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Bild: ZUMA Press Wire (Imago)

Impuls

Gelegenheit oder Kalkül?

Martin Legros veröffentlicht am 03 März 2026 4 min

Donald Trump scheint mit den verheerenden Angriffen auf den Iran am Samstagmorgen die Gunst der Stunde genutzt zu haben – jedoch ohne eine entsprechende Taktik zu besitzen. Martin Legros zeigt mit Machiavelli, warum es auf das Zusammenspiel von fortuna und virtu ankommt. 


Während größte Unsicherheit über den weiteren Verlauf des von den Vereinigten Staaten und Israel gegen den Iran begonnenen Krieges herrscht, kann man bereits mit Machiavelli dessen „opportunistischen“ Ausgangspunkt hinterfragen. Zum vielleicht ersten Mal in der Geschichte und in einer erstaunlichen Umkehrung des strategischen Denkens scheint eine reine Gelegenheit – das Zusammentreffen der wichtigsten Führer der Islamischen Republik an einem Ort – nicht nur über den Beginn der Operationen entschieden zu haben, sondern auch über den Sinn und die Ziele eines Krieges.

Dank einer Information der amerikanischen Geheimdienste wurde die israelisch-amerikanische Operation gegen den Iran am Samstagmorgen, entgegen allen Erwartungen, am helllichten Tag gestartet. Die CIA war sich sicher, dass sich die wichtigsten religiösen, politischen und sicherheitspolitischen Entscheidungsträger des Landes, darunter der Oberste Führer Ali Khamenei, in der Rue Pasteur im Zentrum von Teheran, dem Viertel der großen Institutionen und offiziellen Residenzen, treffen würden. Während die Verhandlungen über das Atomarsenal zwischen iranischen und amerikanischen Vertretern seit Wochen andauerten – allerdings unter der Drohung einer Militärflotte in der Region –, beschloss Donald Trump, „sein Vorgehen zu ändern” und eine groß angelegte Intervention zu starten. Die israelische Armee begann einen Angriff, der bereits mit der ersten Salve neben dem Obersten Führer Ali Khamenei auch die Verantwortlichen der Revolutionsgarden, mehrere Minister und etwa vierzig Sicherheitsbeamte tötete.

 

Mysterium des Augenblicks

 

Zum ersten Mal beseitigt Israel einen ausländischen Staatschef, der sich mitten in der Ausübung seines Amtes befindet. Und seinem Premierminister, Benjamin Netanjahu, bietet sich die Möglichkeit, jenes Regime zu Fall zu bringen, das seit vierzig Jahren keinen Hehl aus seinem Willen macht, Israel zu vernichten – während Donald Trump erneut seine Verachtung für das Völkerrecht und die amerikanischen Institutionen (weder der Kongress noch die politischen Kräfte wurden informiert und/oder konsultiert) zum Ausdruck bringt und sein einziges Interesse an Macht verdeutlicht. Das Ergebnis: Das Mullah-Regime wankt, gibt aber dank seines Systems von Doppelgängern vorerst nicht nach. Das iranische Volk, das bereits im Januar für Trumps falsche Versprechungen mit Blut bezahlt hat, freut sich, wartet aber ab, während es Bombardierungen erdulden muss und die Revolutionsgarden Hunderte von Raketen unsystematisch auf die Nachbarstaaten abfeuern, um sich zu schützen.

Und doch ist es das Mysterium des Augenblicks, den wir gerade erleben, dass diese neue geopolitische Katastrophe sich ohne jeden Plan oder durchdachtes Szenario seitens ihres Hauptinitiators zu entfalten scheint. Es scheint tatsächlich so, als seien die Kriegsziele neu definiert worden, und zwar a minima, auf der Grundlage der sich bietenden Gelegenheit.

