Jacques Lacan und die 68er
Der Philosoph und Psychoanalytiker Jacques Lacan war ein Herrschaftskritiker und Nonkonformist. Zugleich aber warf er der 68er-Bewegung vor, das Wesen moderner Machtapparaturen zu verkennen. Ihr anti-autoritärer Hedonismus gehe letztlich jenen Demagogen auf den Leim, die mit vermeintlich erfüllbaren Glücksversprechen locken. Mit Lacan lassen sich im Antiautoritarismus von gestern die Keime des Autoritarismus von heute entdecken.
„Wonach Sie als Revolutionäre streben, das ist ein Herr. Sie werden einen kriegen!“, schreit ein aufgebrachter Jacques Lacan einer ebenso aufgebrachten Menge Studierender entgegen. Die Antwort ist höhnisches Gelächter. Es ist der 3. Dezember 1969 und wir befinden uns im Experimentellen Universitätszentrum zu Vincennes, Paris – einer ein Jahr zuvor gegründeten Hochburg der linken Revolten von 1968.
Die Stimmung ist von Anfang an aufgeheizt. Lacan kommt kaum dazu, seinen Vortrag zu halten, für den er doch eigens eingeladen wurde. Die Studierenden sehen in dem Psychoanalytiker einen Vertreter der Disziplinarinstitutionen, die Michel Foucault etwa zur gleichen Zeit so wirkmächtig analysierte. Die Psychoanalyse ist für viele der jungen 68er ein Normierungsinstrument der bürgerlichen Gesellschaft – in einer Reihe mit Kirche, Kaserne, Gefängnis und Familie. Und nun steht dort dieser dandyhaft gekleidete Intellektuelle und erklärt den jungen Antiautoritären, dass gerade sie es sind, die nach einer neuen Autorität streben.
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