Byung-Chul Han: „Wir sind in einer toxischen Wiederholung gefangen“
Das spätmoderne Individuum hält sich für freier denn je, doch ist eigentlich gefangen im Zwang zu Selbstverwirklichung und Informationsaufnahme, meint Byung-Chul Han. Der Philosoph lädt deshalb ein zu Wiederholungen, die Neues entfalten, und Ritualen, die Gemeinschaft stiften.
Herr Han, welchen Unterschied machen Sie zwischen Neuanfang und Wiederholung?
Martin Heidegger schreibt an einer Stelle: „Nur das Einmalige ist wieder-holbar. Nur es hat in sich den Grund der Notwendigkeit, daß wieder zu ihm zurückgegangen und seine Anfänglichkeit übernommen wird.“ Ich spiele jeden Tag die Aria der Goldberg Variationen Johann Sebastian Bachs auf meinem Flügel. „Flügel“ bedeutet auch Flügel des Schmetterlings. Heidegger spricht hinsichtlich des Denkens vom „Flügel des Eros“. Der Eros versieht das Denken mit Flügeln, so dass es abheben kann. So beflügelt der Eros das Denken. Ich würde sagen: Nur Dinge, die uns beflügeln, sind wiederholbar. Ich spiele die Aria der Goldberg Variationen wiederholt, weil sie mich beflügelt. Ich habe das Gefühl, dass sie meine Seele tagtäglich aufs Denken vorbereitet, indem sie sie formt und anspannt. Die Aria der Goldberg Variationen ist wiederholbar, weil sie „einmalig“ ist wie die Gebete „Pater noster“ oder „Salve Regina“. Ich finde das französische Verb „recommencer“ sehr geeignet, um jene Wiederholung des Einmaligen zu bezeichnen, da dem Verb die Bedeutung der mechanischen Wiederholung fehlt. Die Wiederholung im ursprünglichen Sinne enthält sogar die Frische des Neubeginns. Die Aria der Goldberg Variationen, die ich tagtäglich spiele, ist immer NEU und EINMALIG.
Glauben Sie, dass wir heute zu mechanisch wiederholen?
Die Wiederholung im ursprünglichen Sinne als recommencer benötigt eine intensive Aufmerksamkeit. Diese Aufmerksamkeit unterscheidet sie von der mechanischen Wiederholung. Wir können heute insofern nichts wiederholen, als wir zu der tiefen Aufmerksamkeit nicht fähig sind. Das ist auch der Grund, warum wir nicht mehr beten können. In der Informationsgesellschaft ist nichts im ursprünglichen Sinne wiederholbar, weil Informationen ein flüchtiger Reiz sind. Sie schütten ihren Reiz schnell aus und verblassen. Information als Reiz kann uns süchtig machen. Die Sucht ist eine Form von Wiederholung. Wir taumeln von einem Reiz zum anderen, von einer Sucht zur anderen, von einer Abhängigkeit zur anderen. Wir sind also in einer toxischen Wiederholung gefangen.
Sie behaupten, dass Rituale eine Gemeinschaft ohne Kommunikation schaffen, während wir heute Kommunikation ohne Gemeinschaft haben. Können Sie das näher erläutern?
Der französische Autor Michel Butor sagt in einem Interview: „Seit zehn oder zwanzig Jahren passiert beinahe nichts mehr in der Literatur. Es gibt eine Flut von Veröffentlichungen, aber einen geistigen Stillstand. Die Ursache ist eine Krise der Kommunikation. Die neuen Kommunikationsmittel sind bewundernswert, aber sie verursachen einen ungeheuren Lärm.“ Der digitale Kommunikationslärm ist sehr destruktiv. Er macht jede Wiederholung unmöglich. Er lähmt den Geist und zerstört die Seele. Wir sind heute miteinander total vernetzt, aber wir leben in einer Gesellschaft ohne Beziehung, Bindung und Berührung. Stille und Schweigen können uns mehr miteinander verbinden als die grenzenlose Kommunikation. In meinem Buch Vom Verschwinden der Rituale habe ich geschrieben, dass die Rituale symbolische Techniken der „Einhausung“ sind. Sie verwandeln das In-der-Welt-Sein in ein Zu-Hause-Sein. In seinem Roman Citadelle beschreibt Antoine de Saint-Exupéry die Rituale als Zeittechniken der Einhausung: „Und die Riten sind in der Zeit, was das Heim im Raume ist.“
Inwiefern ermöglichen Rituale die Bildung einer Gemeinschaft?
