Die impressionistische Wende des Denkens
1826 verkündete Hegel das Ende der Kunst. Die Erfindung der Fotografie wenige Monate später gab ihm recht. Doch die Kunst konnte sich neuen Aufgaben zuwenden, sie konzentrierte sich fortan auf Stimmungen. Etwas Ähnliches könnte nun dem Denken bevorstehen, das durch KI an ein Ende gelangt.
Im Wintersemester 1825/26 hielt Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Beobachter des Weltgeistes und Regent auf dem preußischen Philosophenthron, eine Vorlesung über Kunst. Nicht seine erste. Doch diesmal war der Inhalt besonders brisant. Hegel, der Musikliebhaber und Malerei-Enthusiast, der die Galerien Europas durchpflügte und jeden Abend nach Vorlesungsende von der Berliner Universität zur gegenüberliegenden Oper eilte, verkündete seinen Studenten das Ende der Kunst. Diese sei nicht mehr in der Lage, die höchsten geistigen Bedürfnisse zu befriedigen. Mit dem Klammergriff der Religion habe die Kunst im Laufe der Neuzeit nämlich nicht nur ihre Bevormundung abgeschüttelt, sondern auch ihren sinnstiftenden Auftrag verloren: „Mögen wir die griechischen Götterbilder noch so vortrefflich finden und Gottvater, Christus, Maria noch so würdig und vollendet dargestellt sehen – es hilft nichts, unser Knie beugen wir doch nicht mehr“, schließt Hegel fast ein bisschen traurig. Die Wahrheitsfindung obliege nun allein der Wissenschaft, also dem, was wir hier machen, scheint Hegel sich und seinen Zuhörern aufmunternd zuzurufen. Philosophie ist das Zentrum, auf uns kommt es an!
Freies Instrument der Kunst
Die Kunst am Ende? Wie soll das gehen?, dürfte sich so mancher von Hegels Zuhörern gefragt haben. Auch seine Künstlerfreunde reagierten mit Kopfschütteln: Felix Mendelssohn-Bartholdy ärgerte sich, dass Hegel „behaupte, die Kunst sei aus, als ob die überhaupt aufhören könnte!“. Aber Hegel wäre nicht Hegel, wenn er nicht auch diesen Einwand mitbedacht hätte. Die Kunst, die Erzeugung des „sinnlichen Scheins“, verliere in der vernunftsüchtigen Moderne zwar ihre Mission, erhalte aber ihre Freiheit. Der Künstler darf machen, was er will. Beinahe melancholisch klingt Hegel, wenn er, der Philosoph, der um seine ernste Aufgabe weiß, das Vorgehen der Kunst beschreibt: Fortan ist sie ein „freies Instrument“, das der Künstler „nach Maßgabe seiner Geschicklichkeit in Bezug auf jeden Inhalt handhaben kann“. Der Künstler könne nun „vollständig in sich hinein singe[n]“. In der Gesellschaft der Freien ist er Künstler der Freieste von allen.
Doch zu dieser Freiheit musste er erst gezwungen werden. Beinahe prophetisch muten Hegels Worte an, wenn wir bedenken, was kurz darauf geschah: Im Herbst 1826, wenige Monate nach Hegels Requiem auf die Kunst, schoss der französische Erfinder Joseph Nicéphore Niépce das erste Foto der Welt. Nach achtstündiger Belichtungszeit gelang es ihm, den Blick aus seinem Arbeitszimmer im Saint Loup de Varennes dauerhaft festzuhalten – Dächer, Türme und ein Taubenhaus waren auf einer Metallplatte verewigt, die er mit Lavendelöl und Metallstaub bestrichen hatte. Niépce nannte seine Technik „Heliografie“ – mit dem Sonnenlicht gezeichnet.
Abbildung der Realität
Erinnert dies nicht an Hegels berühmte Formulierung von der Französischen Revolution als „herrliche[m] Sonnenaufgang der Geschichte“ – einem Sonnenaufgang, der die Geschichte beendete? Denn was sollte nach der Regierung der Vernünftigen noch kommen? Napoleon hatte diesen Glauben in die Welt hinausgetragen, und Preußen hatte ihn auf äußerst vernünftige Weise adaptiert, sodass Hegel, der preußischen Staatsphilosoph, jedes Jahr am 14. Juli eine Flasche Rotwein auf den Geist der Vernunft trank. Nun also war es wieder ein Franzose, mit dem Hegel auf eigentümliche Weise in Verbindung stand und der etwas Revolutionäres in die Welt setzte: Niépces Fotografie schuf die Möglichkeit, Realität abzubilden – ohne trügerisch-„sinnlichen Schein“, den Hegel zum Wesen der Kunst rechnete. War Kunst damit nicht überflüssig geworden? Hatte Niépce die Kunst beendet, so wie Napoleon die Geschichte?
