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Nachruf

Hans-Georg Backhaus – Nachruf auf einen Stichwortgeber der „Neuen Marx-Lektüre“

Finn Gölitzer veröffentlicht am 13 März 2026 5 min

Anfang März verstarb der Philosoph und Ökonom Hans-Georg Backhaus. Als Stichwortgeber der sogenannten „Neuen Marx-Lektüre“ repräsentierte er ab den 1970er Jahren eine unorthodoxe Lesart der Marxschen Ökonomiekritik und der Kritischen Theorie.

Im Wintersemester 1964 hielt der Adorno-Schüler Hans-Georg Backhaus einen Vortrag im Soziologischen Seminar des Frankfurter Philosophen mit dem Titel Dialektik der Wertform. Der Aufsatz kann rückblickend als „Initialzündung“ einer kritischen Marx-Lektüre gewertet werden, die zu einem späteren Zeitpunkt als „Neue Marx-Lektüre“ bekannt wurde. Unter dieser Bezeichnung entstand in den 60er und 70er Jahren der Versuch, die Marxsche Werttheorie kritisch zu rekonstruieren. In Frankfurt waren es ehemalige Schüler Adornos, wie Helmut Reichelt oder eben Backhaus, die die Begriffe Fetischismus, Verkehrung oder Verdinglichung ins Zentrum der Marxschen Ökonomiekritik stellten. Zum einen schrieb man gegen die Verdrängung der Marxschen Theorie in Westdeutschland an, zum anderen gegen ihre Verflachung auf klassenkämpferische Parolen und verteilungstheoretische Fragen im Realsozialismus. 

Als Student stieß Backhaus in den 1960er Jahren auf die damals recht unbekannte Erstauflage (1867) des Marxschen Kapitals – ein Zufallsfund, der, wie er später berichtete, sein Interesse für die „verdeckte“ Bedeutung der Wertformanalyse entfachte. Denn in dieser Textversion sei Marx‘ Anspruch auf eine dialektische Darstellung des Kapitals noch deutlich erkennbar, während es in der zweiten Auflage fast nahezu verschwunden sei. Hinzu kamen Marx‘ fragmentarische Vorarbeiten zum Kapital, die sogenannten Grundrisse (1857/58), in denen Backhaus grundlegende Einsichten in die methodischen und erkenntnistheoretischen Implikationen der Marxschen Werttheorie versteckt sah. Vor diesem Hintergrund veröffentlichte Backhaus in den folgenden Jahren unzählige Beiträge, in denen er akribisch dem Bedeutungsgehalt der Marxschen Werttheorie, wie etwa ihren Zusammenhang mit der Hegelschen Philosophie, oder ihrer impliziten Kritik an verschiedenen Strömungen der Wirtschaftswissenschaften (beispielsweise der „Neoklassik“ oder dem „Neoricardianismus“), nachging.  

 

Dialektik des Wertbegriffs

 

In dem bereits genannten Aufsatz aus dem Jahre 1964, von dem Adorno, wie Backhaus später schrieb, nie wirklich Kenntnis nahm, finden sich bereits einige Grundannahmen seiner Marx-Interpretation. Begrifflich inspiriert von seinem Professor, ging Backhaus hier dem dialektischen Charakter des Marxschen Wertbegriffes auf den Grund. Das heißt, er wollte zeigen, dass der Wert als historisch-spezifische Reichtumsform des Kapitalismus, einen grundsätzlichen Widerspruch enthält, der die gesamte Dynamik der kapitalistischen Gesellschaft bestimmt. Den Grund für diese Widersprüchlichkeit sah Backhaus in dem vertrackten Verhältnis zwischen den konkreten und abstrakten Dimensionen der Ware. 

Laut Marx entstehe der Wert innerhalb der Produktion, in der eine spezifische Form der Abstraktion eingelassen sei. Und Abstraktion meine hier: Es werde von den konkreten Eigenschaften der Arbeiten abgesehen und stattdessen nur die durchschnittliche Arbeitszeit für die Wertbildung beachtet. Diese „abstrakte Arbeit“, als Substanz des Werts, könne sich aber nur in einem konkreten, stofflichen Träger ausdrücken, sei also notwendigerweise auf das Verhältnis zu ihrem Anderen – dem Gebrauchswert – angewiesen. Die Ware sei daher die widersprüchliche Einheit von Gebrauchswert und Wert. Diese innere Widersprüchlichkeit der Ware, so Backhaus, stelle sich in der kapitalistischen Gesellschaft als „Verdopplung der Ware in Ware und Geld“ dar. Alle Waren drückten sich so in einem „Dritten“ aus, dem Geld als universalen Wertding. 

