Hartmut Rosa: „Das Band zwischen Emotion und Handeln ist durchschnitten“
Unser Tätigsein in der Welt gleicht zunehmend einer bloßen Programmausführung, so lautet die große Zeitdiagnose, die Hartmut Rosa in seinem neuen Buch Situation und Konstellation entwickelt. Durch Regeln, Vorgaben und Algorithmen verwandelt sich das Handeln in ein reines Vollziehen.
Herr Rosa, Ihr neues Buch trägt den Untertitel Vom Verschwinden des Spielraums. Wo in unserem Leben verschwinden denn die Spielräume derzeit?
Menschen brauchen Spielräume, um zu handeln – um einer Situation mit Augenmaß und Fingerspitzengefühl angemessen zu begegnen. Doch diese Art von Spielraum verschwindet überall. Beim Kochen zum Beispiel: Wenn ich den Thermomix benutze, kommt es nicht mehr auf Urteilskraft, Augenmaß oder Fingerspitzengefühl an. Das Gerät sagt mir, was ich tun soll, oder erledigt es im Zweifelsfall selbst. Beim Autofahren ist es ähnlich. Früher erforderte jede Fahrt Urteilskraft. Wir mussten einschätzen: Soll ich hoch- oder runterschalten? Nehme ich die Autobahn oder fahre ich über die Landstraße? Heute sagt mir Google Maps, wo ich abbiegen muss. Die Maschine sagt mir, ob ich hoch- oder runterschalten soll – wenn ich überhaupt noch schalten muss. Selbst beim Lego-Spielen lässt sich das beobachten: Kinder entscheiden zunehmend nicht mehr selbst, was sie mit den Bausteinen machen, sondern folgen einem Bauplan.
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