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Bild: © Lisa Nguyen

Interview

Nicole Mayer-Ahuja: „Kurze Vollzeit müsste die neue Normalarbeitszeit werden“

Nicole Mayer-Ahuja, im Interview mit Theresa Schouwink veröffentlicht am 02 Januar 2026 9 min

Zunehmend wird die Forderung laut, dass wir mehr arbeiten sollten. Doch an der Lebenswirklichkeit der meisten Beschäftigten geht das vorbei, argumentiert die Soziologin Nicole Mayer-Ahuja. Im Interview erklärt sie, warum Arbeitszeit das „Maß der Freiheit“ ist und inwiefern der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit unsere Gesellschaft noch immer prägt.

 

Friedrich Merz sagt, dass wir „in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten“ müssen. Er bekommt viel Zuspruch von anderen Politikern und Vertretern der Wirtschaft. Wie stehen Sie zu dieser Forderung?

Ich halte das aus verschiedenen Gründen für problematisch. Wir haben in Deutschland eine Situation, in der viele Vollzeitbeschäftigte exzessiv Überstunden leisten, die nur zum Teil dokumentiert und bezahlt werden. Gegenüber diesen Beschäftigten ist die Forderung nach Mehrarbeit zynisch. Denkt Friedrich Merz dabei also womöglich an die Frauen, die in den letzten Jahren in großer Zahl erwerbstätig geworden sind, meistens in Form von Teilzeit oder Minijobs? Ich würde es richtig finden, wenn sie länger arbeiten, denn aktuell können viele von ihnen von dem, was sie verdienen, nicht ihre Existenz sichern, sondern sind von einem, in der Regel männlichen, Partner abhängig. Nach Jahrzehnten in Teilzeit landen sie oft in Altersarmut. Längere Arbeitszeiten wären da ein Fortschritt. Das Problem ist aber, dass in vielen weiblich dominierten Branchen kaum Vollzeitstellen zu finden sind, zum Beispiel im Einzelhandel oder in Reinigungsfirmen. Will man das verändern, muss man diese Arbeit ganz anders organisieren. Denn im Moment ist der Standard: kurze Arbeitszeit, die extrem verdichtet ist. Viele Beschäftigte sagen, dass dieses Leistungsniveau über einen ganzen Tag gar nicht durchzuhalten wäre. Friedrich Merz wäre mit der Forderung nach Arbeitszeitverlängerung für Frauen allerdings näher am Familienbild der ehemaligen DDR als an dem der CSU.

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Weitere Artikel

Bücher
4 min

Klassenarbeit

Ulrich Gutmair 05 September 2025

Von Statushierarchien, Lohnarbeit und dem Ideal eines vernünftigen Miteinanders: Der Philosoph Hanno Sauer, die Soziologin Nicole Mayer-Ahuja und die Schriftstellerin Heike Geißler setzen unterschiedliche Schwerpunkte in ihren Beschreibungen von Ungleichheit.

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Impulse
2 min

Zeitsouveränität: Ist Homeoffice die Lösung?

Theresa Schouwink 25 September 2020

Der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes Reiner Hoffmann plädiert dafür, das Recht auf Homeoffice gesetzlich zu verankern. Denn: Die Beschäftigten hätten einen Anspruch auf mehr „Zeitsouveränität“. Der Begriff meint die Möglichkeit, die eigene Arbeitszeit selbst zu bestimmen und einzuteilen. Es geht also darum, entscheiden zu können, wann gearbeitet wird und in welcher Reihenfolge welche Aufgaben erledigt werden. Aber ist, wer auf diese Weise arbeitet, wirklich schon Souverän seiner Zeit? 

Zeitsouveränität: Ist Homeoffice die Lösung?

Artikel
6 min

Es kam so überraschend wie verheerend.

Nils Markwardt 01 August 2020

Das Coronavirus, das die Welt Anfang 2020 erfasste und in vielen Bereichen noch immer unseren Alltag bestimmt, erzeugte vor allem eines: ein globales Gefühl der Ungewissheit. Wurde das soziale Leben in kürzester Zeit still gestellt, Geschäfte, Kinos und Bars geschlossen und demokratische Grundrechte eingeschränkt, blieb zunächst unklar, wie lange dieser pandemische Ausnahmezustand andauern würde. Und selbst jetzt, da sich das Leben wieder einigermaßen normalisiert zu haben scheint, ist die Unsicherheit nach wie vor groß: Wird es womöglich doch noch eine zweite Infektionswelle geben? Wie stark werden die wirtschaftlichen Auswirkungen des Shutdowns sein? Entwickeln sich Gesellschaften nun solidarisch weiter oder vollziehen sie vielmehr autoritären Rollback? Ganz zu schweigen von den individuellen Ungewissheiten: Kann ich im Sommer in den Urlaub fahren? Werde ich im Herbst noch Arbeit haben? Hält die Beziehung der Belastung stand? Kurzum: Selten war unsere so planungsbedürftige Zivilisation mit so viel Ungewissheit konfrontiert wie derzeit.

