Vernunft

Vom lat. ratio, „Kalkül, Berechnung“ (dt. rational). Die Vernunft ist eine Art des Denkens, die es dem menschlichen Geist erlaubt, seine Bezüge zur Realität zu organisieren. Für Aristoteles ist sie die herausragende Fähigkeit des Menschen, die ihn als zoon logikon („vernunftbegabtes Tier“) definiert. Für Descartes ist sie die Fähigkeit, „richtig zu urteilen und die Wahrheit von der Unwahrheit zu unterscheiden“, und er hält sie für „von Natur aus bei allen Menschen gleich“, gleichzusetzen mit dem „gesunden Menschenverstand“ (Abhandlung über die Methode). Für Leibniz, der in diesem Zusammenhang vom „Satz vom zureichenden Grund“ spricht, sie die notwendige Ursache für alles, was existiert. Kant definiert sie als Vermögen der Prinzipien (und nicht der Begriffe, die er für den Verstand vorsieht): sie erlaubt es, über metaphysische Ideen zu spekulieren (wie die Seele oder Gott) und die Moral zu begründen; wobei die reine Vernunft von selbst entdeckt, dass sie eine praktische Bestimmung hat. Im Zeitalter der Aufklärung wird sie als das Instrument des Fortschritts betrachtet, steht jedoch seit Beginn des 19. Jahrhunderts im Zentrum der Kritik philosophischer Debatten. Die Romantiker schätzen das Gefühl höher und halten es ihr entgegen, Nietzsche den Körper, Bergson den Geist. Im 20. Jahrhundert sind die Freudomarxisten der Frankfurter Schule der Auffassung, die Vernunft habe ihre emanzipatorischen Versprechen nicht gehalten. In politischer Hinsicht gibt es seit dem 16. Jahrhundert den Begriff der Staatsraison, der der Idee nach auf Machiavelli zurückgeht und durch den ausgedrückt werden soll, dass der Staat seine eigenen Interessen verfolgen darf; auch unter Einsatz von Mitteln, die das Recht und die Moral missbilligen.