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Bild: © Tatiana Tribunalova

Gespräch

Tupoka Ogette: „Ich habe alles versucht, um die DDR-Herkunft schnellstmöglich ‚loszuwerden‘“

Tupoka Ogette , im Interview mit Arlene Güthenke veröffentlicht am 12 März 2026 7 min

In Ihrem neu erschienenen Buch Trotzdem zuhause erzählt die Autorin Tupoka Ogette von Ihrer Kindheit in der DDR, der Flucht sowie Gewalt- und Rassismuserfahrungen. Ein Gespräch über Zugehörigkeit, die Identität im Dazwischen und die Last, stets als anders wahrgenommen zu werden.

 

Frau Ogette, Ihr Memoir Trotzdem zuhause unterscheidet sich inhaltlich und stilistisch von den Sachbüchern, die Sie bisher veröffentlicht haben, wie etwa exit RACISM: rassismuskritisch denken lernen und Und jetzt Du. Tag für Tag aktiv gegen Rassismus sowie Ein rassismuskritisches Alphabet. Wie war es für Sie, ein so persönliches Buch zu schreiben? 

Diese Idee trage ich schon lange mit mir herum und ich habe diesbezüglich viel mit mir gehadert. In meinem Beruf als Vermittlerin für Rassismuskritik und in meinen anderen Büchern bin ich die, die erklärt. In dieser Erklärungsfunktion muss ich immer in die Position der anderen rein, also immer antizipieren: Was sagt die weiße Person jetzt als nächstes? Was könnte sie denken? Wo kommt die Abwehr? Deswegen musste ich erst einmal zu dem Punkt kommen, dass ich ein Buch über mich schreiben kann. Ich glaube, das liegt teilweise an der weiblichen Sozialisierung, aber auch daran, dass wir als Schwarze Personen oft eher Objekt der Betrachtung sind und selten Subjekt – auch in der Literatur. Mir anzueignen, dass es okay ist, ein Buch über mich zu schreiben, hat eine ganze Weile gedauert. Der Prozess des Schreibens an sich brauchte auch seine Zeit, da ich über persönliche Erlebnisse und Gedanken schreibe, in die ich mich erneut hineinbegeben habe. Daher kann ich ganz klar sagen, dass das Schreiben von Trotzdem zuhause der anstrengendste, herausforderndste, schwierigste, aber auch der schönste Schreibprozess war, den ich bis jetzt hatte. 

Der Titel Ihres Buches lautet Trotzdem zuhause. Was beinhaltet dieses „trotzdem“? 

Die Titelsuche kann lang sein – so war es bei mir mit diesem Buch. Anfangs hatte ich die Überlegung, den Begriff der Heimat in den Titel aufzunehmen. Doch „Heimat“ ist ein sehr belegter Begriff. Und dann war der Titel lange Vielleicht zuhause. Im Gespräch mit meiner Mutter habe ich aber festgestellt, dass ich gar nicht die Frage aufmachen möchte, ob ich zuhause bin. Natürlich bin ich das. Zuhause denke ich nicht zwangsläufig national. Es ist lokal. Ich bin zuhause in meinem Kiez, in meiner Wohnung. Aber auch in meiner Familie, in Begegnungen. Gerüche können ein Gefühl von Zuhause auslösen oder bestimmte Musik. Aber zuhause ist auch ein Ort oder ein Raum oder eben auch ein Gefühl, welches für mich Ambivalenz in sich trägt. Es ist etwas, was im Laufe meines Lebens immer wieder definiert, erarbeitet oder auch erkämpft werden musste. Darum habe ich mich für das „trotzdem“ entschieden, denn es hat etwas Widerständiges. Man ist zuhause. Aber eben trotzdem.  

Sie schreiben, dass Sie an einem „Zwischenort“ Ihren Platz gefunden haben, „im Widerspruch und im Widerstand; in der Vereinigung und in der Verbindung“. Das erinnert an Frantz Fanons Auffassung von Schwarzer Identität als inneren Konfliktraum zwischen Anpassung und Widerstand. Wie sieht Ihr Zwischenort aus?

