Fundstück

Stoa for Future

Lucius Annaeus Seneca veröffentlicht am 2 min

Verlieren Umweltaktivisten ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie sich hin und wieder umweltschädlich verhalten? Schon Seneca wusste, dass man kein Engel sein muss, um Gutes zu tun.

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7 min

Augenblick, verweile

Svenja Flasspoehler

Dieser Augenblick: Schon vorbei. Das moderne Leben: ein Wettrennen. Umso größer ist das Verlangen, die Zeit anzuhalten. Präsent zu sein, die Welt wieder zu spüren. Kein Wunder, dass buddhistisch inspirierte Achtsamkeitspraktiken derzeit boomen. Meditierend kommt das Selbst zu sich, wird empfänglich für die Schönheit des Hier und Jetzt. Aber was genau bedeutet es eigentlich, ganz und gar im Moment aufzugehen? Bedarf es, um den Augenblick zu genießen, vollendeter Passivität oder eher gezielter Aktivität? Streben wir nach Kontemplation oder vielmehr Ekstase? Denker von Augustinus bis Husserl argumentieren, dass die Erfahrung des reinen Augenblicks für uns eine Illusion bleiben muss. Haben sie recht? Und wenn ja, was bedeutet das für den Traum von der absoluten Gegenwart?

Aber nicht nur philosophisch ist die Sehnsucht nach totaler Präsenz problematisch. Was wird aus unserer Zukunft, wenn jeder nur ans Heute denkt? Trägt der neue Achtsamkeitskult ein reaktionäres, gar narzisstisches Moment in sich? Oder wäre es gerade die wache Sorge um jeden einzelnen Augenblick, der einen nachhaltigen Weg ins Morgen weist?


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7 min

Die sichtbare Hand des Marktes

Nils Markwardt

Es war keine utopische Spukgeschichte: Als Karl Marx und Friedrich Engels in ihrem 1848 erschienenen Manifest jenes „Gespenst des Kommunismus“ beschworen, das Kapitalisten in Enteignungsangst versetzen sollte, war das für sie vielmehr eine realistische Zukunftsprognose. Denn Marx und Engels legten großen Wert darauf, dass es sich im Kontrast zu ihren frühsozialistischen Vorläufern hier nicht um politische Fantasterei, sondern eine geschichtsphilosophisch gut abgesicherte Diagnose handle: Der Weltgeist sieht rot.

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7 min

Gibt es einen guten Tod?

Svenja Flasspoehler

Gibt es einen guten Tod? Kein Mensch entgeht dieser Frage. Für die meisten bleibt sie mit Angst behaftet. In den aktuellen Debatten zur Sterbehilfe wird über den guten Tod vor allem im Sinne des guten Sterbens und damit reiner Machbarkeitserwägungen verhandelt. Wo liegen unvertretbare Leidensgrenzen? Hat der Mensch das Recht, selbst über sein Ende zu bestimmen? Gibt es den wahrhaft frei gewählten Suizid überhaupt? Ein Essay von Svenja Flaßpöhler.

Gibt es einen guten Tod?

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14 min

Nudges - Manipuliert in ein besseres Leben?

Adrien Barton

Auf Zigarettenschachteln, in Selbstbedienungsläden und Krankenhäusern – sogenannte „Nudges“ sind überall. Was sollen wir halten von diesen „Anstupsern“, die uns dazu bewegen wollen, Gutes zu tun? Clevere Entmündigung oder gesellschaftsrettender Kniff ? Fachmännisch seziert der Philosoph Adrien Barton sechs dieser Manipulationstechniken und wägt Vor- und Nachteile ab.


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7 min

Familie - Zuflucht oder Zumutung?

