Martin Schulze Wessel: „Es liegt auch im deutschen und europäischen Interesse, dass die Ukraine wirtschaftlich prosperiert“
Wie haben die Beziehungen zu Russland den deutschen Blick auf die Ukraine geprägt? Und wie hat sich das deutsch-ukrainische Verhältnis seit 2022 verändert? Anlässlich des sich jährenden Beginns der russischen Vollinvasion antwortet Martin Schulze Wessel auf diese Fragen – und erklärt, wie sich der Ukraine nach Kriegsende eine Perspektive geben lässt.
Herr Schulze Wessel, in ihrem Buch Die übersehene Nation gehen Sie den Beziehungen zwischen Deutschland und der Ukraine seit dem 19. Jahrhundert nach. Welchen Platz nimmt darin die russische Vollinvasion in die Ukraine ein, deren Beginn sich nun zum vierten Mal jährt?
Der aktuelle Krieg stellt für die Ukraine eine existenzielle Herausforderung dar, die sie nur mit westlicher Unterstützung meistern kann. Nach dem Wegfall der USA ist Deutschland hier nun ein ganz wichtiger Faktor. Die Ukraine verteidigt aber nicht nur ihr eigenes Territorium und ihre Freiheit, sondern auch die europäische Sicherheit. Diese wechselseitige Abhängigkeit zwischen Deutschland und der Ukraine hat in der Geschichte der Beziehungen keine Entsprechung. Der aktuelle Krieg definiert die deutsch-ukrainischen Beziehungen völlig neu.
Waren Sie am 24. Februar 2022 vom Beginn der russischen Vollinvasion überrascht?
In einem Essay vom Juli 2021 schrieb Putin ganz offen, dass Russland und die Ukraine eine zusammengehörige Nation seien und dass es keine politische Unabhängigkeit der Ukraine geben dürfe. Damit hat er der Ukraine das Recht als souveräne Nation abgesprochen. Ich habe das damals auf den Seiten des Think Tanks Zentrum Liberale Moderne als verdeckte Kriegsankündigung interpretiert. Insofern war ich am 24. Februar 2022 nicht überrascht; aber dennoch sehr erschrocken und aufgewühlt. Man hofft ja trotzdem, dass der Krieg nicht kommt und sich die Lage vielleicht irgendwie beruhigt.
Der 24. Februar 2022 war eine Zäsur, deren volle geschichtliche Bedeutung sich erst im Nachhinein zeigen wird. Der russische Imperialismus allerdings ist kein neuartiges Phänomen. Gerade in den an Russland angrenzenden Staaten – in Norwegen, Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Polen und eben der Ukraine – ist man sich dessen deutlich bewusst.
Im deutschen Diskurs ist Russland nur ganz selten eine Aggressionsabsicht attestiert worden. Russland galt als Nachbar, den man einbinden müsse – über Handelsbeziehungen zum Beispiel. Außenpolitische Formeln wie „Annäherung durch Verflechtung“ haben lange Zeit die aggressiven Potenziale, die in Russland eigentlich offen zutage lagen, verdeckt. Man denke an die beiden Kriege gegen Tschetschenien, gegen Georgien 2008 und natürlich auch den Krieg gegen die Ukraine seit 2014. Bis kurz vor der Vollinvasion hat man gerne eine Position in der Mitte bezogen und behauptet, Russland und die Ukraine trügen beide eine Schuld für die Zuspitzung. Das aber hat den Blick verstellt: auf eine zunehmend aggressiver werdende Politik, eine Militarisierung der Öffentlichkeit und ganz konkrete Kriegsvorbereitungen, die in der deutschen Politik bis zum Beginn der Vollinvasion nicht gesehen wurden.
An welche Diskurstradition knüpft diese Position der Äquidistanz, die das Wegschauen gegenüber der russischen Aggression beinhaltet, an?