Fanon war auf jeden Fall jemand, den ich intensiv gelesen habe – vor allem in der Phase meines Lebens, in der ich am stärksten mit Identitätsfragen beschäftigt war. Und deswegen kann ich mit dem Gedanken sehr viel anfangen. Mein Dazwischen versuche ich in dem Buch mit einer Brücke oder einem Sattelpunkt zu beschreiben. Zum einen ist dieser Sattelpunkt sehr unscheinbar, zum anderen kumuliert in ihm alles. Es herrscht eine Gleichzeitigkeit von Kraft und Fragilität. So fühlt sich die Suche nach Identität in vielen Momenten an – nicht nur auf das Schwarzsein bezogen, sondern auch auf das Frausein; darauf, in einem Land geboren zu sein, das es nicht mehr gibt; auf die Tatsache, eine dicke Frau zu sein. Die Identitätssuche kann anstrengend sein und sich manchmal einsam anfühlen. Gleichzeitig ist es ein spannender Ort, einer mit Zugang zu vielen verschiedenen Perspektiven, ein Ort der Bewegung, der Resilienz, des Abenteuers, der Freude. Manchmal beneide ich Menschen, die diese Auseinandersetzung nicht haben. Aber das ist nur von kurzer Dauer. Denn eigentlich bin ich inzwischen zufrieden mit meinem Zuhause im Dazwischen.

In welcher Hinsicht kann sich die Identitätssuche einsam anfühlen?

In der Mitte der Brücke zu leben, bedeutet, immer wieder auf der Suche zu sein. Nicht ganz hier und nicht ganz dort zu sein. Das macht es schwer, Räume zu finden, in denen man sich wirklich zugehörig findet. Wenn dazu noch eine Sprachlosigkeit über diesen Zustand kommt, kann sich das manchmal auch einsam anfühlen. Im Laufe des Lebens lernt man dann andere Menschen kennen, denen es ähnlich geht. Man lernt, dass Zugehörigkeit nicht bedeutet, dass man in allem gleich sein muss wie die Anderen. Und vor allem lernt man, dass man nicht mehr bereit ist, einen zu hohen Preis für diese Zugehörigkeit zu zahlen.

Der Wunsch nach Zugehörigkeit findet sich auch in Ihrem Buch, Sie kommen hierbei unter anderem auf das Pionierhalstuch zu sprechen. 

Das Pioniertuch hatte für mich keinerlei politische Wertigkeit. Ich versprach mir damit Zugehörigkeit. Ich lebte in einer Diktatur, in der Vereinheitlichung, Anpassung ans Kollektiv und Konformität extrem wichtig war. Gleichzeitig stach ich als Schwarzes Mädchen ständig optisch hervor und wurde wahrgenommen als „die Andere“. Ich habe mir sehnlichst gewünscht, auch einmal in einer Masse unterzugehen. Das Pioniertuch schien eine Möglichkeit dafür.

Sie waren acht Jahre alt, als Sie mit ihrer Familie von Leipzig nach Westberlin geflüchtet sind. Nach Ihrer Flucht in die BRD, so schreiben Sie, waren Sie eine „Ausländerin im doppelten Sinne“. Inwiefern?

Wir kamen in ein Land, das uns eigentlich bekannt sein sollte. Es war die gleiche Sprache, es war beides eine Art Deutschland, es war nur einen Steinwurf entfernt. Und dennoch war vieles anders. U-Bahn fahren, Geld abheben. Läden waren anders, es roch anders. Und ich war immer noch Schwarz. Und auch im Westberlin der 90er Jahre war man als Schwarzer Mensch „die Andere“. Ich war ein Schwarzes Kind aus der DDR. Das ging in viele Köpfe nicht rein. Deshalb habe ich auch alles versucht, um diese DDR-Herkunft schnellstmöglich „loszuwerden“.  Es hinter mir zu lassen, genau wie meine Mutter auch.

Ein anderes zentrales Thema in Ihrem Buch ist sexualisierte Gewalt, worüber Sie offen schreiben. Was war Ihnen dabei besonders wichtig – für sich selbst und für die Lesenden?

