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Bild: © Isolde Ohlbaum

Nachruf

Nachruf auf Jürgen Habermas

Josef Früchtl veröffentlicht am 14 März 2026 7 min

Jürgen Habermas ist im Alter von 96 Jahren in Starnberg verstorben. Ein Nachruf von Josef Früchtl über Habermas' Wirken, den Wert des Streitens und die besondere Weise, in der er die Rolle des Wissenschaftlers und die des Intellektuellen in sich verband.


Eine Epoche ist zu Ende. Der Tod von Jürgen Habermas drängt einem diesen Seufzer mit Macht auf. Denn die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist mit keinem Philosophen so eng verbunden wie mit ihm. Zu Recht hat der ehemalige Straßenkämpfer und spätere Außenminister Joschka Fischer festgestellt, Habermas sei „fast zum Staatsphilosophen des demokratischen Deutschland geworden.“ Eine Anerkennung, in der auch eine Prise Ironie steckt, denn zum Staatsphilosophen hat man in Deutschland bisher Georg W. F. Hegel erklärt, seit er vor zweihundert Jahren an der neu gegründeten Humboldt-Universität zu Berlin dem Staat, vor allem in der Gestalt Preußens, eine philosophische Weihe gegeben hat.

Aber Habermas ging es um einen durch und durch demokratischen Staat. Mit den Institutionen und der Verfassungsnorm, die diesen Staat tragen, hat er seinen Frieden gemacht und sie immer mehr verteidigt, gleichwohl aber auch den spontanen, nicht reglementierten Kräften der „Zivilgesellschaft“ vertraut, die sich zeigen, wenn Protestbewegungen bestehenden Gesetzen die Legitimität bestreiten und Zivilen Ungehorsam üben. Und obwohl er sich stets als westlichen, undogmatischen Marxisten bezeichnete, sah er in einer revolutionären Veränderung des Kapitalismus keine Alternative, die unserer Zeit noch angemessen wäre. Radikalismus und Reform waren für ihn kein Gegensatz.

 

Leidenschaft für die Demokratie

 

Die Leidenschaft für die Demokratie hat, wie die für die Philosophie, natürlich biographische Wurzeln. 1929 geboren, hatte Habermas das Glück, sich 1945 der Wehrmacht für das letzte Aufgebot im längst verlorenen Krieg entziehen zu können. Daraus ging seine Grundüberzeugung hervor, dass das, was später aufgebaut werden sollte, politisch, moralisch und kulturell mit der jüngsten Vergangenheit brechen musste. „Es musste etwas besser werden“, so fasste er selber dies in dem zuletzt erschienenen Gesprächsband zusammen, in dem er ungekannt freigiebig aus seinem Leben berichtet.

Sein Argwohn gegen alle Versuche, die deutsche Nazi-Vergangenheit kleinzureden oder zu verleugnen, war beharrlich. In heftiger Weise zeigte sich das Mitte der 1980er Jahre - Helmut Kohl war bereits Kanzler, Richard von Weizsäcker nannte als Bundespräsident das Ende des Zweiten Weltkriegs eine „Befreiung“ – im berühmten „Historikerstreit“, in dem Habermas konservativen Vertretern der historischen Zunft vorwarf, den einzigartigen Stellenwert der Verbrechen der Nazis gegen die europäischen Juden, der sich im Ausdruck „Holocaust“ oder „Shoa“ verdichtet, durch Vergleiche mit dem Stalinismus einzuebnen.

Schon im „stickigen Adenauer-Deutschland“ mit seiner Reaktivierung alter einflussreicher Kreise in Politik und Beamtenschaft wollte Habermas allerdings am Fortleben vergangener Denk- und Handlungsmuster nicht vorbeisehen. In der Philosophie hatten die vergangenen politischen Verstrickungen einen berühmten Namen: Martin Heidegger. Als dieser 1953 seine 1935 gehaltene Vorlesung Einführung in die Metaphysik veröffentlichte, reagierte der Student Habermas mit einer aufsehenerregenden Rezension in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. In der Vorlesung geht es lang und breit um das Sein als Grundbegriff von Heideggers Philosophie. Politisches streift sie nur, allerdings mit Aussagen, die nach dem Krieg skandalös klingen, vor allem der von der „inneren Wahrheit und Größe“ des Nationalsozialismus. Heidegger kommentiert sie nur mit wenigen kulturphilosophisch verschwiemelten Worten, von einem Irrtum oder gar von Schuld ist nicht die Rede. Man kann sogleich verstehen, warum dies Habermas erscheinen musste, als hätte man die Ermordung von Millionen zu einem Geschick der Seinsgeschichte erklärt.

