Hongkong unter dem Imperium der Stille
Nach seiner Rückkehr von einer zweiwöchigen Reise durch China berichtet Michel Eltchaninoff über die gnadenlose Unterdrückung in Hongkong. Wie gehen die Menschen damit um? Und wie kämpfen sie trotz allem für ihre Freiheit? Eine Reportage.
Hongkong hat sich nicht verändert. Zumindest dem Anschein nach. Riesige Ficusbäume ranken an heruntergekommenen Gebäuden empor, Doppeldecker-Straßenbahnen holpern über die Queen's Road, während rote Taxis über die Schnellstraßen rasen. An den Hängen des Victoria Peak trifft man nach wie vor auf eine Mischung aus Expats und gut gekleideten Hongkongern (ja, dieses Jahr ist cremefarben angesagt). In einer etwas frechen Atmosphäre im Stil der britischen Siebzigerjahre stehen noch immer Bambusgerüste. Vielleicht ist die Menschenmenge etwas weniger dicht als bei meinen früheren Aufenthalten. Im Geschäftsviertel ahmt ein neuer Glaswolkenkratzer die Kurven eines Orchideenbaums nach. Man hat den Eindruck, dass die Stadt etwas langsamer wächst als früher.
Das Ende der Freiheiten
Aber es ist nicht mehr dieselbe Stadt. Im Jahr 2015 verbrachte ich zwei Wochen in einem Gebiet, das 1997 an China zurückgegeben worden und nun in Aufruhr war. Seine Bewohner kämpften um den Erhalt ihrer Freiheiten. Die Regenschirm-Bewegung von 2014 war Ausdruck des friedlichen Widerstands der Hongkonger gegen den Druck aus Peking. Dissidenten, Studenten und Bürger handelten und sprachen offen.
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