Die Potenz des Unvermögens
Neujahr ist die Zeit der Vorsätze. Man will Dinge können, die man noch nicht kann. Und verzweifelt oft. Zu Unrecht, meint unsere Kolumnistin Millay Hyatt.
Als ich vor rund vier Jahren mein erstes Online-Dating-Profil erstellt habe, lautete eine der Fragen: „Was würdest du gerne können, kannst es aber noch nicht?“ Ich musste nicht lange überlegen: „Handstand.“ Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon viele Jahre Yoga praktiziert, konnte aber erst seit Kurzem den freien Kopfstand. Dass es mir jemals gelingen würde, nur auf dem Kopf und den verschränkten Armen zu balancieren, glaubte ich lange kaum. Doch dann klappte es eines Tages und es klappte immer wieder und das Gefühl, wenn ich verkehrt herum mitten im Raum balancierte und dabei nur minimal wackelte, war herrlich, triumphierend. Ich konnte etwas, das ich lange ergebnislos geübt hatte, und der Erfolg war süß.
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Hedonistisch verzichten
Verzicht klingt lustlos, nach Diät, Gesundheitswahn, Askese. Doch auch für Hedonisten kann er interessant werden, nämlich an einem heiklen Punkt, den gerade sie erkennen sollten, meint unsere Kolumnistin Millay Hyatt.
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Meins oder deins? Besitzverhältnisse sind uns meistens sehr wichtig. Doch könnte ein Umdenken die Chance für ein freieres Dasein bergen, meint unsere Kolumnistin Millay Hyatt.
Aus Versehen verzeihen
Manchmal gelingt das Verzeihen. Anstatt schweres Leid zu sühnen, wird auf Vergeltung verzichtet. Unserer Kolumnistin Millay Hyatt ist dieser Verzicht einfach unterlaufen – und sie fragt sich: Habe ich wirklich verziehen?
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Erst langsam kommt Gretel Adorno die Aufmerksamkeit zu, die sie verdient. Denn die promovierte Chemikerin und Unternehmerin war die heimliche Kraft hinter ihrem Ehemann, Horkheimer sowie Benjamin und prägte die Kritische Theorie maßgeblich. Millay Hyatt erinnert an die zu Unrecht vergessene Denkerin.
Die Sache mit der Rudermaschine
Gute Vorsätze verlaufen oft im Sande. So wird das Heimsportgerät schnell zum Mahnmal für die Tücke gegenwärtiger Subjektivität.