Der Fotografie war jedenfalls eine rasche Karriere beschieden. Mit einem von Louis Daguerre in den 1830er-Jahren entwickelten Verfahren gelangte die Technik zur Marktreife. Fotos waren nun überall erhältlich, jeder konnte sich und seine Umgebung für einen erschwinglichen Preis ablichten lassen. Wer brauchte da noch einen Maler? Unter Künstlern ging die Angst um. Auch weil nun lauter Dilettanten mit der Abbildung der Wirklichkeit betraut wurden. Würde die Bilderflut nicht allmählich das Malergeschick verdrängen? Der Historienmaler Paul Delaroche verkündete traurig: „Von diesem Augenblick an ist die Kunst tot!“ Hegels Prophezeiung schien sich erfüllt zu haben.
Geburt des Impressionismus
Allerdings wäre es mit Blick auf das, was nun folgte, reichlich seltsam, der Kunst ihre Lebendigkeit abzusprechen. Vielmehr schlug diese eine ganz neue Richtung ein. Die Maler dachten sich: Wenn Fotos die Welt ablichten, dann müssen wir uns darauf konzentrieren, das Unsichtbare zu zeigen – die Stimmungen und Atmosphären, das spürbare Licht und unsere Eindrücke, die „Impressionen“. Maler wie Monet nahmen ihre Staffelei und gingen hinaus in die Natur. Sie ließen die Welt auf sich wirken und malten, was sie wahrnahmen – flüchtig, fließend, stimmungsvoll. Der „Impressionismus“ war geboren, van Goghs Strichtechnik, der tupfende Pointilismus und der farbenfrohe Fauvismus schlossen daran an. Später folgten die Darstellung der Ausdrücke, Ausbrüche – Expressionismus –; die Zerlegung der Welt in primitive Formen – Kubismus –; das Traumreich des Surrealismus und schließlich die Abstraktion, die völlige Loslösung vom Gegenstand, als etwa Kasimir Malewitsch ein schwarzes Quadrat malte und damit zum Denken anregen wollte. Die Kunst hatte ihre Freiheit gewonnen – gerade weil die Fotografie sie ihr zu nehmen drohte.
Hegel hatte also recht behalten. Weil wir vor Kunst das „Knie“ nicht mehr „beugen“, darf sie alles, solange sie unsere Denkgewohnheiten durcheinanderwirbelt – und sei es durch eine Toilette, die zum Kunstwerk erklärt wird, wie Marcel Duchamp dies im Jahr 1917 tat. Kunst musste weder schön noch erhaben sein, weder überwältigen noch Ehrfurcht erzeugen. Die Moderne suchte längst andere Wege zum Absoluten, vor allem das Denken hatte es ihr angetan und wurde unter strenger Anleitung der Philosophie zum Organisator aller Lebensbereiche.
Heute jedoch, 200 Jahre nach Hegels Verkündung und Niépces Herbeiführung des Endes der Kunst, gerät ausgerechnet der so sicher geglaubte Eckpfeiler der Moderne, das Denken, ins Wanken. Künstliche Intelligenz, so eine wachsende Sorge, könnte es bald überflüssig machen. Schon heute stellen Millionen Chat-GPT-User ihrem Chatbot nicht mehr allein lexikalische Sachfragen (Wo liegt Grönland? Wer war der erste Mensch im All?), sondern Urteilsfragen: Soll ich mit meiner Freundin Schluss machen? War Hitler schlimmer als Stalin?. Noch sind die Antworten dürftig, aber sie reichen für den Alltagsgebrauch und verändern allmählich die Denkgewohnheiten, die sich gern am Bequemen orientieren. Benutzt man den Denkmuskel nicht, verkümmert er.
