Konzernen stiehlt und nicht von dem kleinen Bioladen um die Ecke. Auf das Gegenargument, dass sie es nicht unter den Armen verteilt, erwidert sie, dass sie sich selbst zu jener Gruppe zählt. Weil ihr vielleicht klar ist, dass der Vergleich ein wenig hinkt, schiebt sie hinterher: Außerdem klaue sie nicht von Unschuldigen, da die Discounter und Supermärkte sich selbst schuldig machten. So stehen diese mittlerweile im Verdacht, ihre Preise im Schatten der Inflation stärker zu erhöhen, als sie müssten, und sie bei fallender Inflation erst sehr spät nach unten zu korrigieren. Supermarktketten schlagen also aus der verschärften Lebenssituation der meisten Menschen einen unangemessenen Profit.
Nichtsdestotrotz regt sich mein Unrechtsempfinden, wenn ich mehr für Lebensmittel zahlen muss, weil meine Freundin stiehlt. Doch wie gewichtig ist dieser Vorwurf wirklich? In Deutschland werden laut EHI Retail Institute an SB-Kassen ungefähr 20-30% mehr Waren gestohlen als an normalen Kassen. Insgesamt handelt es sich um ca. 1-2% des Warenwertes. Da SB-Kassen aber insgesamt wenig verbreitet sind und nur 0,02% aller Kassen in Deutschland ausmachen, spielen sie statistisch keine besonders große Rolle. Auch wenn seit der starken Inflation vermehrt auch Menschen klauen, die es vorher noch nicht gemacht haben, wie Rentner und junge Familien, stellen professionelle Diebesbanden nach wie vor das größte Problem dar. Wenn die Supermärkte ihre Preise also lediglich aufgrund des Diebstahls normaler Konsumenten an SB-Kassen erhöhen würden, wäre dies für mich beim Einkaufen nicht spürbar.
Problematische Selbstjustiz
Doch philosophisch stellt uns diese empirische Argumentation vor ein Problem. Wenn jemand Diebstahl mit dem Hinweis auf seine statistische Irrelevanz für die Preisbildung legitimiert und in der Folge mehr Menschen Ladendiebstahl begehen, kommt es möglicherweise doch zu einer statistisch signifikanten Preissteigerung. Das Argument scheitert genau dort, wo Kant ansetzt: Es lässt sich nicht universalisieren, ohne sich selbst zu untergraben.
Und noch eine zweite Maxime wird durch solches Handeln verletzt. Wer eigenmächtig aus den genannten Gründen das Gesetz bricht, übt Selbstjustiz. Wenn aber alle Menschen sich nur an jene Gesetze halten würden, die sie fair und nachvollziehbar finden, dann würde unser Rechtssystem zusammenbrechen. Und hier sind wir wieder am Beginn: Case closed – jetzt aber wirklich, oder? Noch nicht ganz.
Denn in der Zwischenzeit ist die Frage, ob das Nicht-Einscannen an SB-Kassen moralisch verwerflich ist, zu meinem Lieblings-Smalltalk-Thema geworden. Bei einem dieser Gespräche werde ich mit der Klassenfrage konfrontiert. So scheint es keineswegs so zu sein, dass nur arme Menschen bei bestimmten Fragen mogeln. Wohlhabende Menschen vergessen zwar seltener, den Blumenkohl an der Kasse einzuscannen, aber häufiger, dass das private Essen mit Freunden kein Geschäftsessen war. Während Steuerhinterziehung gemeinhin noch als Kavaliersdelikt gilt und weit verbreitet ist, haftet dem Diebstahl der Geruch des Prekariats an. Insofern ist es vielleicht auch ein Anzeichen meiner eigenen klassistischen Vorurteile, wenn ich auf die eingangs genannte Situation empörter reagiere als auf die Nachricht, dass Bekannte ihre Putzkraft schwarz bezahlen.
Graubereich legitimen Handelns
Dem Sozialstaat entgehen laut Berechnungen des EHI Retail Institute aufgrund der fehlenden Mehrwertsteuer jährlich 560 Millionen Euro durch unehrliche Kundschaft. Durch Steuerhinterziehung verliert er Schätzungen zufolge 100 Milliarden Euro. Um das in ein Verhältnis zu setzen: Wenn der Verlust durch Diebstahl die Körpergröße eines Menschen ausmacht, würde der Verlust durch Steuerbetrug sogar die Höhe der Zugspitze noch übersteigen. In einer Gesellschaft, in der Reichtum wie Armut zu großen Teilen vererbt werden, erscheint es makaber, ausgerechnet bei den Erschleichungen der Armen genau hinzuschauen und auf Regeltreue zu pochen.
Doch Kant verschwindet damit nicht von der Bildfläche. Gänzlich moralisch unproblematisch ist der Diebstahl an der Selbstbedienungskasse sicher nicht. Vielleicht lehrt uns die Auseinandersetzung jedoch, dass es Handlungen gibt, die zwar gegen moralische Intuitionen verstoßen, sich aber dennoch innerhalb eines Graubereichs legitimen Handelns bewegen. Mindestens aber zeigt der Fall, dass sich hinter scheinbar banalen Alltagsentscheidungen komplexe Fragen der Gerechtigkeit verbergen. Auch wenn es auf diese – wie so oft in der Philosophie – keine letzten Antworten gibt, bleibt zumindest eines: ein gutes Smalltalk-Thema, das auf der nächsten Party souverän das Eis bricht. •
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