Die Gemeinschaft lässt sich mit einem Bauwerk vergleichen. Es besteht aus symbolischem Material. Das Symbol bedeutet ursprünglich das Wiedererkennungszeichen zwischen Gastfreunden. Der eine Gastfreund bricht eine Tontafel durch, behält die eine Hälfte für sich und gibt dem anderen die andere Hälfte, um sicherzustellen, dass sie später einander wiedererkennen. Wiedererkennung als Wiederholung macht das Wesen des Symbols aus. Sie befreit das Leben von der Kontingenz und Flüchtigkeit. In der Informationsgesellschaft sind wir dem Flüchtigen und Ephemeren ausgeliefert. Unmöglich ist die Einhausung, nämlich das Wohnen und Verweilen. Ohne Wohnen und Verweilen ist keine Gemeinschaft möglich. Gemeinschaft entsteht ums Lagerfeuer, indem wir uns Geschichten erzählen. Geschichte erzählen ist wiederum eine Form von Wiederholung. Geschichten sind hier keine Neuigkeiten, sondern Erzählungen, die eine Gemeinschaft begründen und stabilisieren. Die Krise der Gemeinschaft ist zugleich eine Krise der Narration. Gleichzeitig mit dem Buch Vom Verschwinden der Rituale ist das Buch Krise der Narration erschienen. Dieses Buch thematisiert die Krise der Gemeinschaft.
Traditionell wird das Ritual – sei es das Gebet, die Beschneidung, der Potlatch oder die Feuerbestattung – dem Individuum von der Gruppe auferlegt und ist somit eine Verleugnung der Freiheit. Glauben Sie, dass man sich selbst Rituale auferlegen kann, oder ist das ein Widerspruch?
Das Ritual ist ein symbolischer Akt, der eine Gemeinschaft stiftet. Deshalb kann ich mir kein Ritual auferlegen. Das Ritual hat immer eine soziale Dimension. So bedeutet Synagoge als Ort religiöser Rituale „Versammlung“. Im Zeitalter der Authentizität huldigt jeder dem Kult, dem Gottesdienst des Selbst, in dem man der Priester seiner selbst ist. Ich bin Katholik und ein gläubiger Mensch. In der Messe fühle ich mich ganz „frei“ und glücklich. Ich empfinde eine große Freude, während ich dasselbe Gebet wiederhole. Gerade schreibe ich an einem neuen Buch mit dem Titel Illusionen der Freiheit. Ich zeige in dem Buch, dass die individuelle Freiheit zum Scheitern verurteilt ist. Wir glauben, dass wir in einer Gesellschaft leben, die freier ist denn je. In jedem Lebensbereich sind die Optionen grenzenlos, dank Dating-Apps auch in der Liebe. Alles ist sofort verfügbar. Das unendliche Scrollen verspricht unbegrenzte Informationen. Soziale Medien machen eine grenzenlose Kommunikation möglich. Authentizitäts- und Kreativitätsrausch suggerieren eine wachsende individuelle Freiheit. Gleichzeitig haben wir aber ein diffuses Gefühl, dass wir in Wirklichkeit nicht frei sind. Depression und Sucht stellen die Schattenseiten des sich absolut frei wähnenden spätmodernen Individuums dar, das sich permanent dazu aufgefordert sieht, es selbst zu sein, sich selbst zu verwirklichen, ja sich selbst hervorzubringen. Die grenzenlose Freiheit, die ihm suggeriert wird, erweist sich als Illusion. Sie erzeugt Zwänge, und zwar innere Zwänge, an denen das sich frei wähnende Leistungssubjekt zerbricht. Die Selbstverwirklichung nimmt die Form einer Selbstausbeutung an. Der Knecht entreißt dem Herrn die Peitsche und peitscht sich selbst, um frei zu sein. Wir sollten diese Illusion der Freiheit durchschauen. Das deutsche Wort „frei“ stammt vom althochdeutschen „fri“ ab. Die germanische Wurzel „frijaz“, auf die „fri“ zurückgeht, bedeutet lieb, geliebt und zugeneigt. Diese ursprüngliche Bedeutung von „frei“ zeigt, dass das „Freisein“ eng mit Zugehörigkeit, Gemeinschaft und sozialer Bindung verbunden ist. Auch „frei“ und Freund haben den gleichen Ursprung. Frei zu sein heißt nichts anderes als bei Freunden und mit Freuden zu sein, mit Freuden das Leben zu teilen. Dieses Mit-Teilen hat nichts mit „posten“ oder „sharing“ zu tun. •
Weitere Artikel
Byung-Chul Han: „Die Welt hat sich ganz nach uns zu richten“
Im digitalen Zeitalter verlieren wir nicht nur den Bezug zu unseren Mitmenschen, sondern auch zu den Dingen. Der Philosoph und Kulturkritiker Byung-Chul Han im Gespräch über die zunehmende Entfremdung und beglückende Präsenzerfahrungen. Dieser Text ist zuerst bei ArtReview erschienen.
