Jung. Christlich. Reaktionär?
Unter jungen Menschen in Deutschland und Europa scheint der christliche Glaube im Trend zu liegen. Bei einigen verbindet sich die Religion mit kulturkonservativen Vorstellungen weiblicher Keuschheit und teilweise auch mit rechtsextremistischem Denken. Eine Spurensuche nach den vielfältigen Gründen der neuen Religionsbegeisterung.
Das Leben in den 20ern unseres Jahrhunderts stellt eine Dauerüberforderung dar. Vielfach ineinander verschachtelte Krisen der Wirtschaft, des Klimas, der Demokratie sowie Kriege und ein geopolitisches Beben, das der Zukunft als kollektivem Vorstellungsraum eine zunehmend düstere Färbung verleiht, lassen Menschen nach geistigen Ankerplätzen suchen.
Die Märkte eindeutiger Sinn- und Verortungsangebote werden dabei nicht zuletzt von jüngeren Menschen, den Mitgliedern der sogenannten Generation Z, in zunehmend höherer Zahl frequentiert. Während ein Teil der westlichen Jugend, in Kufijas gewandet, den Antizionismus als erbauliche Ersatzreligion für sich entdeckt hat, erleben auch die klassischen Glaubenssysteme, und nicht zuletzt das Christentum, ein sichtbares Revival. Die Religion ist auch „der Seufzer der bedrängten Kreatur“, wie Karl Marx ehedem konstatierte.
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Das Beben von Lissabon – Wie das christliche Weltbild ins Wanken geriet
Am 1. November 1755 legte ein Erdbeben nicht nur Lissabon in Trümmer, sondern erschütterte auch das Glaubensgebäude Europas bis in die Grundfesten. Kant und Voltaire stellten Gottes Güte infrage, eine religiöse Krise entbrannte, und Wissenschaft sowie Säkularismus gewannen an Boden.
Wie schaffen wir das?
Eine Million Flüchtlinge warten derzeit in erzwungener Passivität auf ihre Verfahren, auf ein Weiter, auf eine Zukunft. Die Tristheit und Unübersichtlichkeit dieser Situation lässt uns in defensiver Manier von einer „Flüchtlingskrise“ sprechen. Der Begriff der Krise, aus dem Griechischen stammend, bezeichnet den Höhepunkt einer gefährlichen Lage mit offenem Ausgang – und so steckt in ihm auch die Möglichkeit zur positiven Wendung. Sind die größtenteils jungen Menschen, die hier ein neues Leben beginnen, nicht in der Tat auch ein Glücksfall für unsere hilf los überalterte Gesellschaft? Anstatt weiter angstvoll zu fragen, ob wir es schaffen, könnte es in einer zukunftszugewandten Debatte vielmehr darum gehen, wie wir es schaffen. Was ist der Schlüssel für gelungene Integration: die Sprache, die Arbeit, ein neues Zuhause? Wie können wir die Menschen, die zu uns gekommen sind, einbinden in die Gestaltung unseres Zusammenlebens? In welcher Weise werden wir uns gegenseitig ändern, formen, inspirieren? Was müssen wir, was die Aufgenommenen leisten? Wie lässt sich Neid auf jene verhindern, die unsere Hilfe derzeit noch brauchen? Und wo liegen die Grenzen der Toleranz? Mit Impulsen von Rupert Neudeck, Rainer Forst, Souleymane Bachir Diagne, Susan Neiman, Robert Pfaller, Lamya Kaddor, Harald Welzer, Claus Leggewie und Fritz Breithaupt.
Ewiger Schlaf durch logischen Fehlschluss?
Das Klischee der jungen Partygeneration verblasst. Auf den eigenen Schlaf zu achten, wird jungen Menschen immer wichtiger, sie gehen immer früher ins Bett. Doch wie früh ist früh genug?
Grün-christliche Wokeness – die neue Sklavenmoral?
Soeben ist das Buch Christentum ohne Christenheit von Norbert Bolz erschienen. Für den Theologen Hartmut von Sass steckt in dem Buch vor allem Ressentiment, aber keine plausible Vorstellung davon, was Glaube heute heißen kann.
Wer sind "Wir"?
Als Angela Merkel den Satz „Wir schaffen das!“ aussprach, tat sie dies, um die Deutschen zu einer anpackenden Willkommenskultur zu motivieren. Aber mit der Ankunft von einer Million Menschen aus einem anderen Kulturkreis stellt sich auch eine für Deutschland besonders heikle Frage: Wer sind wir eigentlich? Und vor allem: Wer wollen wir sein? Hört man genau hin, zeigt sich das kleine Wörtchen „wir“ als eine Art Monade, in der sich zentrale Motive zukünftigen Handelns spiegeln. Wir, die geistigen Kinder Kants, Goethes und Humboldts. Wir, die historisch tragisch verspätete Nation. Wir, das Tätervolk des Nationalsozialismus. Wir, die Wiedervereinigten einer friedlichen Revolution. Wir, die europäische Nation? Wo liegt der Kern künftiger Selbstbeschreibung und damit auch der Kern eines Integrationsideals? Taugt der Fundus deutscher Geschichte für eine robuste, reibungsfähige Leitkultur? Oder legt er nicht viel eher einen multikulturellen Ansatz nahe? Offene Fragen, die wir alle gemeinsam zu beantworten haben. Nur das eigentliche Ziel der Anstrengung lässt sich bereits klar benennen. Worin anders könnte es liegen, als dass mit diesem „wir“ dereinst auch ganz selbstverständlich „die anderen“ mitgemeint wären, und dieses kleine Wort also selbst im Munde führen wollten. Mit Impulsen von Gunter Gebauer, Tilman Borsche, Heinz Wismann, Barbara Vinken, Hans Ulrich Gumbrecht, Heinz Bude, Michael Hampe, Julian Nida-Rümelin, Paolo Flores d’Arcais.
Querdenker: Die reaktionäre Multitude?
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Trigger Transgender
Weniges reizt die Gemüter so sehr wie das Thema Trans. Oft schlagen die Aggressionen in handfeste Gewalt um. Sie richtet sich gegen Menschen, die sich nicht mit jenem Geschlecht identifizieren, das in ihrer Geburtsurkunde steht. Aber woher rührt die Ablehnung, woher kommt der Hass? Welche Rolle spielen dabei unsere Vorstellungen von Normalität? Eine Spurensuche in Schottland.
Relationship Minimalism: Ist im Sozialleben weniger mehr?
Besonders unter jungen Menschen liegt der sogenannte Beziehungsminimalismus im Trend: Man will möglichst wenige, aber dafür wertvolle Kontakte pflegen. Obschon dem ein guter Gedanke innewohnt, birgt das eine doppelte Gefahr.