Mehr Müßiggang wagen?
Für viele Menschen prägt Arbeit das Leben und auch ihr Selbstverständnis. Wie würden sich der Einzelne und die Gesellschaft verändern, wenn sie eine geringere Rolle spielte? Denkanstöße finden sich in der Philosophiegeschichte.
Sollten wir weniger arbeiten?
Paul Lafargue
1842–1911
Ja, es sollte verboten werden, mehr als drei Stunden am Tag zu arbeiten
Es befremdet Sie, dass sich Ihre Mitmenschen den ganzen Tag anstrengen? Warum, so fragen Sie sich, wollen diese Getriebenen am laufenden Band neue Projekte und Produkte in die Welt setzen, wenn es doch schon ein Überangebot an allem gibt? Diese Geschäftigkeit kommt Ihnen ungesund, hässlich und nutzlos vor? Paul Lafargue, der ideologisch abtrünnige Schwiegersohn von Karl Marx, würde Ihnen beipflichten. Schon die Arbeiter seiner Zeit sah er – nicht zuletzt infolge einer Indoktrination durch das Christentum, die Ökonomen und die bürgerlichen Moralprediger – von einer „morbiden, leidenschaftlichen Arbeitssucht“ befallen. Diese perverse Arbeitsliebe sei der Ursprung allen Übels: Die Menschen arbeiten bis zur völligen Erschöpfung und ersticken ihre natürlichen Bedürfnisse und Leidenschaften. Sie mehren den Reichtum des Landes und der Kapitalisten, profitieren selbst aber nicht davon. Und sie tragen, betont Lafargue, zu einer Überproduktion von Waren bei, die zu Wirtschaftskrisen führt und die globale Erschließung von immer neuen Absatzmärkten notwendig macht. Um diesem Elend ein Ende zu setzen, fordert Lafargue die Begrenzung der Arbeitszeit auf drei Stunden täglich. Den Rest der Zeit sollten die Menschen mit Nichtstun und dem Konsum der hergestellten Produkte verbringen. Wenn Sie also lieber auf dem Sofa liegen und online shoppen als zu arbeiten, tun Sie Lafargue zufolge sich und anderen etwas Gutes: Sie befriedigen Ihre Bedürfnisse, bekämpfen Überproduktionskrisen und sind mit Ihrer Abstinenz ein gutes Beispiel für Ihre arbeitssüchtigen Mitmenschen.
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