 

Der offene Rahmen der Öffentlichkeit

 

Rückblickend wird deutlicher, dass diese Enttäuschung die akademische Philosophie insgesamt betraf. Das änderte sich, als Habermas 1956 nach Frankfurt kam und er die Schriften Max Horkheimers, Theodor W. Adornos und Herbert Marcuses kennenlernte. Denn die Gründerväter der Kritischen Theorie ermöglichten ihm, eine abgebrochene Tradition des Denkens wieder aufzunehmen, in der Deutscher Idealismus, Marxismus und Psychoanalyse eine grundlegend neue Verbindung eingehen und die Sozialwissenschaften der Philosophie ebenbürtig zur Seite stehen. Während die Dissertation von 1954 sich noch konventionell der Philosophie Schellings widmete, untersuchte die Habilitation aus dem Jahr 1962 dagegen mit dem Begriff der Öffentlichkeit einen Zentralbegriff der bürgerlichen Gesellschaft. Das Buch Strukturwandel der Öffentlichkeit gilt bis heute als Klassiker zu diesem Thema. Es beschäftigte ihn bis zuletzt, denn so sehr es die digitalisierten Medien heute jedem und jeder ermöglichen, zu schreiben, posten und zu liken, also ein demokratisches Ideal zu verwirklichen, so sehr zersplittert der Raum der Öffentlichkeit in Echoräume, die fast nur noch in sich selber kreisen und den Filter der Wahrheitsprüfung zugunsten der Meinungsmache aufgeben.

Die begriffliche Trias von Öffentlichkeit, Diskurs und Vernunft hat, wie Habermas selbst feststellte, seine wissenschaftliche Arbeit und sein politisches Leben beherrscht. Zusammengeführt hat er diese Begriffe in seinem Hauptwerk Theorie des kommunikativen Handelns (1981). An diesem Buch kann man einmal mehr studieren, dass, wie Schopenhauer einmal bemerkt hat, große Philosophie Entfaltung eines einzigen Gedankens ist. Der eine ebenso einfache wie großartige Gedanke hat einen technischen Namen, „Kommunikation“, gemeint ist aber der alltägliche Vorgang der sprachlichen Verständigung. Wann immer wir ein Gespräch mit jemandem beginnen, bei dem es um die gemeinsame Klärung eines Problems geht, müssen wir gewissen Prinzipien folgen: wir müssen uns verständlich ausdrücken, ohne falsche Absicht vorgehen, gute Gründe anbieten und die anderen zu Wort kommen lassen. Daher stehen unversehens große Begriffe im Raum wie „Vernunft“ und „Diskurs“. Vernunft meint aber zunächst einmal nicht mehr als begründetes Ja- oder Nein-Sagen, und Diskurs ist der wissenschaftliche Name dafür, dass man, ebenfalls ein berühmtes Habermassches Statement, „dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ folgt. Freilich wusste auch Habermas, was seine Kritiker immer wieder vergessen, dass nämlich Diskurse sich innerhalb eines Horizontes von undurchdringlichen Erfahrungen bewegen, die nicht diskursiv eingeholt werden können. Erfahrungen lassen sich, wenn überhaupt, nur ästhetisch darstellen. Öffentlichkeit ist dann der prinzipiell für alle offene Rahmen, in dem Argumente und Erfahrungen, Vernunft und Gefühle sich aneinander reiben und immer wieder auch einen Ausdruck in der Kunst und der populären Kultur suchen.

