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Bild: © Kairos-Film

Porträt

Glück und Eigensinn

Fabian Bernhardt veröffentlicht am 26 September 2025 11 min

Am Mittwoch, den 25.03.2026, ist Alexander Kluge im Alter von 94 Jahren gestorben. Im vergangenen Jahr besuchte unser Autor den ungewöhnlichen Universalkünstler in München, der in seiner Kritischen Theorie auf Besonderes zurückgriff: Poesie, KI, Film, Musik, Dokumentarisches und Fiktionales.

 

Ende April, München, ein Frühlingstag, strahlend wie aus dem Bilderbuch. Ich besuche Alexander Kluge in seiner Schwabinger Wohnung. Seit einigen Jahren, so Kluge fast entschuldigend im Vorgespräch, reise er nicht mehr viel. Man muss sich Alexander Kluge als einen freundlichen Menschen vorstellen. Die Atmosphäre des Tages, das Helle, Klare, Aufgeräumte, setzt sich in seiner Wohnung fort. Aufgeräumt wirkt auch Kluge selbst: weißes Haar, sorgfältig gekämmt, blauer Pullover, helle Hose. Er öffnet persönlich, winkt freundlich vom Treppenabsatz. Kaum durch die Tür, stellt er mir seinen Sohn vor und führt mich in das Arbeitszimmer. In der Mitte ein großer hölzerner Tisch, antik, bürgerlich anmutend. Ringsum Bücherregale, einige Bilder, einzelne Kunstwerke, die sofort meine Neugier wecken; eine hölzerne Heiligenfigur etwa, kindergroß, vermutlich hat sie früher in einer Kirche gestanden, die Skulptur einer Ratte, die aussieht, als entstamme sie der Vektorgrafik eines Videospiels aus den 1990er-Jahren. Später entdecke ich zwischen den Büchern in einer roten Schmuckschatulle den Goldenen Löwen, der Kluge 1968 bei den Filmfestspielen in Venedig verliehen wurde. Wie viel Zeit er für das Gespräch zur Verfügung habe, haben wir vorher nicht besprochen. Am Ende werden es fast vier Stunden gewesen sein. Ich zeichne das Gespräch auf. Kluge, auch hierin zuvorkommend, lässt zur Sicherheit sein eigenes Aufnahmegerät mitlaufen. Glücklicherweise haben wir diesen Flugschreiber, denke ich später. Denn in den folgenden Stunden entspinnt sich ein Gespräch, das sich mitunter anfühlt wie die Fahrt in einer zur Achterbahn umgebauten Zeitkapsel.

Alexander Kluge wurde 1932 geboren, ein Jahr vor der nationalsozialistischen Machtergreifung. Sein Vater war Arzt, er selbst, wie er sagt, ein „verwöhnter Junge“. Im April 1944 wird sein Geburtsort Halberstadt bei einem Luftangriff fast vollständig zerstört. Kluge, damals gerade 13 Jahre alt, überlebt. Mit seiner Schwester an der Hand hatte er sich in Sicherheit bringen können. Nach dem Krieg studiert er Rechtswissenschaft, Geschichte und Kirchenmusik, unter anderem in Frankfurt am Main, wo er früh mit Theodor W. Adorno und der Kritischen Theorie in Berührung kommt. In dieser Tradition sieht er sich bis heute. Bei Kluge nimmt die Kritische Theorie jedoch eine andere Farbe und Tonalität an: weniger düster-fatalistisch als bei Adorno, nicht so staatstragend-trocken wie bei Habermas. Man muss sich Alexander Kluge als einen poetischen Denker vorstellen. Auch Kluge geht es, wie seinem Ziehvater Adorno, um andere Möglichkeiten, die Gesellschaft zu organisieren. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, lautet ein berühmt gewordener Satz aus Adornos Minima Moralia. Kluge würde dem vermutlich zustimmen. Zugleich ist er jedoch überzeugt davon, dass es in jedem Verhängnis eine Art versteckten Notausgang gibt. Ihn muss man suchen. „Die Lücke, die der Teufel läßt“ (so der Titel eines seiner Bücher), verbirgt sich häufig im Kleinen und Unscheinbaren, an Orten, an denen sie kaum jemand vermutet. Und häufig, davon ist Kluge ebenfalls überzeugt, braucht es künstlerische und poetische Mittel, um ebendiese kleinen Pforten und Lücken aufzuspüren. Mit Vernunft allein kommt man dem Teufel nicht bei.