Es kam so überraschend wie verheerend.

Artikel
5 min

Warum machen wir nicht mehr aus unserer Freiheit?

Nils Markwardt 15 August 2018

Wir sind so frei wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Und doch fühlen wir uns oft gefangen, erdrückt von Anforderungen, getrieben durch inneren Leistungszwang. Was wäre das für ein Dasein, könnten wir es auskosten. Den Augenblick genießen, anstatt ihn zu verpassen. Aus schalen Routinen ausbrechen, weniger arbeiten, Neues wagen – im Zweifelsfall auch gegen gesellschaftlichen Widerstand. Mehr Muße, mehr Lebendigkeit, mehr Spontaneität: Warum packen wir Kairos nicht beim Schopfe, wagen den entscheidenden Schritt? Sind wir zu feige? Zu vernünftig? Zu faul? Christoph Butterwegge, Claus Dierksmeier, Nils Markwardt, Robert Pfaller, Richard David Precht und Nina Verheyen über Wege in eine freiere Existenz.

 


Gespräch
10 min

Am Abgrund der Moderne

Catherine Newmark 09 Juli 2015

Hannah Arendt hat nicht nur die totalitäre Herrschaft analysiert, sondern auch die Traditionsbrüche beschrieben, die diese ermöglichte. Traditionsbrüche, die auch in Arendts eigenem Leben und Arbeiten Spuren hinterließen – und sie sehr sensibel für jegliche Gefahren in Demokratien machten. Was können wir heute noch in der Auseinandersetzung mit Arendts Arbeiten lernen? Ein Interview mit der Gründerin des Hannah Arendt-Zentrums Antonia Grunenberg.

Am Abgrund der Moderne

Impulse
6 min

Eva Illouz: „Ressentiment ist nicht nur ein Gefühl der Schwachen und Beherrschten“

Charles Perragin 25 April 2023

In ihrem jüngst erschienen Buch Undemokratische Emotionen zeigt die Soziologin Eva Illouz, wie politische Bewegungen sich unsere Gefühle zunutze machen. Im Interview spricht sie über die Muster affektiver Politik und den Aufstieg des populistischen Nationalismus in ihrem Heimatland Israel.

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Artikel
4 min

Was weiß mein Körper?

Svenja Flasspoehler 01 April 2019

Die Frage irritiert. Was soll mein Körper schon wissen? Ist das Problem denn nicht gerade, dass er nichts weiß? Weder Vernunft noch Weisheit besitzt? Warum sonst gibt es Gesundheitsratgeber, Rückenschulen, Schmerztabletten, viel zu hohe Cholesterinwerte. Und wieso gibt es Fitness-Tracker, diese kleinen schwarzen Armbänder, die ihrem Träger haargenau anzeigen, wie viele Meter heute noch gelaufen, wie viele Kalorien noch verbrannt werden müssen oder wie viel Schlaf der Körper braucht. All das weiß dieser nämlich nicht von selbst – ja, er hat es bei Lichte betrachtet noch nie gewusst. Mag ja sein, dass man im 16. Jahrhundert von ganz allein ins Bett gegangen ist. Aber doch wohl nicht, weil der Körper damals noch wissend, sondern weil er von ruinöser Arbeit todmüde und es schlicht stockdunkel war, sobald die Sonne unterging. Wer also wollte bestreiten, dass der Körper selbst über kein Wissen verfügt und auch nie verfügt hat? Und es also vielmehr darum geht, möglichst viel Wissen über ihn zu sammeln, um ihn möglichst lang fit zu halten.


Artikel
2 min

Erinnern Sie sich noch, wie das war, damals, als Sie noch jung waren, ich meine: sehr jung?

Svenja Flasspoehler 01 November 2018

An dieses Gefühl, dass die Großen, die, die doch eigentlich Verantwortung haben und es besser wissen müssten, überhaupt nichts, gar nichts verstehen? Vollkommen ungerechtfertigt Macht über Sie besitzen? Ihr Dasein bestimmen, ohne an Ihrem Wohl tief und ernsthaft interessiert zu sein? Mit zehn unternahm ich Ausreißversuche, die in aller Regel an der nächsten Ecke endeten, mit 16 hörte ich wie die meisten meines Alters Rage against the Machine: „Fuck you, I won’t do what you tell me … Uaaaah!!!“


Artikel aus Heft Nr. 86 Februar / März Vorschau
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