Werden Roboter bald Schmerzen empfinden können?
Forscher der Northeast Normal University in China haben bekannt gegeben, dass sie synthetische Nerven für Roboter entwickelt haben. Diese verbesserten nicht nur die Bewegungsfähigkeit der Roboter, sondern könnten auch über schädliche Berührungen informieren. Wie weit ist es dann noch zu künstlichem Bewusstsein?
Robotern ein körperliches „Gefühl” für Schmerz vermitteln? Das ist das Ziel mehrerer Forscherteams weltweit. Eines davon, an der Northeast Normal University in China, gab kürzlich bekannt, synthetische Nerven entwickelt zu haben. Warum aber sollte man versuchen, Roboter zu entwickeln, die Formen des Leidens empfinden können? Aus purem Sadismus? Weit gefehlt: Es geht darum, die Orientierung der Maschinen in der Welt und ihre Reaktion auf ihre Umgebung zu verbessern sowie ihre Langlebigkeit zu erhöhen, indem sie gefährliche Bedrohungen für ihre Unversehrtheit erkennen und abwehren können.
Viele der heutigen Roboter verfügen bereits über Systeme, mit denen sie auf Hindernisse reagieren können, die ihnen im Weg stehen: Wenn die Sensoren des Androiden beispielsweise ein Ungleichgewicht feststellen, wird das Signal an den Prozessor weitergeleitet, der eine Korrekturmaßnahme auslöst, um das Ungleichgewicht auszugleichen. Einerseits verursacht diese Funktionsweise eine Verzögerung zwischen der Erfassung der Informationen und der Reaktion der Maschine, was ihre Fähigkeit beeinträchtigt, schnell auf eine unmittelbare Gefahr zu reagieren. Die Roboter, so kann man also sagen, haben keine Reflexe. Andererseits haben sie kein „Bewusstsein“ für ihre „körperliche Unversehrtheit“. Im Allgemeinen arbeiten Kontaktsensoren im Binärmodus: Ein Kontakt wird entweder erkannt oder nicht. Es ist für den Roboter unmöglich, einen „harmlosen” Kontakt von einem gewaltsamen, potenziell schädlichen Kontakt zu unterscheiden und somit die Art der Reaktion zu verfeinern.
Um diesen Mangel zu beheben, entwickeln Teams neue Technologien. Wie die Journalistin Auriane Polge berichtet, wurde im November 2025 „ein erster wichtiger Durchbruch von einem Forscherteam in Hongkong erzielt“: „Sie entwickelten eine neuromorphe elektronische Haut namens NRE-Skin, die in der Lage ist, ohne Befehle vom Prozessor zu handeln.” Diese künstliche Haut ermöglicht eine verbesserte Reaktionsfähigkeit: Bei harmlosem Kontakt wird die Information einfach an die Zentraleinheit weitergeleitet. Überschreitet der Kontakt jedoch einen bestimmten Schwellenwert, dann aktiviert die Haut - wie ein Reflex - direkt die Motoren, um die Gefahr abzuwenden.
Das Team der Northeast Normal University hat kürzlich künstliche Nerven entwickelt. Das Gerät „Nociceptor“, das den Robotern „Fähigkeiten zur Schmerzeinschätzung […] und Neuromodulation“ verleiht, basiert auf „Memristoren" (eine begriffliche Zusammenziehung von „Memory“ + „Resistor“). Dahinter steckt ein elektronisches Bauteil, dessen Widerstand sich je nach dem zuvor durchflossenen Strom ändert.