Entsprechend früh wandte sich Kluge Ausdrucksformen zu, die in der akademischen Philosophie nicht vorkommen. Er gehört zu den Pionieren des deutschen Experimentalfilms, hat Fernsehen gemacht und Ausstellungen, ist Theoretiker, Chronist und Erzähler. Das macht ihn zu einem Solitär innerhalb der intellektuellen Landschaft Deutschlands. „Homer der deutschen Nachkriegsgeschichte“ wurde Kluge einmal genannt. Er selbst, bescheidener, würde sich vermutlich eher mit einem Maulwurf vergleichen. Jemand, der den Boden der Geschichte umwühlt und unermüdlich Tunnel gräbt. Jemand, der in allen Zeitschichten gleichzeitig zu Hause ist und einsammelt, was unbeachtet liegen blieb. Der Turmbau zu Babel und das Silicon Valley, Leibniz und Descartes, die Intelligenz der Fingerspitze, Trump, Troja und Till Eulenspiegel – dies sind bloß einige der Orte, Figuren und Ideen, die wir im Gespräch streifen. Wer gewohnt ist, in streng logischen Ordnungen zu denken, wird von dieser Art des Denkens schnell reisekrank. Dass die Wirklichkeit vielschichtig ist, durchsetzt von Heterotopien und Gleichzeitigkeiten, hebt Kluge in seinen Ausführungen immer wieder hervor. Kluge spricht viel und relativ schnell. Fast scheint es, als ob es ihm ein bisschen leidtun würde, dass die gesprochene Sprache linear fortschreitet, man immer nur ein Wort nach dem anderen sagen kann, einen Satz nach dem nächsten, und nicht mehrere Dinge zugleich. Einige Differenzen, so Kluge, könne man nur „in der Vertikalen“ darstellen. Hierzu braucht es den Kommentar, die Montage, sinnliche Formen, die sich zwischen Rede, Text, Bewegtbild, Musik und Fotografie bewegen.

Diese Vielfalt bestimmt Kluges Werk, das filmische ebenso wie das literarische. Vordergründig Unverbundenes tritt darin wie in einem Kaleidoskop nebeneinander. Viele seiner Bücher enthalten Bilder, Fotografien, Gesprächsmitschnitte oder Gedichtzeilen. Neuerdings auch QR-Codes, die zu Filmen führen. Bild und Kommentar, Dokumentarisches und Fiktionales verbinden sich darin zu einem Geflecht, das wurzelartig in verschiedene Richtungen weist. Auf diese Weise tun sich immer wieder überraschende Verbindungen auf. Geheimgänge und Zaubertüren. So auch in unserem Gespräch. Aus dem Gedächtnis zitiert Kluge einen Limerick, ein kurzes scherzhaftes Gedicht, wie man sie in den Pubs der Arbeiterschaft in Irland oder East London aufsagt:

There was a young lady of Troy, 
Whom several flies did annoy; 
Some she killed with a thump, 
Some she drowned at the pump, 
And some she took with her to Troy.

(Es war mal eine junge Dame aus Troja, 
Die wurde von mehreren dicken Fliegen belästigt, 
Einige davon schlug sie tot, 
Einige andere ertränkte sie in der Pumpe, 
Und einige nahm sie mit sich nach Troja.) 

