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Impuls

Wachstumsdemenz

Annette Kehnel veröffentlicht am 23 März 2026 5 min

In unserer Reihe fragen wir nach den derzeit größten Bedrohungen der Freiheit. Sieben führende Forscher*innen aus unterschiedlichen Disziplinen, die derzeit Fellows am St. Gallen Collegium sind, geben Antworten. Die Mittelalterhistorikerin Annette Kehnel hält unser unstillbares Verlangen nach Wachstum für fatal.

Als Alexander der Große den berühmtesten Philosophen seiner Zeit aufsuchte, fand er ihn in einem Fass auf dem Marktplatz von Athen. Er, der Herrscher über ein Weltreich, bot dem Diogenes von Sinope an, jeden Wunsch zu erfüllen. Die Antwort des Philosophen ist legendär: „Geh mir aus der Sonne." Kein Gold, kein Land, keine Macht. Nur Licht.

Man muss Diogenes nicht mögen. Er provozierte, wo er konnte, scheute vor nichts zurück, verrichtete sein Geschäft in aller Öffentlichkeit und war alles andere als bequem. Aber seine Kernfrage hat nichts von ihrer Schärfe verloren: „Die Götter haben den Menschen das Leben so leicht gemacht, doch die machen sich alles schwer. Warum? Weil sie Dinge haben wollen, die sie nicht brauchen, und wenn sie sie haben, sind sie unglücklicher als zuvor." Was genau gewinnen wir eigentlich, wenn wir immer mehr haben, immer weiter wachsen? Und was verlieren wir dabei?

Im Buddhismus gilt Tanha, wörtlich Durst, oder unstillbares Verlangen, als Wurzel allen Leidens: Nicht der Mangel erzeugt das Leid, sondern das Nicht-aufhören-Können. Gier ist gemeinsam mit Verblendung und Hass eines der drei gefährlichen Geistesgifte. Als Medizin schlägt Buddha den mittleren Weg vor, er meint damit weder radikale Askese noch Überfluss, sondern das rechte Maß. In der griechischen Philosophie war es die Tugend der Sophrosyne – Besonnenheit, Mäßigung. Tägliches Training in der Kunst der Genügsamkeit gilt als Geheimrezept für ein gelingendes Leben. 

 

Gefahren der Unersättlichkeit

 

Wie es aussieht, findet sich das Wissen um die Gefahren der Unersättlichkeit in allen Epochen und Regionen der Weltgeschichte: 
Franz und Klara von Assisi gründeten im 13. Jahrhundert Gemeinschaften radikaler Besitzlosigkeit und kultivierten das Glück der unerfüllten Wünsche: die Erfahrung, dass nicht „immer mehr Haben“ befreit, sondern Loslassen. Das Potlatch-Ritual bei den First Nations der pazifischen Nordwestküste ist ein zeremonielles Fest, bei dem der Gastgeber Wohlstand nicht anhäuft, sondern verschenkt. Reichtum bemisst sich nicht daran, was man besitzt, sondern daran, was man zu geben fähig ist. 

Goethe hat das Problem im klagenden Hilferuf des Zauberlehrlings formuliert: „Herr, die Not ist groß, die ich rief, die Geister, werd‘ ich nun nicht los". Der gute alte Besen will nicht mehr aufhören, immer noch mehr Wasser herbeizuschleppen, obwohl das ganze Haus schon unter Wasser steht.  Doch keiner formulierte das Wachstumsdilemma eleganter als der Ire Oscar Wilde: „Es gibt nur zwei Tragödien im Leben. Die eine, wenn man nicht bekommt, was man will, die andere, wenn man es bekommt. Die zweite ist bei weitem die schlimmere." „Immer mehr“ ist gefährlich! Das wissen wir. Seit Jahrtausenden. Doch werden die Heilsversprechen des Wachstums heute immer noch gebetsmühlenartig heruntergeleiert: Wachstum schaffe Wohlstand, Fortschritt und führe Millionen aus der Armut. Die unbeabsichtigten Nebenfolgen werden unter den Tisch gekehrt. 