 

Marx' Radikalität

 

Backhaus legte hier bereits das Fundament für seine in späteren Schriften ausgebaute Kritik an „prämonetären“ Interpretationen der Marxschen Werttheorie: Weil sich aus dem dialektischen Charakter der Warenbeziehungen notwendigerweise das Geld ergebe, sei die Marxsche Werttheorie auch als Geldtheorie zu verstehen. Insofern enthielt Backhaus‘ Lesart auch eine harsche Kritik an der von Friedrich Engels popularisierten, und im Marxismus häufig aufgegriffenen These, nach der die Anfangskapitel im Kapital ein historisches Stadium der „einfachen Warenproduktion“ ohne Geld darstellen würden. Er lieferte damit nützliche Argumente für eine „logische“ Interpretation der Marxschen Wertformanalyse, die in den folgenden Rezeptionsdebatten regelmäßig aufgegriffen wurden. 

Seine Interpretation enthielt aber auch weitreichende politische Implikationen: Gesellschaftskritik im Sinne von Marx zu betreiben, bedeute vor diesem Hintergrund, nicht nur die Eigentumsverhältnisse, sondern auch die auf Arbeit beruhende kapitalistische Reichtumsform, die sich im Wert darstelle, zu kritisieren. Backhaus betonte immer wieder: Marx wollte nicht bloß erklären wieso eine Ware diesen oder jenen Wert hat, er wollte zeigen, warum sie überhaupt einen Wert hat – und vor allem: warum das hinter diesem Wert stehende System grundsätzlich irrational sei. Ironischerweise sei Marx deshalb weitaus radikaler als viele spätere Marxisten, die zwar davon sprachen, den Reichtum neu zu verteilen – nicht aber die Form des Reichtums selbst aufzuheben.  

 

Aufgreifen von Interpretationssträngen

 

Backhaus war keineswegs der erste Interpret, der eine solche Lesart ins Spiel brachte. Heute oftmals vergessene Wissenschaftler, wie etwa der in den stalinistischen Säuberungen ermordete Ökonom Isaak Iljitsch Rubin, hatten bereits in den 1920er Jahren die Verflachung und Fehlinterpretation der Marxschen Werttheorie bemängelt. Dem „Arbeiterstaat“ Sowjetunion kamen derlei Kritiken an der kontaminierten Arbeit und den Arbeitern höchst ungelegen. 

Backhaus ist es jedoch zu verdanken, diese Interpretationsstränge wiederaufgegriffen, im Lichte der Vorarbeiten zum Kapital neu bewertet und auf aktuellere Debatten bezogen zu haben – etwa den Arbeitszentrismus vieler linker Bewegungen. Ebenso redlich war seine differenzierte Herangehensweise an Marx‘ Werk: Widersprüche und Leerstellen wurden nicht glattgestrichen oder verschwiegen. Backhaus legte den Finger in die Wunde, auch wenn es den Meister selbst betraf. Zeugnis davon ist seine These über die „Popularisierung“ der Marxschen Ökonomiekritik. Marx kreidete er methodische Mängel an, da er die dialektische Darstellung in den Endfassungen des Kapitals nicht mehr konsequent umgesetzt habe. An entscheidenden Stellen bleibe so offen, wie Marx von einer Kategorie zur anderen gekommen sei, oder anders gesagt: „warum dieser Inhalt jene Form annimmt“. 

Erwähnenswert ist zudem Backhaus‘ eigenwillige Anknüpfung an das Werk Adornos. Im Gegensatz zu Habermas, der einmal behauptete, mit politischer Ökonomie habe sich Adorno „nie befaßt“, pochte Backhaus darauf: „Die Grundbegriffe der Frankfurter Schule sind die Grundbegriffe der Werttheorie“. Damit eröffnete er eine neue Sicht auf Adornos Positionen zu Fragen der Erkenntnistheorie, wie etwa im sogenannten „Positivismusstreit“ oder in dessen Negativer Dialektik. Dass Backhaus diese Zusammenhänge aufdeckte und weiterdachte, führte allerdings nicht dazu, dass er in die nachfolgende Geschichtsschreibung zur Kritischen Theorie aufgenommen wurde. Im Großteil der Monographien zur Frankfurter Schule und ihren Nachfolgegenerationen kommt Backhaus und die Neue Marx-Lektüre insgesamt nur am Rande vor. Dafür fanden Backhaus‘ Texte bei einem informierten Fachpublikum breiten Anklang, sein Aufsatz Dialektik der Wertform wurde in 11 Sprachen übersetzt. Zudem inspirierte er eine ganze Reihe von Autoren, die sich im Anschluss an seine Texte vertieft mit der Thematik beschäftigten und die Arbeit an einer kritischen Rekonstruktion der Marxschen Werttheorie weiterführten. Am 8. März 2026 ist Hans-Georg Backhaus im Alter von 96 Jahren in Frankfurt verstorben. •

Finn Gölitzer studiert und arbeitet in Frankfurt am Main und schreibt unter anderem zu den Themen: Theorie und Geschichte der Kritischen Theorie, der Ökonomiekritik und sozialen Bewegungen.

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