Die lästigen dicken Fliegen, so beginnt Kluge zu erklären, das seien die Drohnen, die in der Ukraine und an so vielen anderen Schauplätzen des Terrors über den Köpfen der Menschen ihre tödlichen Runden drehen. Sie stehen für den Krieg. Und was macht die junge Frau aus dem Gedicht mit diesen Fliegen? Einige schlägt sie tot, andere ertränkt sie. Dann allerdings heißt es entwaffnend: Den Rest nahm sie wieder mit nach Troja. Das heißt dorthin, wo vor Jahrtausenden schon einmal ein furchtbarer Krieg wütete, jener, den Homer in der Ilias besingt. Die Geschichte von dem Kampf um Troja gilt als das älteste Epos der europäischen Überlieferung. Und dann stellt Kluge diese irre Frage: „Wäre es möglich, das Unheil über die Zeiten dorthin zurückzutragen, wo es entstand und gut erzählt wurde?“ Da ist sie wieder, die Suche nach dem Notausgang, der kleinen Pforte, die aus dem Verblendungszusammenhang von Krieg und Gewalt herausführt. Natürlich ist sich Kluge dessen bewusst, dass ein derartiges Unterfangen kaum Aussicht darauf hat, gegen die Wirklichkeit anzukommen. Ihm zufolge verschlägt dieser Einwand jedoch nicht so recht. Troja brennt. Doch neben der Welt der Tatsachen gäbe es auch so etwas wie eine poetische Realität. „Sie ist die einzige Existenzberechtigung für das Erzählen, das uns Menschen innewohnt. Wenn man, wie der Limerick es vorschlägt, den Krieg dorthin zurückträgt, wo er entstand und von Homer gut erzählt wurde, dann kann es sein, dass dieser Dämon Krieg so fasziniert ist von seinem eigenen Bild, dass er vergisst, praktisch zu werden, und einschläft.“ Das sei so antirealistisch, wie viele Hoffnungen es sind. „Aber auch so poetisch wie eine Lebenserfahrung. ‚Poetisch‘ heißt auf Altgriechisch: machbar.“ Das ist eine dieser typischen Wendungen, die Kluges Arbeiten ihren unverwechselbaren Ton verleihen. Kluge ist ein Denker des Eigensinns.

Im Eigensinn liegt einer der Schlüssel zu seinem Denken. „Das menschliche Gefühl“, sagt er, „ist auf Glückssuche geeicht. Gegen unerträgliche Verhältnisse, gegen die Übermacht der Wirklichkeit wird es sich immer zur Wehr setzen. Der Mensch ist nicht dazu gemacht, bloß zu gehorchen.“ Mit Individualismus dürfe dies jedoch nicht verwechselt werden. Der Eigensinn ist für Kluge keine narzisstische Selbstbehauptung, sondern Ausdruck einer ursprünglichen Lebendigkeit, deren Geschichte bis zu den Anfängen der Evolution zurückreicht. Der Mensch bildet sich viel darauf ein, kein Tier zu sein. Tatsächlich, so Kluge, stecken wir jedoch noch bis zum Hals in der Evolution. „Nur ein Teil unserer Vermögen reicht in das Reich der Vernunft hinein. Andere Teile, die Haut zum Beispiel oder der Darm, agieren autonom von dem, was die Vernunft oder der Wille sagt.“ Jedes dieser Teile stellt eine eigene Form der Intelligenz dar. Als Beispiel führt Kluge den Atem an: „Er gehört zu den ältesten Tieren in uns. Wenn ein Mensch in den Brunnen springt, um sich zu ertränken, wird ihn der Atem im letzten Moment daran hindern. Man muss sich schon mit Marmorsteinen behängen, um dieses Tier zu überlisten.“

 

