Vorwärts zurück
Der vielgestaltige Konservatismus unterhält eine ideengeschichtliche und polittheoretische Nähe zu diversen Ideologien und Herrschaftstypen. Das Lexikon stellt einige davon vor
Reaktion
Alles zurück. Wer reaktionär ist, will die Lokomotiven der Geschichte nicht nur in ihrer Geschwindigkeit bremsen oder auf ein stillgelegtes Gleis manövrieren, sondern ins Gestern zurückfahren lassen. Idealtypisch ließe sich die gegenrevolutionäre Reaktion als kompromissloserer Bruder eines wandlungsskeptischen Konservatismus bezeichnen. Während dessen Ahnherr, der Denker Edmund Burke, die historische Entwicklung nicht gänzlich verwirft und auf eine schneckenhafte Evolution erfahrungsgestählter Ordnungen setzt, fordern radikalere Gegenaufklärer, wie der Staatsmann Joseph de Maistre, nach der Französischen Revolution die Wiederbelebung von Ständesystem und einer göttlich legitimierten Monarchie. Mit dem Wiener Kongress und dem metternichschen System erlebt die Reaktion ab 1815 ihre Hochphase. Nach 1848 arrangieren sich aber auch in Deutschland Teile des konservativen Milieus mit dem Konzept des Nationalismus und konstitutionellen Verfassungsprinzipien. Marx und Engels indes bezeichnen jede Revolutionsbremse als reaktionär. Langfristig gerinnt der Terminus zu einem Schmähbegriff, durch den sich alle Fortschrittsmuffel den Vorwurf ewiger Gestrigkeit einhandeln.
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