Byung-Chul Han: Sprechen über Gott
In seinem neuen Buch Sprechen über Gott denkt Byung-Chul Han mit der französischen Mystikerin Simone Weil noch einmal neu über Themen nach, die ihn seit langem beschäftigen – etwa der allgemeine Verfall der Aufmerksamkeit sowie die Bedeutung der Schönheit und des Schmerzes. Wer sich auf das Buch einlässt, erfährt Wesentliches über unsere Gegenwart und Wege, die zu Gott führen.
Traumatische Wiederholungen
Mit The Beast hat Bertrand Bonello einen surrealen und faszinierenden Film geschaffen, der vom Vorgefühl drohenden Unheils handelt – und den Versuchen, es abzuwenden.
„Wir haben die Pflicht, Sinn zu stiften“
Reinhold Messner ist einer der letzten großen Abenteurer der Gegenwart. Mit seiner Ehefrau Diane hat er ein Buch über die sinngebende Funktion des Verzichts geschrieben. Ein Gespräch über gelingendes Leben und die Frage, weshalb die menschliche Natur ohne Wildnis undenkbar ist.
Warum machen wir nicht mehr aus unserer Freiheit?
Wir sind so frei wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Und doch fühlen wir uns oft gefangen, erdrückt von Anforderungen, getrieben durch inneren Leistungszwang. Was wäre das für ein Dasein, könnten wir es auskosten. Den Augenblick genießen, anstatt ihn zu verpassen. Aus schalen Routinen ausbrechen, weniger arbeiten, Neues wagen – im Zweifelsfall auch gegen gesellschaftlichen Widerstand. Mehr Muße, mehr Lebendigkeit, mehr Spontaneität: Warum packen wir Kairos nicht beim Schopfe, wagen den entscheidenden Schritt? Sind wir zu feige? Zu vernünftig? Zu faul? Christoph Butterwegge, Claus Dierksmeier, Nils Markwardt, Robert Pfaller, Richard David Precht und Nina Verheyen über Wege in eine freiere Existenz.
Die Rückkehr des Feindes
Die neoliberale, globalisierte Gesellschaft kannte lange weder Grenzen noch Feinde. Das Coronavirus führt nun zu einer schockartigen Immunreaktion. Ein Impuls von Byung-Chul Han.
Das falsche Versprechen der Arbeit
Wer seinen Lebenssinn in der Arbeit sucht, gibt sich damit bereits als Sklave unseres Zeitalters zu erkennen. Gefordert ist vielmehr ein radikaler Bruch mit der herrschenden Leistungslogik. Für Byung-Chul Han liegt er in einer Besinnung auf die göttliche Zeit des Feierns und Spielens. Ein Appell
Andreas Reckwitz im Gespräch: Folge 2 – Über die spätmoderne Gesellschaft sprechen
In seinem neuen Podcast Andreas Reckwitz im Gespräch: Die Gesellschaft der Singularitäten erläutert der Soziologe im Dialog mit unserem Redakteur Dominik Erhard auf anschauliche Weise, warum in unserer Gegenwart das Besondere prämiert und das Allgemeine abgewertet wird. Am 28. Januar erschien die 2. Folge mit dem Titel: Über die spätmoderne Gesellschaft sprechen.