Das Gespräch als Weltformel


Von einer unverwechselbaren Lebendigkeit ist auch Kluges Art zu sprechen, der Rhythmus und Klang seiner Stimme. Wer schon einmal eine seiner dctp-Sendungen gesehen hat (so das Kürzel von Kluges TV-Produktionsfirma), erkennt diese Stimme sofort. Kluge beendet viele seiner Sätze mit einem fragenden „ja, ja?“. Freundlich, aber bestimmt drängt es darauf, einen Gedanken gemeinsam weiterzuspinnen. Dass Denken auf Kollaboration und Zusammenarbeit beruht, betont Kluge immer wieder. Niemand denkt für sich allein, am wenigsten er selbst. „Was meine Freunde denken, die lebenden und die toten, das gehört zu mir.“ Alexander Kluge hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, die auf der Zusammenarbeit mit anderen beruhen, Anselm Kiefer zum Beispiel oder Jonathan Meese, Georg Baselitz, Thomas Demand, zuletzt Thomas Thiede. Künstler meistens, Maler, Dichter, Fotografen. Akademische Philosophen finden sich indes kaum darunter. Darauf angesprochen, lässt Kluge eine höfliche Skepsis erkennen. Die akademische Welt erscheint ihm zu ergebnislastig, ihr Denken mitunter zu starr und hierarchisch.

Während andere Denkerinnen und Denker sich ab einem bestimmten Alter darauf beschränken, bereits Gedachtes zu wiederholen, ihr Vermächtnis zu befestigen, und bereits zu Lebzeiten als Nachlassverwalter in eigener Sache fungieren, behält Kluges Denken eine Offenheit, die an die Neugier eines Kindes erinnert. Seit seinem 90. Geburtstag etwa experimentiert er mit einer bildgebenden künstlichen Intelligenz. „Meine virtuelle Kamera“ nennt er sie fast liebevoll. Bis Ende September ist in der Neuen Sächsischen Galerie in Chemnitz eine Ausstellung von ihm zu sehen, die Filme, Texte und KI-generierte Bilder zum Thema Krieg versammelt. Ihr Titel: „Wer auch immer siegt, stürzt ab“. Sosehr Kluge Filme und Bilder als Medium schätzt – in erster Linie sieht er sich doch als Schriftsteller und Erzähler. Seine ersten literarischen Erzählungen erschienen bereits in den 1960er-Jahren. Einzelne Episoden, Beobachtungen und Gedankengänge werden in einer Weise zusammengestellt, die sich absichtlich jeder systematischen Ordnung entzieht. Kluge interessiert sich für die Vielfalt der menschlichen Erfahrung, die Gleichzeitigkeit von Alltäglichem und Außergewöhnlichem. Der Luftangriff auf Halberstadt, den er als Kind erlebt hat, ist dafür ein gutes Beispiel. Die Stadt steht in Flammen und während er um sein Leben rennt, geht ihm durch den Kopf, wie schade es ist, dass die Schule am nächsten Tag nicht öffnen wird, sodass er keine Gelegenheit hat, seinen Mitschülern davon zu erzählen.

 

Kluge und die Einbildungskraft


In der Chronik der Gefühle, einem seiner Hauptwerke, spricht Kluge von dem „langen Marsch des Urvertrauens“. Ich frage ihn danach, wie es angesichts der krisengeschüttelten Gegenwart um dieses Vertrauen heute bestellt sei. Hat es sich ausmarschiert oder trippelt es nur noch ängstlich vor sich hin? Was er den „langen Marsch des Urvertrauens“ nennt, so führt Kluge aus, beruhe auf einer elementaren Erfahrung, die unmittelbar nach der Geburt einsetzt. Zwischen dem Neugeborenen und der Mutter gäbe es so etwas wie ein unausgesprochenes Einverständnis, das jedem Gesellschaftsvertrag vorausliegt: Ich beschütze dich, ich töte dich nicht, und du wirst mich beschützen, wenn ich alt bin. Dieser Pakt hat zur Folge, dass der schützende Kokon, in den das Kind noch eingehüllt ist im Mutterleib, nach dem Schock der Geburt immer noch da ist oder wiederhergestellt wird. „Was wir Urvertrauen nennen, beruht im Grunde also auf einem Irrtum. Der Annahme nämlich, dass die Welt es gut mit mir meint, dass eine schützende Haut um mich ist.“ Dieses Grundvertrauen, so Kluge, sei nicht das Ergebnis von Einsicht, sondern eine Art Glückskredit, der in diesen ersten Momenten ausgegeben wird – ohne zu wissen, ob er je zurückgezahlt werden kann. Selbst wenn dieses Vertrauen auf einem Irrtum beruht, so bleibt es doch wirksam. „Angenommen, dieses Urvertrauen wäre klinisch gar nicht nachweisbar, dann würde es dennoch für mich stimmen. Denn ich lebe davon.“