 

Maßstab für Wohlergehen

 

In Vergessenheit geraten ist auch, unter welchen Umständen die Formel zur Messung des Wachstums einst entstand: 1941 benötigte die damalige US-Regierung einen Überblick zur Kriegswirtschaft: Wie viele Panzer, Flugzeuge, Munition, Uniformen kann die US-amerikanische Bevölkerung produzieren, ohne einen Zusammenbruch zu riskieren? Es zählte alles, was produziert wurde, unabhängig davon, ob es dem Wohlergehen diente. Eine Bombe zählt ebenso wie ein Schulbuch, ein Krankenhaus gleichermaßen wie ein U-Boot. Die Formel zur Messung des Nationaleinkommens der USA war eine Notlösung für Kriegszeiten. Selbst der Erfinder der Formel, Simon Kuznets, warnte davor, das Bruttoinlandsprodukt als Maßstab für Wohlergehen zu verwenden. Niemand hörte zu. Und nach dem Krieg zählte lediglich, dass die Kennzahl für Wachstum stieg.

Was genau wird gemessen? Das BIP zählt die Summe aller Güter und Dienstleistungen, die innerhalb eines Landes produziert werden – aber  fragt nicht danach, was und wie produziert wird. Ob eine Fabrik Gifte in den Fluss leitet oder saubere Luft hinterlässt: im BIP dasselbe. Ob Lebensmittel produziert werden, die krank machen oder die Gesundheit fördern: dasselbe. Es ist, als würde ein Arzt nur das Gewicht messen und jeden Zuwachs als Gesundheit feiern – egal ob Muskeln wachsen oder ein Tumor. 

 

Wachstumsdemenz

 

Aus den Wirtschaftswissenschaften kamen viele Vorschläge zur Anpassung der Berechnungsformel für Wachstum: Der Genuine Progress Indicator rechnet Umweltschäden und soziale Kosten ein. Die Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission schlug 2009 vor, Wohlstand an Gesundheit, Bildung und Lebensqualität zu messen statt an der Produktionssumme. Dann bräuchte man auch all die Bürokratie nicht, die heute nötig ist, um die Schäden des fortschreitenden Wachstums einzudämmen: Umweltbehörden, Verbraucherschutzämter, Regulierungsstellen – sie alle existieren, weil die Grundformel falsch ist. Wer den Fehler an der Wurzel behebt, braucht weniger Pflaster.

Die beschriebenen Phänomene ließen sich unter dem Begriff der Wachstumsdemenz fassen. Das Wort kommt vom lateinischen „dementia" – Abwesenheit des Geistes. Die Symptome sind bekannt. Gedächtnisverlust: Wir vergessen, dass jede Wachstumsphase auf endlichen Ressourcen beruht. Jede Wirtschaftskrise führt zu Erschütterung und Gelöbnissen der Besserung. Und dann? Vergessen. Weiter. Mehr. Da ist die Orientierungsstörung: Wir verwechseln Wachstum mit Fortschritt, Umsatz mit Wert, Geschwindigkeit mit Richtung. Und hier ist der Verlust der Urteilsfähigkeit zu verorten: Die Daten liegen vor – seit Jahrzehnten. Aber wie ein Demenzpatient, dem man zum zehnten Mal denselben Sachverhalt erklärt, nickt die Gesellschaft, lächelt – und macht weiter wie zuvor.
Es wird erzählt, dass Diogenes am helllichten Tag mit einer Laterne über den Marktplatz von Athen ging. Auf die Frage, was er tue, antwortete er: „Ich suche einen Menschen.“ 

Man muss nicht im Fass leben, um zu verstehen, dass seine Suche heute dringlicher ist, denn je. Die Frage ist, ob wir uns noch erinnern, wozu Wachstum eigentlich gut sein sollte. Ob wir zwischen Wachstum und Wucherung unterscheiden können. Und ob wir den Mut haben, einem Imperium, das uns seine Gunst anbietet, zu antworten: Geh mir aus der Sonne. •

Annette Kehnel ist Inhaberin des Lehrstuhls für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Mannheim und Autorin des Buches „Die sieben Todsünden – Menschheitswissen für das Zeitalter der Krise". Ihr Projekt am Collegium trägt den Titel: „Pleonexia. Der menschliche Hunger nach immer mehr: Freund oder Feind der Freiheit?"

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