Beim Schreiben war es mir wichtig zu zentrieren, was sexualisierte Gewalt mit mir gemacht hat, erst als Kind und dann als junge Frau. Also habe ich den Männern, von denen die Gewalt ausging durch stilistische Mittel den Raum genommen. Mindestens genauso wichtig war es mir, dass Menschen, die diese Form von Gewalt erfahren haben, nicht retraumatisiert werden. Es gibt Formate, die etwas Voyeuristisches haben: wo Gewalt erzählt wird, allein der Gewalt wegen. Das wollte ich auf keinen Fall. Darum habe ich wenig explizite Situationen in mein Buch aufgenommen. Ich hoffe sehr, dass es mir gelungen ist, gleichzeitig Überlebende sexualisierter Gewalt mitzudenken und trotzdem die Schwere des Erlebten darzustellen. Es war eine große Aufgabe, diese beiden Anliegen zu navigieren. Ich habe mich beim Schreiben inspirieren lassen von Autor*innen, denen das gelungen ist. Vor allem Roxane Gay in ihrem Memoir Hunger.

Sie waren Schülerin, als Sie das erste Mal Mutter wurden; dreißig, als Ihr zweiter Sohn zur Welt kam. Mit welchen gesellschaftlichen Reaktionen wurden Sie jeweils konfrontiert?

Ich bin zweimal in zwei grundverschiedenen Kontexten Mutter geworden: Als ich zum ersten Mal Mutter wurde, war ich nicht nur in einer sehr schwierigen Beziehung, sondern auch noch Schülerin. Mit dreißig habe ich mein zweites Kind bekommen, was eine ganz andere Erfahrung war. Gesellschaftlich kamen in beiden Fällen sehr verschiedene Reaktionen. Als ich als Schülerin Mutter wurde, gab es wenige unterstützende Strukturen für junge Mütter – und ich befürchte, es ist heute immer noch so. Institutionell gesehen ist mir in dieser Zeit sehr viel Ablehnung, Vorverurteilung, Rassismus, Sexismus und Adultismus widerfahren. Die Unterstützung, die ich bekommen habe, kam von meiner Mutter, meinen Großeltern und von Mitschüler*innen. Zwölf Jahre später, als mein zweiter Sohn zur Welt kam, war die Situation eine völlig andere. Ich lebte in Frankreich, verdiente gut und war gesellschaftlich an einem ganz anderen Punkt. 

Worin hat sich die institutionelle Diskriminierung, die Sie als junge Mutter erlebt haben, geäußert?

Als Schwarze junge Mutter war die Zuschreibung eine Gemengelage aus Klassismus und Rassismus. Die Annahme von Seiten der Behörden oder Institutionen war, dass ich ein Risikofall sei, bestimmt vernachlässigt. Oder es fand eine Art rassistische Hypersexualisierung statt. Eine Lehrerin von mir sagte vor meiner Klasse über meine Schwangerschaft „Die N… sind so. Die kriegen halt früh viele Kinder“. Sobald meine Mutter, die weiß und Akademikerin ist, dann in Erscheinung trat, veränderte sich dieser Blick sofort. Dann gab es direkt mehr Wohlwollen und mehr Unterstützung - wenn auch nur in einem geringen Maße.

Warum haben Sie sich dazu entschieden, in Ihrem Buch „lediglich“ die ersten 30 Jahre Ihres Lebens zu thematisieren

Trotzdem zuhause hört da auf, wo für mich durch meine Arbeit als Vermittlerin für Rassismuskritik ein ganz neuer Lebensabschnitt begonnen hat. Das Memoir erzählt mein Leben davor, welches dann darin mündete, dass ich Vermittlerin für Rassismuskritik wurde. Wenn man exit RACISM: rassismuskritisch denken lernen gelesen hat, fällt einem vielleicht auf, dass dieses Buch dort anfängt, wo Trotzdem zuhause aufhört: mit einer Situation auf dem Spielplatz. Das ist gewissermaßen der Kreis, der sich dort schließt. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass ich Zeit brauche, bevor ich etwas aufschreiben kann: Es muss ein gewisses Maß an gelebtem Leben geben, bevor ich dieses dann zu Papier bringen kann. Ich brauche den nötigen Abstand, um gut auf mich oder bestimmte Situationen zurückzublicken. Wer weiß. Vielleicht schreibe ich in zwanzig Jahren noch ein autobiografisches Buch. Oder noch besser: einen Roman. •


Tupoka Ogette ist Vermittlerin für Rassismus und Bestseller-Autorin. Ihr Memoir „Trotzdem zuhause“ ist am 25. Februar 2026 beim Penguin Verlag erschienen. 


Tupoka Ogette
Trotzdem zuhause — Memoir
Penguin Verlag, 256 S., 23 €

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