Wohin steuert Europa?
Geopolitische Umbrüche setzen Europa unter Druck. Wohin steuert der Kontinent, der nach 1945 im „Nie wieder!“ vereint war? Auf dem Berliner Philosophie- Festival Philo.live! diskutierten Peter Sloterdijk und Daniel Cohn-Bendit über die Zukunft Europas. Beide wurden unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg geboren. Lässt sich aus der Tiefe der Vergangenheit die Kraft ziehen, um den neuen Herausforderungen zu begegnen?
Wolfram Eilenberger: Herr Sloterdijk, unsere Veranstaltung trägt den Titel: Wohin steuert Europa? Man könnte, ausgehend von Ihren Analysen, sagen, das sei sogar noch viel zu positiv gefasst, und man sollte besser fragen: Wohin treibt Europa? Ist „Steuern“ überhaupt derzeit der richtige Begriff für das, was auf diesem Kontinent geschieht?
Peter Sloterdijk: Ich glaube, über Europa muss man ganz anders reden. Es ist zunächst von seiner aktuellen geschichtlichen Verfassung her etwas wie ein Katastrophenschattengewächs. Es ist das, was übrig geblieben ist, nachdem zehn oder zwölf nationale Versuche der Imperiumbildung auf europäischem Boden gescheitert sind. Es handelt sich um ein Gewächs, das sehr vorsichtig angepflanzt worden ist, durch eine Reihe von katholischen Staatsmännern zwischen Italien, Deutschland und Frankreich. In erster Linie waren das meistens ältere Herren, die ihrerseits noch so etwas wie ein tragisches Bewusstsein mitgebracht haben, das auch zu den ursprünglichen Mitgiften der Europäischen Union gehört hat. Wenn man heute sagen sollte, wohin Europa driftet, dann auf jeden Fall in eine Richtung, in der diese Mitgift des tragischen Bewusstseins sich allmählich verdünnt. Und ich glaube, von dieser relativen Enterbung in Bezug auf das tragische Bewusstsein müsste man auch sprechen, wenn man über das heutige Europa sich verständigen will.
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