 

Wissenschaftler und Intellektueller

 

Aus alldem wird verständlich, weshalb das Streiten das Lebenselement des Habermasschen Denkens war. Er hatte mehrere Seelen in seiner Brust, den Wissenschaftler, gespalten zwischen Philosophie und Soziologie, und den Intellektuellen. Als Gelehrter schrieb er Bücher, die neue Perspektiven eröffneten und nachhaltige akademische Diskussionen auslösten, als Intellektueller mischte er sich in die politischen Diskussionen ein und provozierte durch herausfordernde Aussagen. Als Akademiker hielt er sich grundsätzlich an die Regeln des argumentativen Austauschs von Gedanken, als Intellektueller zeigte er einen „Spürsinn für Relevanzen“, der fast naturgemäß auf Polemik angewiesen ist. Er wusste, dass „der Intellektuelle sich aufregen können muss.“ Wer das Glück hatte, an seinen Montagabend-Kolloquien in Frankfurt teilzunehmen, konnte oft genug den fließenden Übergang miterleben vom Philosophen zum Soziologen und, vor allem zu späterer Stunde in der Kneipe, zum Intellektuellen.

Verwestlichung, das große politische Thema der Nachkriegszeit, zeigte sich bei Habermas bis in den Habitus hinein. Er verkörperte nicht mehr den typisch alteuropäischen Professor, der steif auf die Autorität seines Titels pocht. Seine Umgangsform auch mit Studierenden war verbindlich, aber locker, verlässlich, aber entspannt. Im Seminar und bei Diskussionen gehörte es zu seinem Gestus, sich zurückzulehnen, ein Bein über das andere geschlagen, und mit der Hand sanft kreisende Bewegungen zu vollziehen. Eine Einladung zum Mitvollzug seiner Gedanken. Dass er dabei das Understatement pflegte, hatte mit der unterschätzten skeptischen Schicht seines Denkens zu tun. Denn so sehr man ihn wissenschaftlich bewundern musste für die enzyklopädische Breite seines Wissens, aufgesogen wie in einem großen Schwamm, um sie in einen systematisch regulierten Strom durchdachter Gedanken zu überführen, und so sehr man ihn politisch bestaunen konnte für das stupende Ausmaß an Informiertheit und die rhetorische Zuspitzung, so wenig vergaß er, dass die Vernunft „eine schwankende Schale im Meer der Kontingenz“ ist.

Seiner Generation, so stellte Habermas in dem letzten Gesprächsband fest, war es vergönnt, in einer „friedlichen Gesellschaft mit anhaltend aufsteigenden Tendenzen“ zu leben. Daher die verständliche Enttäuschung, wenn diese Tendenzen „mehr oder weniger abrupt abknicken.“ Die Vereinigten Staaten von Amerika driften in einem kulturellen Bürgerkrieg auseinander und können politisch-moralisch spätestens seit dem Irak-Krieg nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 kein Vorbild mehr sein. Erst recht gilt das für die autoritäre, mafiose und kriegerische Politik unter dem derzeitigen Präsidenten. In der Bundesrepublik verhallen Habermas‘ pazifistische Mahnungen bei der grün-linken Generation anlässlich des russischen Krieges gegen die Ukraine.

Unsere Zeit bietet in der Tat wenig Grund, den Fortschritt der Vernunft hochzuhalten. „Zuversicht“ war daher auch für Habermas nicht angesagt, wohl aber „Zumutung“. Insofern wäre auch für ihn der Maulwurf ein passendes Wappentier. Von Hegel und Marx bis zur kritischen Linken der jungen Bundesrepublik reicht die Sympathie für dieses sich mühsam voran arbeitende, mit der Dunkelheit vertraute Lebewesen aus der Tier- und Geschichtenwelt, das uns daran erinnert, dass die große Geschichte unvorhersehbare Wege geht, denen man alltagspraktisch allerdings auf die Sprünge helfen kann. Nicht mehr und nicht weniger mutet uns Habermas heute mit seinem Vertrauen auf Vernunft und Demokratie zu. Er ist am 14. März 2026 gestorben.

Josef Früchtl ist emeritierter Professor für Philosophie an der Universität von Amsterdam. Zuletzt ist von ihm erschienen: „Demokratie der Gefühle. Ein ästhetisches Plädoyer“. Josef Früchtl hat bei Jürgen Habermas promoviert. 

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