Theorie, so Kluge, beginnt nicht bei der Wahrheit, sondern bei der Erfahrung. Und bei der Bereitschaft, auch das Unstimmige, Widerständige und Fragwürdige ernst zu nehmen. Deshalb sind die Irrtümer ebenso zu achten wie die Einsichten. Wer einen Irrtum erkennt, muss nach seinem Grund suchen, dem, was in ihm an Erfahrung gespeichert ist. Theorie hat für Kluge nichts mit Rechthaberei zu tun. Vielmehr ist sie ein Verfahren, das nach den Spielräumen fragt, die in der Wirklichkeit noch unentdeckt liegen. Kein Überbau, sondern ein Möglichkeitsraum. „Konjunktiv für die Praxis“ nennt er das. Angesichts der Zumutungen der politischen Gegenwart nütze es nichts, sich als Oberrichter der Geschehnisse aufzuspielen oder blind zu empören. Kluges Haltung ist die des Chronisten. Wahrnehmen, aufzeichnen, erzählen. Nicht mit moralischer Selbstanmaßung, sondern einer poetisch geschulten Aufmerksamkeit.

Eine meiner letzten Fragen gilt der Zukunft. Was werden Historikerinnen in hundert Jahren über uns sagen? Welche Geschichten werden sie weitertragen? Ob es die Menschheit dann noch geben wird, lässt Kluge offen. Vielleicht, sagt er, leben wir dann auf einem anderen Himmelskörper. Unter der Eiskruste des Jupitermonds Europa liegen Ozeane, da ließen sich Unterwasserstädte bauen. Solche Szenarien sind bei Kluge keine Spekulation, sondern Denkexperimente. Werkzeuge der Imagination, die das Reale verschieben. „Die Künste“, sagt er, „beherrschen den Konjunktiv, das Futur II, den altgriechischen Optativ – also die Sprache der Wünsche.“ Ohne diese Grammatik, so seine Überzeugung, wären wir der Wirklichkeit hilflos ausgeliefert. Was es braucht, sei nicht weniger Rationalität, sondern ein anderes Zusammenspiel von Gefühl, Verstand und Einbildungskraft. Ein „Tanzschritt des Geistes“, wie Kant es genannt hat.

Es ist früher Abend geworden. Von draußen klingen Kinderstimmen in die Wohnung. Zum Abschied klopft mir Alexander Kluge auf die Schulter. Er bietet an, dass ich ihn jederzeit anrufen könne, falls noch Fragen auftauchen. Ein wenig erschöpft wirkt er nun doch. Ich erwähne, wann der Text über unser Treffen erscheinen wird. Da blitzt es noch einmal eulenspiegelhaft in seinen Augen. Philosoph oder gar Jahrhundert-Philosoph, wie das Philosophie Magazin ihn nennt – eine solche Bezeichnung würde er für sich nicht in Anspruch nehmen. Theoretiker, das sei sein frei gewählter Beruf. Und was das bedeutet, erklärt er auf die ihm eigene Kluge-Weise: „In der griechischen Antike gab es den Theoros. Das war der Begleiter einer Gesandtschaft, der nicht mitverhandelt, sondern beobachtet. Ob die Fremden die Rede verstehen. Ob sie lügen. Vor allem aber: ob die eigenen Leute lügen. Ein Theoretiker ist jemand, der genau hinsieht, unterscheidet, beobachtet und berichtet. Das ist, was ich in meiner Arbeit tue.“ •

 

Fabian Bernhardt ist Philosoph und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin. 2021 erschien sein Buch „Rache. Über einen blinden Fleck der Moderne“ bei Matthes & Seitz. Seit 2024 veranstaltet er die Gesprächsreihe „UNTER UNS von Geistern, Dschinns und Monstern“ an der Volksbühne Berlin.

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