Der letzte Moment
Ungeduldige Menschen wähnen sich immer schon zu spät und geraten deshalb leicht in Rage. Auch unsere Kolumnistin Millay Hyatt zählte lange zu ihnen. Bis sie lernte, die Zeit zu dehnen.
Der Urgrund für meine Ungeduld ist mein jüngerer Bruder. Er ist sehr, sehr langsam. Er nimmt sich nicht nur außerordentlich viel Zeit, etwas zu erzählen oder sich zu organisieren, er bleibt auch stur in seinem Tempo, egal, wie eilig es andere haben. Die Hitze, die sich unverzüglich in meinem Körper ausbreitete, wenn er in unserer Kindheit noch im Schlafanzug auf dem Sofa herumlümmelte, während wir schon längst hätten zum Sommerfest aufbrechen sollen, wurde zum eingefleischten Muster für meine Reaktion auf alles und alle, die langsamer waren als ich: Flammen loderten in mir auf, als wäre ich aus Stroh, ich feuerte verbal Pfeile ab, die meinem Gegenüber schleunigst Beine machen sollten. Es hat etwas Lustvolles, diese Hitze, es gab mir ein Gefühl der Überlegenheit. Geduld war etwas für duldsame Frauen, die sich still ihrem Schicksal fügten. Mit dem Erwachsenwerden lernte ich, in vielen Situationen die Pfeile im Köcher zu lassen, aber bei arg ausführlichen Redebeiträgen oder in Supermarktschlangen konnte es immer noch ähnlich in mir kochen.
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