Diese Traditionen gehen weit zurück. In Deutschland betrachtete man Russland seit dem 19. Jahrhundert aus ganz verschiedenen Perspektiven als Partner. Die preußische Diplomatie und das Militär sahen über weite Strecken des 18. und 19. Jahrhunderts in Sankt Petersburg einen idealen Bündnispartner, im wirtschaftsliberalen Bürgertum wurde Russland als riesiger Exportmarkt geschätzt und als Lieferant von Rohstoffen, und die deutschen Sozialisten sahen im 20. Jahrhundert in Sowjetrussland den großen Bruderstaat. All diese Traditionen haben bis 2022 und zum Teil auch darüber hinaus fortgewirkt. Dass die Ukraine sich schwer damit getan hat, die Empathie und tatkräftige Unterstützung Deutschlands zu finden, hängt damit zusammen, dass die deutsche Öffentlichkeit auf sie sehr lange durch die russisch-imperiale Brille geschaut hat.
Die Nicht-Anerkennung der Ukraine als eigenständige Nation ging auch mit einer gewissen Verächtlichmachung einher. Sie zeigt sich besonders offen in der russischen Propaganda, die den aktuellen Angriffskrieg gegen die Ukraine als „Entnazifizierung“ bezeichnet. Wie ordnen Sie diese Rhetorik historisch ein?
Seit dem Zweiten Weltkrieg wurde die gesamte Ukraine von Moskau aufgrund der Kooperation bestimmter ukrainischer Akteure wie Stepan Bandera mit NS-Deutschland in die faschistische Ecke gestellt. Zwar gab es in der Ukraine im Krieg – wie in fast allen von Deutschland besetzten Ländern – verschiedene Formen der Kollaboration mit Deutschland. So wirkte die aus Ukrainern rekrutierte Hilfspolizei bei der Organisation der Besatzungsherrschaft und auch beim Holocaust mit. Vor dem Beginn des deutsch-sowjetischen Kriegs plante die Organisation Ukrainischer Nationalisten unter der Führung von Stepan Bandera die Schaffung eines eigenen Staats an der Seite NS-Deutschlands. Als dieser am Tag des deutschen Angriffs tatsächlich proklamiert wurde, stoppte Berlin allerdings das Vorhaben, Bandera wurde im KZ Sachsenhausen festgesetzt. Die NS-Führung wollte auf keinen Fall eine unabhängige Ukraine, obwohl dies im Hinblick auf die Kriegsführung gegen die Sowjetunion vorteilhaft gewesen wäre. Denn die Ukrainer waren in der rassenbiologischen Sicht des Nationalsozialismus so wie die Russen und andere Slawen „Untermenschen“. Und so wurden sie unter deutscher Besatzungsherrschaft auch behandelt, etwa im millionenfachen Einsatz als Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter im Reich. Obwohl die Ukrainer also zweifellos Opfer der deutschen Gewaltherrschaft waren und zugleich als Angehörige der Roten Armee auch wesentlich zum Sieg über NS-Deutschland beitrugen, betrieb die sowjetische Propaganda eine Dämonisierung der Ukraine. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden nationale Bestrebungen als „faschistisch“ denunziert, vor allem Bandera wurde zu einer Symbolfigur einer vermeintlich faschistischen Ukraine stilisiert. Diese Strategie, die nationalen Bestrebungen der Ukraine mit dem Nationalsozialismus zu identifizieren, ist recht erfolgreich gewesen, auch in der sowjetischen Auslandspropaganda. Sie wird im aktuellen Krieg wieder gegen die Ukraine eingesetzt.
Zwischen der Ukraine und Deutschland gab es immer auch Austauschbeziehungen und ein beiderseitiges Miteinander-in-Kontakt-treten. Wie haben sich ukrainische Intellektuelle mit Deutschland beschäftigt?
