Bruchlinien der Erfahrung – Zum Tod des Philosophen Bernhard Waldenfels
Der Philosoph Bernhard Waldenfels, der die zeitgenössische Phänomenologie maßgeblich prägte, ist am vergangenen Freitag in München gestorben. Ein Nachruf von Iris Därmann.
Unser aller Leben ist durchzogen von Spuren schmerzlicher Verluste, zumal verstorbener Menschen, die wir geliebt und geschätzt haben. Die Toten können nicht mehr auf unsere Bitten und Fragen antworten. Unsere Trauer rührt gerade auch daher, dass wir ohne Antwort bleiben müssen, wenn unsere Fragen angesichts des Todes drängender werden. Am 23. Januar 2026 ist der Philosoph Bernhard Waldenfels im Alter von 91 Jahren in München gestorben. Wir verdanken ihm eine feinnuancierte Philosophie des Antwortgeschehens, das von den Lebenden aus gedacht wird und daher die Grenzerfahrung radikaler Antwortlosigkeit mitbedenken kann.
Waldenfels, der seine Dissertation dem sokratischen Fragen gewidmet und in seiner Habilitation Das Zwischenreich des Dialogs im Anschluss an Edmund Husserl sozialphilosophisch ausgelotet hat, begegnet in einem seiner Hauptwerke mit dem Titel Antwortregister dem traditionsbeschwerten Gewicht der Frage mit dem Gegengewicht des Antwortens. Das Antworten erschöpft sich nicht in der Behebung eines Wissensmangels. Bernhard Waldenfels macht vielmehr eine „responsive Differenz“ zwischen dem „Worauf“ und dem „Was“ des Antwortens geltend. Das Antworten auf gilt einem Anspruch, in dem sich der Andere als Anderer vernehmbar macht: Die Andere spricht mich an, sie geht mich an und erhebt zugleich einen unabweisbaren Anspruch, der sich meiner Verfügung entzieht. Wir erfinden nicht, dass wir antworten, aber wir erfinden dasjenige, was wir auf den Anspruch des anderen Menschen antworten. Bernhard Waldenfels macht in der Antwort eine Radikalform der Verantwortung, ein Ethos in statu nascendi, ausfindig, das vom fremden Anspruch des anderen Menschen herrührt.
Fremdheit gehört nicht zu den zentralen Begriffen der europäischen Philosophie. Bezeichnenderweise hat die europäische Philosophie lange keine Xenologie ausgearbeitet, die der Ontologie, Ethik, Ästhetik oder Logik der Bedeutung nach gleichrangig wäre. Das sollte sich erst mit Edmund Husserls Phänomenologie der Fremderfahrung ändern. Wie niemand sonst hat Bernhard Waldenfels Husserls Grundmotiv des Fremden zu einer eigenen Philosophie ausgearbeitet. In dem von Fremdenhass und genozidaler Gewalt, von Flucht, Vertreibung, Exil und Migration bestimmten 20. Jahrhundert hat Waldenfels der Fremdheit ihr genuines Eigenrecht zurückerstattet. Er tat dies im vielstimmigen Dialog mit der französischen Gegenwartsphilosophie, mit Michel Foucault, Cornelius Castoriadis, Jean-François Lyotard und Paul Ricœur, vor allem aber mit Emmanuel Lévinas, Maurice Merleau-Ponty und Jacques Derrida, deren Denken er in Deutschland nachdrücklich bekannt gemacht hat. Das von ihm und Klaus Held an der Ruhr-Universität Bochum und der Bergischen Universität Wuppertal geleitete Graduiertenkolleg „Phänomenologie und Hermeneutik“ war zwischen 1992 und 1998 ein Ort mit internationaler Strahlkraft, an dem die Kreuzungspunkte und Rezeptionslinien der französischen und deutschsprachigen Philosophie erforscht wurden.
Waldenfels hat die Virulenz des Fremden auf den unterschiedlichen Feldern der Leiblichkeit, der Geschlechterdifferenz, der Künste, der Medien, der Geschichte, des Sozialen und des Politischen aufgezeigt und dabei seine eigene philosophische Gastfreundschaft gegenüber fremdkulturellen Ansprüchen unter Beweis gestellt. Sein grenzgängerisches Denken ist in hohem Maße interdisziplinär und korrespondiert mit den Entdeckungen der Ethnologie, der Psychoanalyse, der Kultur- und Bildwissenschaft, der Soziologie und der Pädagogik. Seine Reisetagebücher zeugen von seiner Aufmerksamkeit für das Erstaunliche und Entsetzliche, das oft in nächster Nachbarschaft statthat. Solche gebrochenen Erfahrungen bildeten vielfach Anstöße für seine mehr als dreißig Bücher, die in verschiedenen Sprachen erschienen sind. Sein Denkstil ist bestimmt durch analytische Schärfe, sprachliche, mitunter literarische Prägnanz, durch dichte philosophische Beschreibungen und ein Gespür für Ordnungen im Zwielicht, Grenzen der Normalisierung, Netze der Lebenswelt, für Modi hyperbolischer Erfahrung, für Sinnesschwellen, für Schattenrisse der Moral und für Bruchlinien der Erfahrung, um nur einige seiner Themenfelder und einprägsamen Buchtitel aufzurufen. Dort, in seinen Büchern und im Waldenfels-Archiv an der Universität Freiburg, finden wir seine, mit Nietzsche gesprochen, „erfindsamen“ Antworten auf unsere drängendsten philosophischen Fragen. •
Iris Därmann ist Professorin für Kulturtheorie und Kulturwissenschaftliche Ästhetik an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2022 wurde sie von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa ausgezeichnet. 2025 erschien ihr aktuelles Buch „Aus der Nacht heraus“ bei Matthes & Seitz.
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