Ende des Denkens
Aufhorchen lassen sollten jedoch vor allem Entwicklungen an der Spitze: Sam Altman, CEO von Open AI, verkündete, seine Chatbots werden schon bald PhD-Niveau haben. KI als überlegene Wissensproduzentin? Tatsächlich gibt es immer mehr Wissenschaftler, die bewusst das Denken aufgeben, weil KI es besser kann. Kürzlich berichtete der Cool Worlds Podcast von einem Treffen in Princeton, auf dem Astrophysiker erklärten, dass KI schon jetzt zu 90 Prozent das kann, was sie können – nur eben schneller und billiger. Daher übertragen viele Wissenschaftler der KI neben organisatorischen – E-Mail-Verkehr, Anträge schreiben – längst auch inhaltliche Aufgaben wie Datenanalyse und Programmierung. Sie wissen: Wer selber rechnet, ist hintendran; und beim Codieren ist KI inzwischen besser als die meisten Menschen. Selbst die Überprüfung der Ergebnisse ist oft KI-Aufgabe, räumten die Forscher auf der Konferenz in Princeton ein, die künftige Geschichts-Chatbots vielleicht einmal als die letzte des menschlich-wissenschaftlichen Zeitalters bezeichnen werden. Ist nun also, 200 Jahre nach Hegel, das Ende des Denkens gekommen?
Möglicherweise schon, allerdings können wir vom Ende der Kunst vielleicht etwas lernen: So wie diese nicht einfach aufgehört hat, als die Fotografie sie in Sachen Realitätsabbildung überholte, sondern ihre Freiheit entwickelte vom Impressionismus bis zur Abstraktion, könnte das Denken nun ebenfalls seine Freiheit gewinnen. Vor grandiosen Denkleistungen werden wir womöglich schon bald nicht mehr das „Knie“ „beugen“, so wie Hegel sich seinerzeit unbeeindruckt zeigte vom Bild der Maria. Das Denken verliert seine Aura, seinen Kontakt zum Absoluten wie dereinst Kunst und Religion. Aber wird es deshalb verschwinden? Nehmen wir einmal an, das selbständige Denken wird tatsächlich überflüssig, weil verschaltete Systemwelten sich schon bald selbst regulieren und der träge Menschenkopf darin nur noch ein Störfaktor wäre: Könnte dies nicht der Punkt sein, an dem das Denken, sich verabschiedet aus dem Bereich der organisierenden Kräfte und sich freien Aufgaben zuwendet? Das Ende des Denkens als der Beginn des freien Rumdenkens?
Impressionistische Wende des Denkens
Möglicherweise steht das Denken vor einer impressionistischen Wende. Einer Wende, die nicht mehr Realität beschreibt und abbildet, sondern Stimmungen, Atmosphären, Eindrücke, Lichteinfälle und die Aura erfasst. Denn das kann KI noch nicht so gut. Es braucht einen Monet der Philosophie, der hinausgeht und seinen Kopf dafür verwendet, dass er die Stimmung im Wald, unter Menschen und im Kosmos beschreibt, der sich als hochinteressantes Subjekt in einer Welt dröger KI-Objektivität begreift. Vorarbeiten hierfür gibt es, etwa die Neue Phänomenologie nach Hermann Schmitz und die Atmosphärologie von Peter Sloterdijk. Aber möglicherweise steht dem Denken noch mehr bevor: Es könnte zum Stifter einer zweiten Realität werden, zum Erzeuger von Atmosphären, worin KI ebenfalls sehr ungeschickt ist. Ist die erhebende Stimmung, das gemeinsame Schwelgen in hohen Tonlagen möglicherweise das Einzige, was dem Menschen noch bleibt, nachdem er alle sonstigen subjektivitätsstiftenden Aufgaben an die Maschinen abgetreten hat? Damit würde sich die Funktion des Denkens dramatisch ändern: Denker wären keine Philosophen mehr, die verstehen, wie der Hase läuft. Es wären Sängerinnen, Schamanen und Weise, Zeremonienmeister der Atmosphäre, Handhaberinnen einer leuchtenden Magie, die sich über die Menschen legt wie der Heilige Geist. Für das Denken gilt dann wie für die Kunst: Alles ist möglich, solange es auf Stimmungen zielt. Rationalität und Konsistenz stehen dann wohl weniger hoch im Kurs als Harmonik und Esprit. Alles, was wirkt, ist erlaubt. Nur dröge darf das Denken nicht mehr sein. Denn dröge Korrektheit, das, was wir einmal Vernunft nannten, ist dann die Aufgabe der Maschine. •
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