In der Zeit des Ersten Weltkrieges gab es zahlreiche namhafte ukrainische Intellektuelle, die sich mit Deutschland beschäftigten und auch für die deutsche Öffentlichkeit publizierten, nicht zuletzt weil man sich von Deutschland auch eine Unterstützung des eigenen nationalen Projektes erhoffte. Einige ukrainische Intellektuelle konstruierten eine Wahlverwandtschaft zwischen Deutschen und Ukrainern, eine Ähnlichkeit der nationalen Bewegung beider Völker in der Orientierung an Volkskultur. So parallelisierte der Geograph Stepan Rudnyckyj (1877-1937) den Niedergang der Ukraine in der Frühneuzeit mit der Rolle, die der Dreißigjährige Krieg in der deutschen Geschichte spielte. Die Kultur galt ihm – nach deutschem Vorbild – als Unterpfand für den Wiederaufstieg zur unabhängigen ukrainischen Nation. Der Publizist Dmytro Doncov (1883-1973) machte aus der politischen Rolle der Kultur ein Argument für die ukrainisch-deutsche Verbundenheit. Er bezog sich dabei ausgerechnet auf Bismarck. Die deutsche Einheit von 1870/71, so der Reichskanzler in Doncovs Wiedergabe, wäre nicht möglich gewesen, wenn die Kohle unter der Asche nicht geglommen hätte. „Wer hat dieses Feuer gepflegt? Die deutsche Kunst, die deutsche Wissenschaft, die deutsche Musik, das deutsche Lied nicht zum wenigsten“, sie hätten die politische Einheit der Deutschen vorbereitet. Diese Rolle sollte die Kultur, so hoffte Doncov, auch für die Ukraine spielen.
Und heute?
In der Gegenwart hat sich die intellektuelle Beschäftigung mit Deutschland völlig verändert. Deutschland spielt noch eine Rolle in Bezug auf bestimmte Themen wie die Erinnerungskultur an den Nationalsozialismus, die in der Ukraine positiv bewertet wird. Wenn man nach Instanzen sucht, die neuere Orientierungspunkte im ukrainischen intellektuellen Diskurs bilden, dann sind es für eine Zeit lang natürlich die Vereinigten Staaten gewesen und dann das westliche Europa. Die Ukraine sieht sich mit gutem Recht als Akteur westlicher Werte, der für politische Freiheit oder für eine starke Zivilgesellschaft einsteht. Insofern fühlt sich die Ukraine nicht nur als ein Teil des Westens, sondern sie ist auch ein Vorkämpfer bestimmter westlicher Werte. Nun ist der Westen heute in einer existenziellen Krise, was den ukrainischen Europadiskurs tragisch macht – falls Europa vor dieser Herausforderung, die Ukraine gegen die russische Aggression zu unterstützen, versagen sollte.
Eine der faszinierendsten Auseinandersetzungen mit dem verzerrten Blick auf russischen Imperialismus war für mich der Essay Kalte Füße von Francesca Melandri. Die italienische Literatin erzählt darin von ihrem eigenen Vater, der im Zweiten Weltkrieg auf Seiten der italienischen Faschisten in der Ukraine gekämpft hat, nach 1945 aber immer von „Russland“ gesprochen hat. Als Melandri bemerkt, dass zentrale Schauplätze von damals auch heute Kriegsschauplätze sind, setzt das bei ihr einen Reflexionsprozess in Gang: über die Aufarbeitung der faschistischen Vergangenheit Italiens, über linke und linksliberale Ukraine-Bilder und über die Gewaltgeschichte der Ukraine im 20. Jahrhundert. Wie ist das in Deutschland?