Es ist nicht so sehr, dass Donald Trump seine Versprechen, alle militärischen Abenteuer der USA zu beenden, zurücknimmt. Vielmehr scheint er nicht zu wissen, was er in diesem Abenteuer tut. Er hat wahrscheinlich eine Gelegenheit ergriffen, nämlich den Kopf des iranischen Regimes zu beseitigen. Und diese Gelegenheit hat wohl im Gegenzug die Bedeutung des amerikanischen Engagements neu definiert: Ging es gestern darum, den Iran daran zu hindern, sich mit Atomwaffen auszustatten, geht es den lakonischen Erklärungen des amerikanischen Präsidenten zufolge nun darum, das Regime zu stürzen. Doch nicht um die Demokratie oder die Rechte des iranischen Volkes zu sichern, sondern um eine „unmittelbare” (in Wirklichkeit recht ungenaue) Bedrohung zu beseitigen, die „Zivilisation“ zu bewahren oder sogar den von ihm ausgewählten Nachfolger von Khamenei nach drei oder vier Wochen an den Verhandlungstisch zurückzubringen.

 

List und Kalkül

 

In Kapitel VI des Fürsten, das all jenen politischen Akteuren gewidmet ist, die sich aus der unbekannten Stellung eines Privatmannes zum Fürsten erhoben haben, schreibt Machiavelli ihnen zu, dass sie es verstanden haben, die ihnen von der Geschichte gebotenen Gelegenheiten zu nutzen, um ihre Tugend (virtu) einzuführen. Dies ist keine Tugend im moralischen Sinne, denn virtu bedeutet, wenn nötig sich auf das Böse einzulassen. Es ist stattdessen die Fähigkeit, Ereignissen Gestalt zu geben, indem man Gewalt, aber auch politische Intelligenz einsetzt, die List und Kalkül verbindet. „Wenn man ihr Leben und ihre Handlungen untersucht, so finden wir, daß sie dem Glücke wenig mehr als die Gelegenheit verdankten, das auszuführen, was sie ausgedacht hatten. Wenn die Gelegenheit gefehlt hätte, so wäre die Kraft ihres Geistes verhaucht: hätte es aber an dieser gefehlt, so wäre die Gelegenheit vergeblich dagewesen.“

Ohne diese Dialektik können die Akteure eine Zeit lang von den „Gelegenheiten“ profitieren, die ihnen das Schicksal beschert; langfristig sind sie jedoch dazu verdammt, darauf hereinzufallen. Denn „das Schicksal zeigt seine Macht dort, wo es keine Kraft gibt, die ihm Widerstand leistet, und richtet seine Angriffe auf Orte, von denen es weiß, dass es dort keine Schutzwälle oder Befestigungen gibt, die ihm die Stirn bieten könnten“. Machiavelli kommt zu dem Schluss, dass ein Mann wie Papst Julius II., der zwar großes Glück hatte, nicht anders als ungestüm handeln konnte, auch wenn es die Situation erforderte: „Wären Umstände eingetreten, die ein vorsichtiges Betragen erheischten, so wäre auch Er zu Grunde gegangen, weil er seinen natürlichen Charakter in seiner Handlungsweise nicht würde haben verleugnen können“.

Angesichts des neuen Krieges, den Donald Trump im Iran begonnen hat, werfen ihm einige vor, gegen das Völkerrecht zu verstoßen oder seine Macht zu missbrauchen. Machiavelli dagegen würde ihm eine eher politische Kritik vorwerfen: zu glauben, dass die Gelegenheit, die ihm die fortuna bot, ohne Tugend (virtu), also ohne Kalkül, auskommen könnte.

Da er keine anderen Ziele verfolgt als die Gelegenheit zu ergreifen, läuft der amerikanische Staatschef in Wirklichkeit Gefahr, sehr schnell von den Zielen eingeholt zu werden, die die anderen Akteure des Dramas  – übrigens nicht ohne virtu  – bereits zu verwirklichen begonnen haben.•


Übersetzt aus dem Französischen
 

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