Wolfram Eilenberger

Der Herd ist noch an. Es fehlen einige Gabeln sowie Tante Barbara, die wieder „im Stau“ steckt. Egal. Anfangen, „bevor das Essen kalt wird“, mahnt meine Mutter wie jedes Jahr. Vor allem aber: „Langsam essen!“ Vater hat derweil schon den zweiten Bissen im Mund. Der Neffe spielt unter der Tischplatte auf seinem Smartphone. Meine Schwester versetzt ihm dezent einen Tritt. Der Schwager zischt: „Lass ihn doch einfach!“ Dass die Flüchtlingskrise als Thema tabu ist, hatten wir im Vorfeld per Rundmail zwar ausdrücklich vereinbart, aber was interessiert das schon Onkel Ernst? Denn erstens hat er kein Internet und zweitens kein anderes Thema. Ein verzweifelter Blick auf die Uhr. Und zur Gattin. Noch 22 Stunden und 34 Minuten, bis der Zug zurück nach Hause fährt. Durchhalten. Frieden wahren. Schließlich ist heute Weihnachten. Und das hier meine Familie.


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6 min

Soldaten des Gleichmuts

Gelassenheit, das klingt nach meditativem Lotossitz, lächelnder Sanftmut und idyllischer Friedfertigkeit. Und es stimmt ja auch: Insofern es Menschen hilft, ihr Stresslevel mittels Yoga runterzupegeln oder durch Zen-Übungen vom Arbeitsalltag abzuschalten, wäre es falsch, den gegenwärtigen Gelassenheitshype lediglich als esoterische Wohlstandsverwahrlosung der Manufactum-Mittelschicht zu verbuchen. Dennoch sollte das nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Gelassenheitsdenken auch eine dunkle Seite besitzt. Denn ganz gleich, ob man es aus seinen westlichen Wurzeln, der Stoa, oder seinen östlichen Wurzeln, allen voran dem Buddhismus, herleitet: Stets birgt dieses Denken eine Ethik, die sich buchstäblich brutal auslegen lässt. Oder zugespitzter gesagt: Gelassenheit kann auch die Grundstimmung von fanatischen Kriegern, totalitären Ideologen oder skrupellosen Turbokapitalisten sein.

Soldaten des Gleichmuts

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4 min

Elite, das heißt zu Deutsch: „Auslese“

Svenja Flasspoehler

Zur Elite zählen nur die Besten. Die, die über sich selbst hinausgehen, ihre einzigartige Persönlichkeit durch unnachgiebige Anstrengung entwickeln und die Massen vor populistischer Verführung schützen. So zumindest meinte der spanische Philosoph José Ortega y Gasset (1883–1955) nur wenige Jahre vor der Machtübernahme Adolf Hitlers. In seinem 1929 erschienenen Hauptwerk „Der Aufstand der Massen“ entwarf der Denker das Ideal einer führungsstarken Elite, die ihren Ursprung nicht in einer höheren Herkunft findet, sondern sich allein durch Leistung hervorbringt und die Fähigkeit besitzt, die Gefahren der kommunikationsbedingten „Vermassung“ zu bannen. Ortega y Gasset, so viel ist klar, glaubte nicht an die Masse. Glaubte nicht an die revolutionäre Kraft des Proletariats – und wusste dabei die philosophische Tradition von Platon bis Nietzsche klar hinter sich. Woran er allein glaubte, war eine exzellente Minderheit, die den Massenmenschen in seiner Durchschnittlichkeit, seiner Intoleranz, seinem Opportunismus, seiner inneren Schwäche klug zu führen versteht.


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Big data vs. freies Leben: Wie berechenbar sind wir?

Wolfram Eilenberger

Niemals wissen oder auch nur ahnen zu können, was er als Nächstes sagen würde, das war es, was die Schriftstellerin Virginia Woolf an ihrem Gatten Leonard ganz besonders schätzte. Selbst nach vielen Jahren des Zusammenlebens war er ihr am Frühstückstisch ein Quell unabsehbarer Einfälle und Thesen. Nur so, nur deshalb konnte sie ihn wahrhaft lieben. Wenn ich mir selbst – und anderen – erklären muss, was ich an einer Welt, in der sich das Verhalten jedes Menschen zu jeden Zeitpunkt im Prinzip treffsicher prognostizieren ließe, so schrecklich fände, kommt mir immer diese kleine Anekdote in den Sinn. Denn jeder spürt sofort, sie trifft eine tiefe Wahrheit über unser aller Dasein.