Ich sehe Ähnlichkeiten zu dem Buch von Melandri. In Deutschland ist ja wirklich fast archäologische Arbeit zu leisten, um das freizulegen, was es an Geschichte gibt, in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg, aber auch auf die verschüttete Erinnerung nach 1945. Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs ist in der Ukraine zunächst einmal eine furchtbare Gewaltgeschichte, von der in allererster Linie die dort lebenden Jüdinnen und Juden betroffen waren; aber auch viele ukrainische Partisanen, die ukrainische Zivilbevölkerung, ukrainische Kriegsgefangene, die wie andere sowjetische Häftlinge ausgehungert wurden und zu ganz großen Zahlen starben, und dann auch die ukrainischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die in NS-Deutschland in der Landwirtschaft oder in der Industrie eingesetzt wurden. Nach 1945 gab es Hunderttausende ukrainische Displaced Persons, die zum Teil auch in Deutschland blieben. Ein Zentrum der ukrainischen Emigration wurde München. Es gibt also die Gewaltgeschichte wie auch Face-to-Face-Kontakte zwischen Deutschen und Ukrainern – und doch hat die Ukraine in unserem politischen Horizont vor 2022 nur eine ausgesprochen marginale Rolle gespielt.
Inwieweit haben vier Jahre Krieg die Wahrnehmung der Ukraine in Deutschland und das deutsch-ukrainische Verhältnis verändert?
Zum einen hat man sich aus dieser russischen Umklammerung politisch und wohl auch emotional gelöst. Und das war auch die Voraussetzung dafür, dass zum Beispiel der Holodomor 2022 im Bundestag als Genozid bewertet wurde – also die Hungersnot in der Ukraine, die Anfang der dreißiger Jahre durch einen willkürlichen Akt von Stalin herbeigeführt wurde, mit nahezu 4 Millionen toten Ukrainern. Die Bundestagsresolution stellte zudem einen ausdrücklichen Bezug zum russischen Aggressionskrieg heute her. Vor 2022 scheiterten Versuche, den Holodomor als Genozid anzuerkennen, obwohl es entsprechende ukrainische Initiativen gab. Städtepartnerschaften sind im deutsch-ukrainischen Verhältnis ein sehr wichtiges Instrument. Die erste entstand zwischen Leipzig und Kiew Anfang der 1960er Jahre, also zwischen der DDR und der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Danach gab es lange Zeit sehr wenige.
Die große Welle von Städtepartnerschaften hat dann seit dem Beginn des russischen Angriffs gegen die Ukraine ab 2014 begonnen.
Der Austausch zwischen den Kommunen ist sehr wertvoll. Da geht es um Hilfeleistungen technischer, medizinischer und wirtschaftlicher Art. Solche Hilfe ist langfristig nötig, damit die Ukraine nach dem Krieg auch mit deutscher Hilfe wieder aufgebaut werden kann. Aktuell sind in der Ukraine die Hoffnungen groß, dass es in dieser Kälte-Krise auch deutsche Unterstützung geben wird. Nach dem Krieg wird es darauf ankommen, der Ukraine eine Perspektive zu geben.
Wie kann dies gelingen?
Nötig sind Sicherheitsgarantien, aber auch wirtschaftliche Perspektiven. Nur wenn es berechtigte Hoffnungen für einen wirtschaftlichen Neubeginn gibt, werden die vielen Ukrainerinnen und Ukrainer, die nach 2022 nach Deutschland und in andere westliche Länder geflohen sind, wieder zurückkehren. Und nur wenn sie zurückkehren, wird die Ukraine die menschlichen Ressourcen zum Wiederaufbau des Landes haben. Die Alternative dazu wäre, dass die Ukraine ein krisenhafter Staat wird, der wirtschaftlich nicht auf die Beine kommt und damit automatisch fremden Einflüssen offenstehen wird. Es liegt auch im deutschen und europäischen Interesse, dass die Ukraine wirtschaftlich prosperiert und in der Europäischen Union ihren Platz findet. •
Martin Schulze Wessel ist Professor für die Geschichte Ost-und Südeuropas an der Ludwig-Maximilian-Universität München. Jüngst erschien „Die übersehene Nation. Deutschland und die Ukraine seit dem 19. Jahrhundert“ bei C.H. Beck.
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