Die verwendeten Memristoren, die nach einer nicht-binären Logik funktionieren - es gibt 16 Stufen der Kontaktintensität -, sind in der Lage, vergangene Reize in einem lokalen Speicher zu sichern. Daher wird nicht nur die punktuelle Intensität des Kontakts berücksichtigt, um die Reaktion zu erzeugen, sondern auch der Gesamtzustand der Kontaktzone: So wie selbst geringe Belastungen von lebender Haut erhebliche Schäden verursachen und einen Vermeidungsreflex auslösen können, merken sich die Systeme des Roboters, dass ein Bereich durch wiederholte Kontakte geschwächt wurde, und passen ihre Reaktion entsprechend an. Ein praktischer Pluspunkt: Die synthetischen Nerven, die in eine ionleitende Gelatine eingebettet sind, können sich selbst reparieren und heilen. Sie ähneln in ihrer Funktionsweise viel mehr den biologischen Nerven als Kupferkabeln - durch die chemische Übertragung von Magnesiumionen. Forscher haben übrigens gezeigt, dass es möglich ist, diese Nerven mit denen einer Maus zu verbinden: Durch Druck auf die Gelatine konnte eine Muskelreflexreaktion beim Nagetier ausgelöst werden.
Gibt es Schmerz ohne Bewusstsein?
Erleben wir damit wirklich die Entstehung von „schmerzempfindlichen” Robotern? Die Antwort ist alles andere als offensichtlich. Ein schädliches Signal zu erkennen und eine angemessene Reflexreaktion darauf zu produzieren, ist eine Sache; Schmerz zu empfinden ist eine andere, die eine Form innerer Erfahrung voraussetzt, über die Roboter, soweit wir das beurteilen können, nicht verfügen.
Viele Tiere und auch Pflanzen reagieren auf schädliche Signale, ohne über ein ausgeprägtes „Innenleben” zu verfügen, das ihnen im eigentlichen Sinne ein Schmerzbewusstsein verleihen würde. Ihre Beziehung zu ihrer Umgebung ist polarisiert: jenseits der bewussten Kategorien von Freude und Leid besitzen sie eine Form von Sensibilität, die lediglich zwischen primitiven Formen von Gut und Schlecht unterscheidet. In dieser Emotionalität - die für gefährdete Lebewesen, für die das Überleben eine unmittelbare Herausforderung darstellt, charakteristisch ist - hat das Bewusstsein seine Wurzeln. Das Entstehen des Bewusstseins im Laufe der Evolution ist zunächst ein Bewusstwerden der Tatsache, positiv oder negativ beeinflusst zu sein. Es ermöglicht dem Organismus, seine Fähigkeiten zu erweitern und so seine fragile Existenz effektiv zu bewältigen. Dies legen Kingson Man und Antonio Damasio in Homeostasis and soft robotics in the design of feeling machines nahe: „Lebewesen, die zu Gedanken fähig sind, sind zerbrechliche Gefäße für Schmerz, Freude und alles dazwischen. Aufgrund dieser Zerbrechlichkeit erhalten sie Zugang zum Reich der Gefühle.”
Die Zerbrechlichkeit – eine Herausforderung, der sich der Organismus in Bezug auf eine polarisierte Umgebung stellen muss, um zu überleben – ist die ursprüngliche Matrix der Innerlichkeit. Die Entwicklung von Robotern, die in der Lage sind, sich auf schädliche Einflüsse in ihrer Umgebung zu beziehen, bedeutet nicht automatisch, dass Roboter entwickelt werden, die im eigentlichen Sinne Schmerzen „empfinden” können. Aber es könnte ein wichtiger Schritt in diese Richtung sein und ganz allgemein zur Entwicklung „bewusster” Roboter mit einer Innerlichkeit führen. Bewusstsein entsteht nicht einfach durch die Erhöhung der Rechenleistung und die zunehmende Fähigkeit, Probleme zu lösen, sondern als Antwort auf eine lebenswichtige Herausforderung bei einem Wesen, das Probleme lösen muss, um zu überleben. Offen bleibt dabei: Kann man sich vorstellen, „empfindsame” Maschinen zu bauen, indem man ihnen lediglich eine Form der Schmerzempfindlichkeit einpflanzt? Müssten sie nicht auch mit der Fähigkeit ausgestattet werden, positiv beeinflusst zu werden? Mit ihrer Umgebung in eine Beziehung der Selbstverstärkung zu treten? Ohne diese Dimension der Entfaltung bleibt die primitive Polarität unvollständig. Das könnte vielleicht die Besorgten beruhigen: Wir sind zweifellos noch weit davon entfernt, empfindungsfähige und bewusste Roboter erschaffen zu können.•
Übersetzt aus dem Französischen
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